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„Ehrenwerke“ für eine starke humanistische Kultur

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Ehrenamtliches Engagement ist von vitaler Bedeutung für den Erhalt und das Wachstum humanistischer Projekte. Neuer Bestandteil des traditionsreichen Magazins „diesseits“ ist darum nun eine Rubrik, die ehrenamtliches Engagement mit einem entsprechenden Profil fördern soll. Der Bedarf dafür ist riesig.
Mittwoch, 19. Oktober 2016
Foto: A. Platzek

Gabriele Will.

„Meine Motivation ist, die humanistische Weltanschauung zu leben und ihr ein Gesicht zu geben in unserer Gesellschaft“, sagt Gabriele Will, Kinderärztin und Vorstandssprecherin der Humanisten Baden-Württemberg. Seit bereits 15 Jahren engagiert sie sich im Vorstand des Verbandes, hat sich unter anderem im Vorfeld des Aufbaus der ersten humanistischen Kindertagesstätte im Land engagiert und seit 2009 viel Zeit und Kraft im gemeinsamen Hospizdienst der Humanisten und AWO Stuttgart investiert, als stellvertretende Koordinationsleiterin des Dienstes und als ehrenamtliche humanistische Sterbebegleiterin. „Im Ehrenamt kann man viel lernen und wertvolle Erfahrungen sammeln. Oft aber ist es auch ein Knochenjob. In unserem Verband sind wir mittlerweile am Limit der Belastbarkeit angekommen. Wir müssen unbedingt mehr Mitglieder dazu motivieren, sich einzubringen“, sagt Will heute.

Ähnlich wie in Baden-Württemberg sieht es in vielen Regionen Deutschlands aus, in denen sich die vielfältigen Formen der praktischen Arbeit unter dem Dach des Humanistischen Verbandes Deutschlands seit dessen Gründung 1993 breit entfaltet haben: die jährlichen Jugendfeiern, die Begleitung von Menschen bei Lebenswenden wie der Geburt eines Kindes oder einer Hochzeit, andere kulturelle oder bildende Veranstaltungen und unterschiedliche Angebote sozialer Dienstleistungen und Unterstützungsprojekte bilden heute das Aktivitätsprofil humanistischer Gemeinschaften in vielen Regionen – noch lange nicht flächendeckend, aber an stetig mehr Orten. Und wie die laufenden Diskussionen über Wege für die erfolgreiche Fortsetzung und Entwicklung der wertvollen Tätigkeiten verdeutlichen, stehen organisierte Humanistinnen und Humanisten auch ein Vierteljahrhundert nach der Herstellung einer neuen staatlichen Einheit Deutschlands noch ziemlich weit am Anfang. Denn wenn es gelingen soll, zu einer wirklich starken gesellschaftlichen Kraft zu werden, müsste sich der Umfang humanistischer Aktivitäten in den kommenden Jahrzehnten vervielfachen. Allein durch hauptamtliche Arbeit, ob finanziert durch Mitgliedsbeiträge oder durch öffentliche Mittel, ist das notwendige Wachstum vermutlich kaum zu bewältigen. Unsere Ideen und Werte werden auch in Zukunft durch Menschen leben, die sich neben ihrer beruflichen Arbeit in die Gesellschaft einbringen.

Um leichte Zugänge interessierter Menschen zu einem der vielfältigen Bereiche für humanistische Praxis zu fördern, umfasst jede Ausgabe des Magazins ab sofort eine zweiseitige Rubrik mit Angeboten für ehrenamtliches Engagement, die nach Bundesländern sortiert sind. Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit, „Teetrinkerinnen“ (m/w) für Senioren-Besuchsdienste, das Berliner Seniorentelefon oder Patinnen und Paten in der Flüchtlingshilfe werden unter anderem derzeit gesucht. Außerdem werden alle Inserate auch online nach Regionen sortiert gelistet, sodass der Aufruf der Webadresse ehrenwerk.de künftig den schnellsten Überblick über aktuelle Gesuche bietet.

Illu

Allein sind die Mitglieder des Humanistischen Verbandes Deutschlands, der im Rahmen der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union schon heute auch Ländergrenzen übergreifend tätig ist, mit den Ambitionen zur Entwicklung einer starken und selbständigen Kultur nicht. Julian Nida-Rümelin, Philosoph und Kulturpolitiker, sagte im in der gleichen Ausgabe erschienenen Interview: „Die Erneuerung des Humanismus in Theorie und Praxis, die ich fordere, ist nicht das esoterische Projekt eines intellektuellen Querdenkers, sondern steht auf der Agenda der Weltpolitik. Ohne eine kosmopolitische Praxis, ohne den schrittweisen Aufbau globaler institutioneller Verantwortung, lässt sich diese Agenda nicht realisieren“, so Nida-Rümelin.

Wenn Sie für ein humanistisches Projekt eine ehrenamtliche Unterstützung suchen, senden Sie Ihr Inserat an angebot@ehrenwerk.de. Nach einer Prüfung wird es mit in den Anzeigenpool gegebenenfalls aufgenommen.

Ein langer Atem wird also in jeder Hinsicht gebraucht, damit sich Humanismus in Theorie und Praxis in dem notwendigen Maße entfalten kann, um zu einer gesellschaftlichen Kraft zu werden, die für mehr Menschen das Versprechen eines guten Lebens tatsächlich einlösen kann. Dabei wird jeder Kopf, jede Hand und jede Schulter gebraucht, die mit den Aussagen der Amsterdam-Deklaration von 2002 übereinstimmt. Dort heißt es unter anderem, Humanismus „bekräftigt den Wert, die Würde und die Autonomie des Individuums und das Recht jedes Menschen auf größtmögliche Freiheit, die mit den Rechten Anderer kompatibel ist. Humanisten haben eine Fürsorgepflicht gegenüber der gesamten Menschheit, einschließlich der zukünftigen Generationen. Humanisten glauben, dass Moral der menschlichen Natur innewohnt und auf dem Verständnis und der Sorge für andere basiert, ohne externe Sanktionen zu benötigen.“