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NRW: Wann kommt Wertebildung in die Grundschulen?

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FDP, Grüne und Linke in Nordrhein-Westfalen (NRW) wollen einen Philosophie-Unterricht für Grundschüler einführen. Die SPD will erst noch den Bedarf feststellen. Die Christdemokraten sehen diesen von vornherein nicht. Nach Einschätzung des Humanistischen Verbandes NRW sind die Chancen für eine Einführung des Fachs daher eher gering. Es sei denn, die Eltern machen Druck.
Donnerstag, 4. Mai 2017
Foto: © dpa

Rund 114.000 Grundschüler in Nordrhein-Westfalen besuchen keinen Religionsunterricht – ein wertebildendes Alternativfach gibt es für sie bisher nicht. Foto: © dpa

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) hat sich Anfang April für ein neues Grundschulfach „Philosophieren mit Kindern" ausgesprochen. Dies verspricht auch das Wahlprogramm der Bündnisgrünen zu den Landtagswahlen am 14. Mai 2017. Das neue Schulfach soll ein Ersatzfach zum Religionsunterricht für konfessionsfreie Grundschülerinnen und -schüler sein. Bisher haben diese, sofern sie vom Religionsunterricht befreit sind, in der Regel beaufsichtigte Freistunden – im Volksmund als „Heiden hüten" bezeichnet.

Der Humanistische Verband Nordrhein-Westfalen fordert seit langem die Einführung eines allgemeinen Ethikunterrichts als werteorientiertes Schulfach für alle Schüler. Bis es soweit ist, sollte das bereits für die Sekundarstufe bestehende Fach „Praktische Philosophie" angeboten werden. Bisherige Initiativen, etwa vom Lehrer-Fachverband Philosophie, führten noch nicht zum Erfolg. Könnte sich das bald ändern?

Die FDP wollte 2014 mit einem Antrag an den Landtag die Regierung zur Einführung „eines nicht-konfessionellen Werteunterrichts an Grundschulen" bewegen. Damals hatte sich Sylvia Löhrmann als Vertreterin der rot-grünen Koalition dagegen gestellt: „Die Umsetzung des Faches Philosophie für die Grundschule ist im Koalitionsvertrag für diese Legislaturperiode nicht enthalten und stellenplanmäßig auch nicht abgesichert", so Löhrmann.

Wenn die Rheinische Post sie Anfang April richtig verstanden hat, soll das nun plötzlich anders gehen: Neue Lehrer sollen für „Philosophieren mit Kindern" nicht eingestellt werden – das vorhandene Personal soll über „Zertifikatskurse" qualifiziert werden, hieß es. Zusätzlicher Unterricht ohne zusätzliche Lehrer bei ohnehin bestehendem Lehrermangel? Die neue Ankündigung von Löhrmann sei schon deswegen verwunderlich, meint Erwin Kress, Präsident des Humanistischen Verbands Nordrhein-Westfalen.

Viele Grundschüler erhalten bisher kein geeignetes Angebot

CDU und SPD erklärten zudem in einer vor kurzem durchgeführten Befragung zu Wahlprüfsteinen des Humanistischen Verbandes, dass sie einen solchen Unterricht vom Prinzip her für nützlich halten. Die CDU sieht bislang aber keinen nennenswerten Bedarf. Auch die SPD will „vor weitergehenden Schritten erst einmal die tatsächlichen Bedarfe feststellen", wie sie in ihrer Antwort mitteilte.

Doch wenn man „Praktische Philosophie" in der Grundschule wie in der Sekundarstufe I als Pflichtersatzfach einrichtet, ist der Bedarf klar, meint Kress: Es müssten alle Kinder teilnehmen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen. Deren Anteil an der Gesamtschülerzahl betrug im vergangenen Schuljahr 18,4 Prozent, insgesamt rund 114.000, und somit über sechs Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Tendenz weiter steigend.

SPD oder CDU oder gleich beide Parteien werden in der kommenden Landesregierung für die Umsetzung verantwortlich sein, sagt Erwin Kress weiter. Die Fortsetzung der rot-grünen Koalition erscheint derzeit wenig wahrscheinlich. Auch für eine rot-rot-grüne Koalition wird es knapp. Eine breite und entschlossene Mehrheit im Landtag für die Einführung eines werteorientierten Schulfachs für konfessionsfreie Grundschüler als Alternative zum Religionsunterricht ist damit derzeit nicht wirklich greifbar.

Erwin Kress, Präsident des Humanistischen Verbandes Nordrhein-Westfalen. Foto: © A. Platzek

Erwin Kress, Präsident des Humanistischen Verbandes Nordrhein-Westfalen. Foto: © A. Platzek

Erwin Kress weiß zudem aufgrund der Erfahrungen in Baden-Württemberg, wie leicht sogar eindeutige Koalitionsvereinbarungen unter dem Rotstift wegverhandelt werden. Dort hatte die bis März 2016 regierende rot-grüne Koalition fünf Jahre zuvor vereinbart, Ethikunterricht bis in die Grundschulstufe auszubauen. Aus Kostengründen wurde das Vorhaben schließlich erst bis in den nächste Legislaturperiode vertagt, nun soll unter der jetzigen grün-schwarzen Regierung der Ausbau in Baden-Württemberg mit einem von humanistischer Seite bereits als zu gering beurteilten Budget bis 2020 erfolgen – und lediglich bis zur Klassenstufe 5.

Fehlen von Alternative zum Religionsunterricht ist bildungspolitischer Skandal

Ähnlich könnte es auch in Nordrhein-Westfalen passieren. „Der Druck auf die Landeskasse wird den Ausschlag geben, wenn es nicht gelingt, aus der Eltern- und Lehrerschaft einen entsprechenden Gegendruck aufzubauen", meint Kress dazu. „Dass es bei den Eltern prinzipiell ein großes Interesse an nichtreligiösem Philosophie- und Ethikunterricht gibt, sofern er angeboten wird, zeigen beispielsweise die Erfahrungen in Berlin", sagte Kress weiter. Dort besuchen über 17 Prozent aller Schüler das Fach Humanistische Lebenskunde, an den Grundschulen ist das Fach nach Teilnehmerzahlen am beliebtesten. Der Besuch von Humanistischer Lebenskunde ist dort freiwillig, ebenso wie der Besuch eines Religionsunterrichts. Zusätzlich gibt es einen allgemeinverbindlichen integrativen Ethikunterricht, der von allen Schülern besucht wird.

Dieses Modell könne auch für Nordrhein-Westfalen eine gute Lösung werden, soweit es um die schulische Wertebildung geht, meint Erwin Kress. Die Zeit für Veränderungen ist aus seiner Sicht längst reif: Dass konfessionsfreien Grundschülern und ihren Eltern bisher eine gleichwertig ausgestattete Alternative zum Religionsunterricht vorenthalten bleibt, wachse sich im gleichen Maße zum bildungspolitischen Skandal aus wie deren Anteil an der Bevölkerung zunimmt, sagt er.

Zum Thema Der Bericht Gläserne Wände zur Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland dokumentiert auf knapp 100 Seiten, in welchen Bereichen Bürgerinnen und Bürger ohne religiöses Bekenntnis benachteiligt werden. Der Bericht kann kostenfrei heruntergeladen werden auf www.glaeserne-waende.de.

„Wenn sich die Bildungspolitik der Parteien hier in absehbarer Zeit spürbar bewegen soll, müssen sich die Bürgerinnen und Bürger – auch als Wähler – noch stärker hinter das Anliegen stellen", sagt Erwin Kress darum. Er verspricht: Die im vergangenen Jahr ins Leben gerufene Landesarbeitsgemeinschaft Humanismus und Schule werde Eltern und Lehrer nach allen Kräften unterstützen.