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Leopoldina befürwortet Evolution in der Grundschule

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Die Nationale Akademie der Wissenschaften Deutschlands empfiehlt eine umfassende Ausweitung der schulischen Vermittlung des Wissens über die Evolution und der Vertiefung des Verständnisses dafür. Bereits in zehn Jahren könnten wichtige Verbesserungen bundesweit umgesetzt sein, heißt es in einer vor kurzem veröffentlichten Stellungnahme.
Freitag, 21. April 2017

Sie ist eine der größten Entdeckungen in der Menschheitsgeschichte und der wohl fundamentalste Prozess für alles bekannte Leben, doch an den Schulen der Bundesrepublik Deutschland fristet das Thema trotzdem noch immer ein Nischendasein: das Wissen von der natürlichen Evolution, die zur Entwicklung aller früher und heute existierenden Lebewesen geführt hat. In einer vor kurzem veröffentlichten Stellungnahme hat sich die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, seit 2008 zugleich Nationale Akademie der Wissenschaften Deutschlands, nun für eine umfassende Ausweitung der Vermittlung der Erkenntnisse über die Evolution und deren Bedeutung an deutschen Schulen und Hochschulen ausgesprochen. Unter anderem empfiehlt die Stellungnahme, „dass das Thema ‚Evolution‘ nicht erst am Ende der Schulzeit seinen Platz findet, sondern durchgehende Leitlinie des gesamten Biologieunterrichts ab Klasse 5 ist und integrativ auch in anderen Schulfächern zu thematisieren ist.“ Zudem sollte bereits im Unterricht in der Primarstufe eine Anbahnung von Wissen über und Verständnis für evolutionsbiologische Themen erfolgen.

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„Die biologische Evolution ist das vereinigende, übergreifende Erklärungsprinzip der Lebenswissenschaften. Die Evolutionsbiologie liefert Erkenntnisse zum Selbstverständnis des Menschen, zu seinen Interaktionen mit der Umwelt, zu seiner Gesundheit, seinen sozialen Interaktionen, seinem ökonomischen Handeln und seiner kulturellen Entwicklung. Deshalb gehören die Kenntnis wesentlicher Aussagen der Evolutionsbiologie über die Entwicklung des Lebens auf der Erde sowie das tiefere Verständnis der Mechanismen und der Dynamik von Evolutionsprozessen zum unverzichtbaren Fundament der naturwissenschaftlichen Bildung an Schulen und Hochschulen“, lautet die erste von vier zusammenfassenden Empfehlungen in der rund 50-seitigen Stellungnahme. Trotzdem herrsche zwischen der Bedeutung der modernen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und deren Vermittlung „an deutschen Schulen und Hochschulen immer noch eine große Diskrepanz“, heißt es in der Stellungnahme der Leopoldina weiter.

Die Autoren weisen darum darauf hin, dass Erkenntnisse über die Evolution und die durch Forschung kontinuierlich weiterentwickelte Evolutionstheorie weit über den Fachbereich Biologie hinaus bedeutsam sind. Auch für medizinische, ökonomische, soziale und kulturelle Bereiche habe das Verständnis für evolutionäre Prozesse erhebliche Relevanz. Der modernen Evolutionsbiologie kommt daher nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht große Bedeutung zu, sondern auch in gesellschaftlicher. „Evolution ist ein allgegenwärtiger und sehr dynamischer Prozess. Die Konzepte und Erkenntnisse der Evolutionstheorie haben viele Berührungspunkte mit unserem Alltag, etwa bei unserem Umgang mit Infektionen. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen, seltener Antibiotika zu verschreiben, so beruht dies auf einer evolutionsbiologischen Beobachtung: Die häufige Anwendung von Antibiotika forciert das Auftreten von resistenten Bakterienstämmen“, erklärt die Stellungnahme dazu. Weiter heißt es: „Klimawandel, Krankheiten, Nahrungsmittelsicherheit und biologische Invasionen sind zentrale gesellschaftliche Herausforderungen, von denen jede auch eine evolutionsbiologische Dimension hat.“

Evolutionsbiologische Forschung und Lehre flächendeckend etablieren

Die evolutionsbiologische Ausbildung an Schulen und Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland sollte daher grundsätzlich erneuert werden, empfiehlt die Stellungnahme der Leopoldina. Dazu sollten zunächst eine detaillierte Bestandsaufnahme der heutigen Situation der evolutionsbiologischen Ausbildung erfolgen und eine länderübergreifende Koordinierungsgruppe eingerichtet werden, um vorhandene positive Entwicklungen in diesem Bereich zu unterstützen. Zudem sollte ein bundesweites und die einzelnen Klassenstufen überspannendes Rahmen-Curriculum „Evolutionsbiologie für alle Schulformen“ und „Unterrichtsmaterialien jenseits traditioneller Schulbücher“ entwickelt werden, einschließlich der Nutzung von außerschulischen Maßnahmen im Bereich der Lebenswissenschaften zur Verbesserung der evolutionsbiologischen Ausbildung. Die letzten beiden der insgesamt sechs Empfehlungen lauten, eine moderne evolutionsbiologische Forschung und Lehre flächendeckend zu etablieren und transdisziplinäre Ansätze zu fördern.

In den Schulen könnten die erforderlichen Schritte offenbar in relativ kurzer Zeit verwirklicht werden. „Verbesserungen des Status der Evolutionsbiologie im Schulunterricht werden durch eine Umstrukturierung der fachdidaktischen Ausbildung, Änderungen der Curricula und neue Schulbücher nur langfristig erzielt. Ein realistischer Zeithorizont ist ungefähr bei 10 Jahren anzusetzen“, so die Stellungnahme dazu.

Wie groß der Handlungsbedarf bei diesem Thema ist, illustrieren nicht nur repräsentative Befragungen in der deutschen Bevölkerung, bei denen lediglich rund 60 Prozent der Teilnehmer angaben, von einer natürlichen Entwicklung des Menschen aus anderen Lebensformen auszugehen. Mit dem im Juni 2013 gestarteten Bildungsprojekt „Evokids“ widmen sich mittlerweile sogar private Initiativen dem Ziel, eine Verbesserung der Situation insbesondere in Schulen und Grundschulen herbeizuführen. Entwickelt worden sind im Rahmen des Projekts unter anderem erste Unterrichtsmaterialien zum Thema Evolution, die interessierte Lehrkräfte kostenfrei herunterladen und für ihre Schulklassen nutzen können.

Ausdrücklich begrüßt wurde die Stellungnahme der Leopoldina von der Biologin Anna Beniermann, die derzeit am Lehrstuhl für Biodidaktik der Universität Gießen promoviert. In ihrer Dissertation beschäftigt sich Beniermann mit den Einstellungen von Menschen in Deutschland zu Evolution im Allgemeinen sowie zur Evolution des menschlichen Bewusstseins. Vor allem Letzteres erfährt auch unabhängig von religiösem Glauben häufig nur wenig Zustimmung, sagt Beniermann. „Zahlreiche Studien zeigen, dass Evolution von Schülerinnen und Schülern zu großen Teilen nicht verstanden wird. Selbst angehende Lehrerinnen und Lehrer haben mitunter gravierende Fehlvorstellungen zu evolutionären Inhalten. Es gibt also sicherlich einen dringenden Bedarf an Strategien zur effektiven Vermittlung evolutionärer Prinzipien an Schulen und Hochschulen“, sagt Beniermann zur heutigen Situation. „Während der Kreationismus, also die Ablehnung der Evolution zugunsten eines Schöpfungsglaubens, in Deutschland eine vergleichsweise kleine Rolle spielt, richten sich gegen eine vollständig naturalistisch verstandene Evolution verschieden starke Widerstände“, sagt sie.

Dass Evolution stattfindet und dass auch der Mensch ein Naturwesen ist, spiele für das menschliche Selbst- und Weltverständnis eine große Rolle, so die Biologin. „Für Themen wie Biodiversitäts- und Klimaschutz kann es einen großen Unterschied machen, ob geglaubt wird, die Welt sei den Menschen von einem höheren Wesen ‚zum Gebrauch‘ zur Verfügung gestellt worden oder ob man davon ausgeht, dass der Mensch sich auf diesem Planeten als eines von vielen Lebewesen entwickelt hat, mit denen er den Lebensraum Erde teilt“, erklärt Beniermann und meint: „Aus diesen Gründen ist die Stellungnahme der Leopoldina von essentieller Bedeutung. Sie wird hoffentlich dazu beitragen, dass das Thema Evolution in Zukunft immer mehr zu einem integrativen Rahmen im Biologieunterricht wird und auch in der Ausbildung von Lehrkräften endlich angemessen thematisiert wird.“