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Kölner CDU-Abgeordneter will „gemeinsamen Kampf“ gegen Atheismus

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Entchristlichung und Atheismus bilden derzeit die größeren Probleme als eine vermeintliche Islamisierung in Deutschland, meint der Bundestagsabgeordnete Heribert Hirte (CDU). Im Interview mit dem Kölner Domradio plädierte Hirte für den „Kampf“ gegen diejenigen, die an religiös geprägter Sinnstiftung kein Interesse haben.
Mittwoch, 30. August 2017
Foto: © picture alliance/Geisler-Fotopress

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Der CDU-Bundestagsabgeordnete Heribert Hirte sagte in einem am Donnerstag vergangener Woche veröffentlichten Interview mit dem Nachrichtenportal katholisch.de, dass die „tatsächlichen Herausforderungen für ein friedliches Miteinander in Deutschland“ nicht auf Seiten der Religionsgemeinschaften zu sehen seien, sondern: „In dem zunehmenden Atheismus in unserem Land – damit tun sich alle Religionen gleichermaßen schwer. Ich vertrete entschieden die These, dass wir in Deutschland kein Problem der Islamisierung, sondern vielmehr ein Problem der Entchristlichung und des wachsenden Atheismus haben“, so Heribert Hirte.

Als Beispiel dafür nannte er unter anderem das umstrittene Vorhaben, die Kuppel auf dem als staatlichem Kultur- und Bildungszentrum namens Humboldtforum geplanten Neubau des Berliner Stadtschlosses mit einem vergoldeten Kreuz als herausgehobenem kirchlichem Symbol zu versehen. Daran hatte es in den vergangenen Wochen breite Kritik gegeben. „Auf ein solches Gebäude nun ein Kreuz zu setzen, wäre völlig anachronistisch. Das Humboldtforum beherbergt keinerlei sakrale Räumlichkeiten. Es ist ein mit öffentlichen Mitteln zu öffentlichen Zwecken erbauter staatlicher wie stattlicher Bau“, sagte dazu der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke). Als eine Alternative zu dem kirchlichen Symbol hatte der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg in der Debatte ein Mikroskop als krönenden Abschluss des Gebäudes vorgeschlagen.

Am vergangenen Montag bekräftigte Heribert Hirte im Interview mit dem Kölner Domradio seine These. „Wenn christliche Symbole offensiv zur Schau getragen werden, wie zum Beispiel das Kreuz, wird das als aggressiv wahrgenommen – zumindest von Teilen der Bevölkerung“, meinte er. Insbesondere in den neuen Bundesländern gebe es Aggressionen gegenüber Religion. „Bei der Religionsfreiheit, die heute als Freiheit der Religionen gegeneinander wahrgenommen wird, wird es künftig darum gehen, sich gegen den Atheismus zu wehren und den Anspruch geltend zu machen, seine Religion ausüben zu können“, sagte der Bundestagsabgeordnete zur Frage, ob die weiter sinkende Religiosität das öffentliche Leben in Zukunft verändern werde. Religion versuche, Sinnfragen zu beantworten, etwa auch beim Thema Kita-Ausbau und der Flüchtlingspolitik. „Die Religionen könnten deshalb stärker hervorheben, dass sie versuchen genau diese Sinnfragen zu beantworten – Fragen jenseits dessen, was rational erklärbar ist“, so der 2013 im Wahlkreis Köln II erstmals als Direktkandidat in den Bundestag gewählte Professor für Rechtswissenschaft, seit 2014 Vorsitzender des überkonfessionellen Gesprächsforums „Stephanuskreis“. Religion könnte jedoch auch in eine Abseitsposition gedrängt werden, warnte Hirte. „Es geht also nicht mehr um den Kampf der Religionen gegeneinander – wie es zum Teil heute wahrgenommen wird –, sondern um den gemeinsamen Kampf der Religionen gegen diejenigen, die die Frage nach dem Sinn nicht mehr stellen wollen“, sagte der CDU-Abgeordnete gegenüber dem Kölner Sender.

Empirisch belastbar sind Hirtes Thesen zwar kaum, wie zuletzt unter anderem eine internationale wissenschaftliche Studie zu Werteorientierungen unter konfessionsfreien und nichtreligiösen Menschen verdeutlichte. Dort zeigten sich Toleranz und Sinnstiftung als überdurchschnittlich hoch ausgeprägt. Als gelinde gesagt gewagt in Hinblick auf die Konfessionsfreien gelten kann also auch die Äußerung, dass Wählerinnen und Wähler ohne kirchliche oder religiöse Orientierungen die Frage „nach dem Sinn nicht mehr stellen wollen.“ Welche religiösen Antworten für den Kita-Ausbau förderlich sein könnten, bleibt angesichts der kirchlich-konservativen Linie bei dem Thema während der vergangenen Jahrzehnte wohl schwer zu beantworten. Und dass der gebürtige Katholik Heribert Hirte die Ablehnung von religiösen Symbolen an staatlichen Gebäuden oder Institutionen als Aggression gegen Religion und Einschränkung der Ausübung von Religionsfreiheit interpretiert, bietet kurz vor den Bundestagswahlen erneut bemerkenswerte Einblicke in die politische Mentalität mancher Unionskandidaten.

Konfessionsfreie: Bürger zweiter Klasse? Um das Wissen über die vielfältigen und teils gravierenden Formen der Diskriminierung konfessionsfreier und nichtreligiöser Menschen zu verbessern, ist der Bericht Gläserne Wände erschienen. Die kompakte Broschüre beschreibt auf knapp 100 Seiten, in welchen Bereichen Bürgerinnen und Bürger ohne religiöses Bekenntnis benachteiligt werden und verweist auf aktuelle Konfliktfelder. Zusätzlich erläutert der Bericht politische und rechtliche Hintergründe des Status quo und nennt Fallbeispiele. PDF kostenlos zum Download: www.glaeserne-waende.de

Derzeit ist mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung konfessionsfrei, Tendenz wachsend. Prognosen zufolge wird die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland bis 2030 auf unter 50 Prozent sinken, doch nicht nur deswegen steigt die Zahl der Konfessionsfreien – darunter atheistisch oder agnostisch denkende oder an Religion einfach desinteressierte Menschen. Religionswissenschaftler und Soziologen weisen seit langem daraufhin, dass auch in der Gruppe der Menschen mit muslimischem Hintergrund erhebliche Säkularisierungsprozesse stattfinden, die sich in offiziellen Statistiken jedoch bisher oft nicht niederschlagen. „Die zunächst objektiv wirkenden Angaben über die Anzahl von Menschen muslimischen Glaubens bilden die Grundlage für Interpretationen, wenn nicht gar Manipulationen“, bemängelte dazu bereits 2013 die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus.

Mit etwas Glück fällt der vom Unionsabgeordneten Heribert Hirte erhoffte „Kampf der Religionen“ also vielleicht einfach aus. Dass die politischen Kreise um Mandatsträger wie Hirte, Volker Kauder und Co. der stetig zunehmenden Kirchendistanz und Religionsferne der Bürgerinnen und Bürger nicht tatenlos zusehen, dürfte aber auch klar sein.