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Religionswissenschaftler verringern Konfessionsfreien-Diskriminierung

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Der Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst (REMID) zählt Menschen ohne die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft nicht mehr pauschal als „Konfessionslose“. In der aktuellen Statistik wird außerdem zwischen „organisierten Konfessionsfreien“ und Personen, die sich weltanschaulich nicht zuordnen lassen, differenziert.
Donnerstag, 16. Februar 2017

Laut einer aktuellen Statistik des unabhängigen Vereins REMID lebten im Jahr 2015 rund 25,5 Millionen Menschen in Deutschland, die keiner der größeren und kleineren Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bzw. Glaubensrichtungen angehören. Mit 31,4 Prozent Bevölkerungsanteil bilden diese Menschen mittlerweile die größte „Gruppe“ neben den verschiedenen Konfessionen bzw. Religionsgemeinschaften. Neu an der Statistik ist, dass diese Bürgerinnen und Bürger als das bezeichnet werden, was sie aus wissenschaftlicher Perspektive sind: Personen, die sich keiner der bekannten bzw. abgebildeten religiösen oder areligiösen weltanschaulichen Strömungen zuordnen lassen.

Damit hebt der religionswissenschaftliche Verein eine begrifflich gepflegte Benachteiligung auf, an der Vertreter säkularer Organisationen seit Jahren vielfach Kritik geübt haben: Denn die Silbe „-los“ im Begriff konfessionslos suggeriert, dass Menschen ohne Zugehörigkeit zu einer „Konfession“ etwas fehlen würde, das normalerweise vorhanden sein sollte. Ahnungslos, arbeitslos, würdelos – konfessionslos?

Aus religionswissenschaftlicher Perspektive ist der Schritt folgerichtig und Konsequenz einer notwendigerweise neutralen Haltung gegenüber den Wahrheitsansprüchen der verschiedenen religiösen und areligiösen Auffassungen bzw. Vorstellungen, die sich in der Vielzahl der von REMID betrachteten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften widerspiegeln.

Neben diesem großen Bevölkerungsteil, bei dem religionswissenschaftlich derzeit „keine Zuordnung“ vorgenommen werden kann, werden in der Statistik außerdem rund 400.000 Menschen als „organisierte Konfessionsfreie“ ausgewiesen: Darunter Menschen, die sich im Humanistischen Verband Deutschlands oder ähnlichen Organisationen zusammengeschlossen haben. Insgesamt bilden diese damit derzeit etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung.

Neu in die REMID-Statistik aufgenommen worden ist auch das Yezidentum, das wegen der Flucht von Menschen aus Syrien und anderen vom Terror des „Islamischen Staates“ betroffenen Regionen mittlerweile durch rund 100.000 Personen in der Bundesrepublik vertreten ist.

Ganz frei von der Brille, die die weltanschauliche heute sehr heterogene Bevölkerung Deutschlands unter „kirchenförmigen“ Maßstäben darstellt, erscheint aber auch die verbesserte REMID-Statistik noch nicht. Denn die in der Statistik ausgewiesene Zahl von rund 4,5 Millionen Menschen, die einer der islamischen Glaubensrichtungen anhängen, dürfte wohl auch in Zukunft angezweifelt werden. „Als Muslim wird oft gezählt, wer aus einem islamisch geprägten Land stammt. Dabei bleibt unklar, ob sich die Person tatsächlich als muslimisch versteht“, fasste ein Bericht der Sendereihe „Tag für Tag“ im Deutschlandfunk zu Jahresbeginn diese Statistik-Probleme mit Verweis auf die von einer religionskritischen Stiftung finanzierte Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland zusammen. Der Religionswissenschaftler Christoph Wagenseil, Vorsitzender von REMID, sagt dazu: „Wir haben diese Zahl beibehalten, da es derzeit keine bessere Alternative gibt. Der Vorwurf, dass das die Menschen aus muslimischen Ländern seien, wird stark diskutiert und traf auch früher zu, lässt sich aber im Übrigen nicht eins zu ein auf die Hochrechnungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge von 2008 und 2015 übertragen“, so Wagenseil.

Nachvollziehbar ist zugleich, dass ein relativ kleiner und unabhängiger Verein von Religionswissenschaftlern wie bei REMID nicht grundsätzliche Defizite in der Betrachtung und Untersuchung der weltanschaulichen Landschaft aufheben kann, die sich unter anderem in der hohen Zahl von Angehörigen der Evangelischen oder Katholischen Kirche niederschlägt – bedingt durch die Privilegierung der christlichen Kirchen im Arbeitsrecht und deren mitunter monopolartige Aufstellung im Sozial- und Bildungssektor wird hier regelmäßig mit einer Mitgliederzahl gerechnet, die von den empirischen Ergebnissen bei genauerer Befragung zu religiösen bzw. weltanschaulichen Haltungen und Vorstellungen wahrscheinlich nicht gedeckt wird. Belege dafür bieten unter anderem die „hauseigenen“ Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen der Evangelischen Kirche, die auf einen nicht unerheblichen Anteil von atheistisch oder „religiös indifferent“ gesinnten Menschen in der offiziell ausgewiesenen Mitgliederzahl hinweisen.

Kurz: Das empirische Instrumentarium für eine ausreichend differenzierte Erfassung des weltanschaulichen Pluralismus in der Bundesrepublik Deutschland scheint bisher nicht vorhanden. Ein Problem ist dies insbesondere für den Teil unserer Gesellschaft, der sich ganz offen nicht unter eine der religiösen Zuordnungen subsumieren lässt, aber auch für Menschen, die sich als zwangskonfessionalisiert betrachten müssen – nichtreligiöse Beschäftigte in kirchlichen Einrichtungen, säkulare Muslime, atheistisch denkende Flüchtlinge. Eine Abkehr von der begrifflichen Herabsetzung des Bevölkerungsteils ohne die Zugehörigkeit zu einer Religions- bzw. Konfessionsgemeinschaft, wie sie durch insbesondere kirchliche Stellen und auch Bundesbehörden heute noch vielfach praktiziert wird, ist jedenfalls zwar eine kleine, aber doch wertvolle Verbesserung auf dem Weg zu religionspolitischen Diskussionen auf der Höhe der Zeit.