Direkt zum Inhalt

Humanismus auf einem Bierdeckel

DruckversionEinem Freund senden
Humanisten antworten auf die „Bierdeckel-Aktion“ der Evangelischen Kirche.
Freitag, 21. Oktober 2016
Foto: EKHN / Gobasil

Liebe „Gott“? Viele Bürgerinnen und Bürger in Hessen können mit der Einladung der Evangelischen Kirche wenig anfangen. Die Humanisten wollen nun eine Diskussion für alle in Schwung bringen. Foto: © EKHN

Der Humanistische Verband in Hessen verteilt Bierdeckel mit Kernbotschaften seines Humanismus-Verständnisses. Damit wollen die Mitglieder und Unterstützer des Verbandes als eine Interessenvertretung von religionsfreien Menschen auf die Anfang Oktober gestartete Aktion der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) antworten. Diese hatte Bierdeckel mit der Kernbotschaft der Bibel in Kneipen ausgelegt und an all ihre Mitglieder verschickt. Durch die Aktion „Die ganze Bibel auf einem Bierdeckel“ sollen Grundfragen des Lebens neu ins Blickfeld gerückt und vor dem Hintergrund eines protestantisch-christlichen Glaubens diskutiert werden, hieß es dazu in einer Pressemitteilung.

Nicht immer nur nach den Kirchen schauen

„Grundlegende ethische Fragen stellen sich alle Menschen, nicht nur Christen. Und für ein Drittel der Menschen in Deutschland spielt der Glaube an höhere Wesen schließlich gar keine Rolle", sagte Pete Stary, Grafiker des Humanistischen Verbandes Hessen, über seine Motivation zur Gestaltung der „Humanismus-Bierdeckel“. Während sich lediglich zehn Prozent aller Hessinnen und Hessen als „sehr“ religiös bezeichnen, beschreiben sich doppelt so viele, nämlich 20 Prozent als „gar nicht“ religiös. Und sogar 35 Prozent der Menschen, die der EKHN angehören, charakterisieren sich als „gar nicht“ oder „eher nicht“ religiös. Von den insgesamt rund sechs Millionen Einwohnern des Landes sind 26 Prozent konfessionsfrei, die Mehrheit davon teilt humanistische Lebensauffassungen.

Konfessionsfreie vielfach schlechter gestellt

Wie der vor gut einem Jahr erstmals veröffentlichte Bericht Gläserne Wände auf knapp 100 Seiten aufzeigt hat, sehen sich aber insbesondere konfessionsfreie und nichtreligiöse Menschen in der Bundesrepublik in zahlreichen Bereichen systematisch rechtlicher oder politischer Benachteiligung ausgesetzt. So müssen Eltern bzw. Schüler ohne religiösen Glauben bis heute auf ein werte- und ethisch bildendes Fach ab Klassenstufe 1 als Alternative zu den Religionsunterrichten an der ganz überwiegenden Zahl der Schulen des Landes verzichten. Ferner gibt es zwar Vertreter der christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks und zukünftig soll auch ein Vertreter von Muslimen in den Rat einbezogen werden. Konfessionsfreie und nichtreligiöse Gebührenzahler suchen thematisch profilierte Ansprechpartner für Anliegen bei der Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks jedoch bislang vergebens.

Einladung zur Diskussion – nicht nur beim Bier

„Der säkulare Humanismus bietet eine klare und attraktive Alternative zu den Weltreligionen und sucht gleichzeitig den Dialog im Interesse eines guten Zusammenlebens“, sagt Joachim Grebe, der im Humanistischen Verband Hessen als beauftragter Ansprechpartner für den Dialog zwischen den religionsfreien und den religiösen Weltanschauungen tätig ist. Grebe hatte die Idee zum Alternativangebot „Humanismus auf einem Bierdeckel“. Somit sind durch die hessischen Humanisten nun alle zur Diskussion eingeladen, die zufällig ihr Bierglas auf den einen oder anderen Bierdeckel stellen.

Bild: Pete Stary

Drei zentrale Aussagen des Humanismus-Verständnisses, die der Aufforderung zur „Gottes“-Liebe seitens der EKHN gegenübergestellt werden sollen. Bild:  Pete Stary

„Auf den Bierdeckeln der EKHN wird als Antwort darauf, worauf es wirklich ankomme, die Liebe zu Gott in den Fokus gerückt. Der HVD Hessen hingegen betont die Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen – auf den Humanistischen Bierdeckeln wie in der praktischen Arbeit“, erklärt Anna Beniermann, stellvertretende Landesvorsitzende des HVD Hessen.

Hier können die neuen „Humanismus-Bierdeckel“ bestellt werden: info@hvd-hessen.de

Deutscher Humanistentag 2017

Foto: privat

Anna Beniermann

Die Aktion der EKHN ist Auftakt des 500. Geburtstags der Reformation im kommenden Jahr. Und auch die säkularen Humanistinnen und Humanisten haben im nächsten Jahr einen hervorragenden Anlass zu feiern: Vom 15. bis 18. Juni findet in Nürnberg der Deutsche Humanistentag 2017 statt - das bisher größte Festival für Humanistinnen und Humanisten in Deutschland.

„Wer sich für eine humanere Welt, demokratische Werte, Selbstbestimmung und Menschenrechte einsetzen möchte und dabei ohne Gottesbezug auskommt, der dürfte sich beim Humanistentag 2017 sehr wohlfühlen“, so Anna Beniermann. Sie bekräftigte die Einladung für Menschen in Hessen und in allen anderen Bundesländern, sich beim Besuch des kommenden Festivals in Nürnberg ein eigenes Bild von der Vielfalt humanistischen Lebens in Deutschland zu machen.