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Religion verbindet – Religion trennt

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Die gesellschaftspolitische Bedeutung von Religionen wurde am Montag vergangener Woche in Berlin von Vertretern der Politik sowie von Repräsentanten religiöser und areligiöser Weltanschauungen diskutiert.
Dienstag, 28. November 2017
Elisabeth Gräb-Schmidt. Foto: © F. Spade

Das Thema der Jahrestagung bescherte der FES abermals ein volles Haus. Foto: © F. Spade

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte im Rahmen ihrer jährlichen religionspolitischen Jahrestagung am 20. November 2017 unter dem Titel „Religion verbindet – Religion trennt: Die gesellschaftspolitische Bedeutung von Religionen“ Vertreter von Religionen sowie Arik Platzek vom Humanistischen Verband Deutschlands eingeladen darüber zu diskutieren, welche Bedeutung Religionen in einer heterogenen Gesellschaft noch als gemeinschafts- und friedensstiftende Kraft haben. Eröffnet wurde die Tagung vor rund 100 Besuchern von Mouhanad Khorchide, Inhaber des Lehrstuhls für Religionspädagogik der Universität Münster und Leiter des dortigen Zentrums für islamische Theologie, mit einem Einführungsimpuls zum Thema „Die Kraft der Religion – und wie man sie zum Wohle der Gesellschaft nutzen kann“.

Plädoyers für integrierende, inklusive und aufgeklärte Glaubensverständnisse

Nach Khorchide gewinnen durch die fortschreitende Individualisierung in der modernen Gesellschaft nicht-institutionalisierte Formen von Religiosität immer mehr an Bedeutung. Bei Muslimen der dritten Generation sollen schon drei Viertel keinen Bezug mehr zu einer Moschee-Gemeinde haben. In dem Sinne sieht er eine unsichtbar werdende Religion, wo sich Menschen ihre Religion selbst definieren und die, denen das nicht gelingt, eher eine fundamentalistische Haltung annehmen. Religionen sind nach seiner Ansicht immer politisch, weil sie auf Menschen wirken. Religionen verbinden, wenn sie ihre ethischen Potentiale entfalten und sich primär über diese definieren. Religiöse Menschen sind dabei besonders gefordert sich Gedanken darüber zu machen, wie sie die Liebeskräfte ihrer Religion freisetzen können. So können sie dann auch einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Dies tun sie besonders dann, wenn dabei der Mensch im Mittelpunkt des religiösen Interesses steht. Religionen können so helfen Gemeinschaften zu bilden, aber auch Menschen auszuschließen. Ähnliches bewirkte aber auch die Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehöre, wobei es implizit darum ging, ob bestimmte Menschen dazu gehören. Das führte aber dazu, dass der Islam und seine Symbole gerade für Jugendliche, die Schwierigkeiten haben sich zu integrieren, identitätsstiftend wurden. In dem Sinne, in dem die Identifizierung über bestimmte Gemeinden oder Gemeinschaften erfolgt und nicht über die Menschheit, wirkt Religion nach seiner Meinung eher trennend.

Die evangelische Theologin und Ethikerin Elisabeth Gräb-Schmidt (Universität Tübingen) trug nach Khorchides Eröffnungsimpuls die These vor, dass Religion politisch zum Erhalt von Demokratie von Gewicht sei, weil sie das Ethos der Menschen am Leben halte. Die Verweigerung demokratischer Einstellungen sind ihrer Ansicht nach Folgen einer Vernachlässigung „des Religiösen im weiten Sinne“. Die Religionen sollten ihren Beitrag zum Gemeinwohl reflektieren und formulieren, und die Politik die Religionen nicht sich selbst überlassen, sondern in Dialog mit ihnen treten, um das Gemeinwohl zu fördern. Religionen und Theologie können nach ihrer Ansicht einen Staat davor bewahren zu einem totalitären Regime zu werden. „Was wir gegenwärtig unter dem Deckmantel vermeintlicher Religion erleben, straft nicht nur alle Errungenschaften der Aufklärung Hohn, sondern auch das Selbstverständnis der Religionen, auch des Islam selbst“, sagte sie. Aus den historischen Verfehlungen der christlichen Kirchen sei zu lernen, aber auch aus Gesprächen mit Menschen, die aus ihrer Heimat ganz andere Erfahrungen mit Kirche im öffentlichen Raum gemacht haben. In der Moderne sei von Religionen Toleranz für eine plurale Gesellschaft, aber auch Selbstkritik zu verlangen. Menschen können jedoch mit Vernunft sowie technischer, ökonomischer und politischer Rationalität allein ihr Leben weder führen, noch eine Gemeinschaft am Leben erhalten. Es gebe eine seelische Krise, für die eine Konsumgesellschaft nicht gewappnet sei und für die die Moderne kein probates Mittel habe. Daher gelte es Religion hineinzunehmen in das Projekt der Moderne und mit Vernunft zu erkennen, dass die Säkularisierung nicht das letzte Wort ist.

Dann stellte sie die Frage: „Wie halten wir es heute mit der Freiheit des Geistes?“ und meinte, sie brauche Offenheit und Gastfreundschaft, sonst ersticke sie in der Enge selbsterrichteter Zäune und Grenzen. Das Fundamentale der Religionen dürfe nicht in das Fundamentalistische abgleiten. Es gelte für Religionen, die Aufklärung mit ins Boot zu nehmen, um Gesellschaften nicht zu spalten, sondern zu einen.

Gretchenfrage an den Humanisten

In der darauf folgenden Podiumsdiskussion kamen Arik Platzek vom Humanistischen Verband, der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castelluci sowie als Moderatorin die Bundestagsabgeordnete und Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion Kerstin Griese hinzu.

Foto: © F. Spade

Podium bei der religionspolitischen Jahrestagung der FES 2017. Foto: © F. Spade

Die erste Frage von Kerstin Griese ging an Arik Platzek mit der klischeehaften Erwartung, dass er eher das Trennende der Religion hervorheben würde. Platzek eröffnete seine Antwort mit dem Hinweis, dass er sich selber nicht als Person eingeladen sah, die eindeutig zugunsten der einen oder anderen These Stellung beziehen würde, sondern als Humanist mit einer profiliert religionsdistanzierten Perspektive. Dem Plädoyer von Mouhanad Khorchide könne er sich in vielen Teilen anschließen, sagte Platzek. Es ginge nicht vorrangig um die Frage, ob Religion per se trenne oder verbinde, sondern um die jeweiligen Glaubens- und Nichtglaubensverständnisse. Deshalb würde im Humanistischen Verband vielfach auch nicht von dem Humanismus gesprochen, sondern von einem Humanismus-Verständnis. Es sei jedoch möglich, humanistisch geprägte Haltungen und Lebensauffassungen bzw. ein Verständnis von Humanismus auch religiös zu begründen.

Der These von Elisabeth Gräb-Schmidt, dass Religion aus den menschlichen Gesellschaften auch in Zukunft nicht verschwinden werde, schloss er sich an. Er bezog sich dabei auf den Kulturwissenschaftler Jörn Rüsen, der in diesem Zusammenhang von einem „dem Menschen eigentümlichen Transzendenzbezug“ gesprochen habe. Dieser sei in ganz unterschiedlicher Ausprägung vorhanden, aber doch unumwunden anzuerkennen, weshalb etwa Forderungen nach einer „Abschaffung von Religion“ in seinen Augen wenig Sinn ergäben. Wichtig sei offen anzuerkennen, dass die Neigung zu Religiosität oder auch Spiritualität individuell ganz unterschiedlich ausgeprägt sei und dass es eben auch Menschen gebe, die sich keiner Konfession oder Religion verbunden fühlen und ohne religiöse Bezüge eine ethisch fundierte Lebensauffassung verkörpern. Daher seien diese mit in die politischen und gesellschaftlichen Diskurse einzubeziehen und dürften rechtlich und politisch nicht schlechter gestellt sein. 

Mit Blick auf Gräb-Schmidts Bezugnahmen auf das sogenannte Böckenförde-Diktum äußerte Platzek sich ebenfalls zustimmend. Die auf den Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde zurückgehende Äußerung lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Dies sei auch aus humanistischer Perspektive zustimmungsfähig, wäre jedoch aufgrund der sehr einseitigen Auslegung zugunsten der Rolle bzw. Bedeutung der Kirchen in der Vergangenheit bei religionsdistanzierten Menschen auf Unverständnis und Kritik gestoßen. In der Tat sehe er jedoch keine Allzuständigkeit staatlicher Institutionen insbesondere im Feld der Entwicklung moralischer Normen und Werte. Ethos-, Moral- und Wertebildung als Grundlage für ein freiheitliches Zusammenleben sei eine wichtige Aufgabe, die vielen Instanzen und Gemeinschaften in einem Staat zukomme. Zu diesem Feld gehören auch die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften, doch daneben gebe es eben noch eine große Zahl nicht-konfessioneller und anderer zivilgesellschaftlicher Stimmen, die sich ebenfalls daran beteiligen und ihre Vorschläge in den öffentlichen, demokratischen Diskurs mit gutem Recht einbringen. Diese seien ebenso wie nichtreligiöse Weltanschauungen und humanistische Weltanschauungsgemeinschaften bei der Berufung auf die Vorstellungen des Böckenförde-Diktums stets mitzudenken und auch angemessen bei politischen oder juristischen Entscheidungen einzubinden.

Arik Platzek sprach sich außerdem dafür aus, von religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen statt immer nur von „Religion“ zu sprechen. Der Begriff Weltanschauung sei zwar der jüngere, jedoch inklusivere Begriff und würde von Vertretern kirchlicher Fachstellen schon heute alltäglich genutzt.

Kritik an Religionspolitik von Religionskritik sorgfältig unterscheiden

Der SPD-Politiker Lars Castellucci forderte, dass humanistisch nicht antireligiös bedeuten dürfe. Er habe nichts gegen Humanisten, solange sie nichts gegen die Kirchensteuer einzuwenden hätten, fragte dann aber, wo die politische Aufgabe sei, etwas neu ordnen zu müssen. Als Beispiel guten Zusammenlebens nannte er dann den Andachtsraum im Deutschen Bundestag, wo morgens vom Band die Glocken des Kölner Doms erklingen. In dem Raum könne aber seiner Meinung nach Vielfalt ausgelebt werden.

Arik Platzek äußerte demgegenüber sein Unverständnis dafür, dass der Humanistische Verband regelmäßig als vorrangig kirchen- und religionskritisch dargestellt wird. Kritische Stellungnahmen zu religionspolitischen Missständen oder allgemeingesellschaftlich kontroversen Themen seien berechtigt, wenn sie argumentativ fundiert vorgebracht werden und sie bilden einen legitimen Teil des demokratischen Diskurses. Kritik an der Religions- bzw. Weltanschauungspolitik sei zugleich von der reinen Kirchen- oder Glaubenskritik, die innerkirchlich nicht weniger zu beobachten sei als von säkularer Seite, stets sorgfältig zu unterscheiden.