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Studie rückt lebensweltliche Identitäten Konfessionsfreier in den Fokus

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Konfessionsfreie sind nicht nichts. Dieser Tatsache stellt sich derzeit eine wissenschaftliche Befragung in fünf europäischen Staaten. Erstmals soll durch die Studie eingehender untersucht werden, mit welchen lebensweltlichen Identitäten und weltanschaulichen Auffassungen sich konfessionsfreie Menschen verbunden sehen. Die Online-Befragung läuft bis Ende Dezember.
Dienstag, 25. Oktober 2016
Foto: David Müller-Rico

In Düsseldorf feierten Aktivisten das Wachstum des Anteils Konfessionsfreier in der Stadt im April 2014 mit einer Veranstaltungswoche. Foto: David Müller-Rico

In der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz, Österreich, Dänemark und den Niederlanden führen bereits heute Millionen Menschen ein Leben ohne eine Kirche oder Religion. In Deutschland ist laut dem Religionswissenschaftlichen Mediendienst (REMID) derzeit ein Drittel der Bevölkerung konfessionsfrei, Tendenz steigend. Frühere repräsentative Befragungen und Untersuchungen für den Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zeigten, dass die deutliche Mehrheit der Konfessionsfreien a- bzw. nichtreligiöse Lebensauffassungen hat sowie ein auf Selbstbestimmung und humanistisch-ethischen Grundsätzen beruhendes Leben führt. Detailliertere Erkenntnisse, welche weltanschaulichen Auffassungen und wertebezogenen Orientierungen unter Konfessionsfreien verbreitet sind, lagen bisher kaum vor.

Forschungsleiterin Tatjana Schnell.

Forschungsleiterin Prof. Dr. Tatjana Schnell, Universität Innsbruck. Foto: Wendy A. Hern

Die von den vier einschlägig renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Tatjana Schnell (Universität Innsbruck), Elpine de Boer (Universität Leiden), Peter La Cour (Universität von Kopenhagen) und Hans Alma (Universität für Humanistische Studien, Utrecht) entwickelte Befragung will nun genauer herausfinden, wie die Identitäten der konfessionsfreien Menschen in den fünf europäischen Ländern „gestrickt“ sind, in denen die Befragung in den nächsten Monaten durchgeführt wird. „Welche Weltbilder vertreten sie, welche Erfahrungen machen sie? Gibt es andere, nicht-religiöse Organisationen, denen sie sich zugehörig fühlen? Unser Ziel ist es, mehr Wissen über die Vielfalt unserer Weltbilder zu gewinnen. Nur so können die unterschiedlichen Anliegen auch angemessen in der Gesellschaft Gehör finden“, sagt die Psychologin Tatjana Schnell, assoziierte Professorin am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck, zum Zweck der Untersuchung.

Für die erste Stufe der Studie wurde vor kurzem eine Online-Befragung gestartet, in der Interessierte sich zahlreichen Fragen stellen können, um den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern klarere Erkenntnisse über die Aspekte der Identität, Lebensauffassung und Werteorientierung konfessionsfreier Menschen zu ermöglichen. Was erwarten sie von ihrem Leben? Welches Verständnis von Wissen und Wahrheit wird vertreten? Wie verbreitet sind Praktiken wie Gebete oder Meditation unter Menschen ohne Kirchen- bzw. Religionszugehörigkeit? Glauben Konfessionsfreie an Telepathie oder andere Wunderkräfte? Wie halten sie es mit der Evolutionstheorie? Wie wichtig ist für Menschen ohne Bezug zu religiösen Institutionen der bewusste Umgang mit sich selbst und ihren Mitmenschen? Wie bezeichnen sie sich weltanschaulich und welchen Personengruppen fühlen sie sich deswegen verbunden?

Von Seiten des Humanistischen Verbandes Deutschlands, der sich als eine Kultur- und Interessenorganisation konfessionsfreier Menschen versteht, ist die wissenschaftliche Untersuchung des internationalen Forscherkollegiums begrüßt worden. Frieder Otto Wolf, Philosoph und Präsident des Verbandes, sagte zu der neuen Studie, es sei „sehr erfreulich, dass die Existenz, die Relevanz und die Interessen von konfessionsfreien Bürgerinnen und Bürgern auch die zunehmende Aufmerksamkeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern finden und entsprechend empirisch untersucht werden. Besonders erfreulich ist dabei, dass diese Untersuchung europäisch vergleichend vorgeht und in auf Dauer angelegte universitäre Forschungen eingebettet ist. Für den HVD als einen Verband, der sich bereits mit einem breiten und vielfältigen Spektrum von Kultur-, Bildungs- und Sozialdienstleistungen an kirchen- und religionsferne Menschen richtet, sind derartige neue und detailliertere Erkenntnisse natürlich ebenfalls wichtig. Für unseren praktischen Humanismus, der sich an Menschen in allen Lebenslagen richtet, ist verlässliches Wissen über Konfessionsfreie stets wertvoll, um unsere Angebote an Dienstleistungen und Unterstützung gezielt weiterzuentwickeln“, so Wolf.

Hier befindet sich die Online-Befragung Konfessionsfreie Identitäten

Die Ergebnisse der Untersuchung mit dem Titel „Konfessionsfreie Identitäten“ sollen nach aktueller Planung im Frühjahr 2017 vorgestellt werden. Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Online-Befragung haben nach Beantwortung des Fragekatalogs die Möglichkeit, bei Interesse eine Zusammenfassung der Studienergebnisse anzufordern.