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Es ist richtig, zuerst die eigenen Traditionen kennenzulernen

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Humanistische Lebenskunde sollte daher als wertebildendes Unterrichtsangebot in allen Bundesländern zugelassen werden. Das hat der Vorstand des Humanistischen Verbandes Bayern, Michael Bauer, bei einer Podiumsdiskussion an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) hervorgehoben. Der Dialog auf Augenhöhe benötige eine fundierte Basis.
Mittwoch, 6. Juli 2016
Foto: Exzellenzcluster/Sarah Batelka

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion. Foto: Exzellenzcluster/Sarah Batelka

Mit Bauer diskutierten bei der gestern Abend vom WWU-Exzellenzcluster „Religion und Politik“ durchgeführten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Reformdruck in der Religionspolitik?“ ein Vertreter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, der Ahmadiyya Muslim Jamat Deutschland und die Präsidentin des Landeskirchenamtes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sowie die Sozialethikerin und katholische Theologin Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster.

Der Politologe und Vorstand des HVD Bayern warb dabei für ein Umdenken in der deutschen Religionspolitik. „Nichtgläubigen Menschen sollten dieselben Möglichkeiten wie religiösen Menschen zukommen“, betonte Michael Bauer hier. So sollten etwa auch nichtreligiöse Eltern das Recht haben, „dass ihre Kinder ihre Weltanschauung und Tradition in der Schule fundiert erlernen können“, sagte er. Daher sollte in allen Bundesländern das Schulfach Humanistische Lebenskunde als gleichwertiges Angebot neben dem konfessionellen Religionsunterricht zugelassen werden, wie dies in Berlin und Brandenburg bereits vor Jahren und mit seitdem kontinuierlich wachsendem Erfolg geschehen ist. „An diesen bekenntnisgebundenen Unterricht kann und soll sich das gegenseitige Kennenlernen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen anschließen. Doch zunächst ist die eigene Tradition kennenzulernen, damit dieser Dialog untereinander auf einer guten Basis stattfinden kann“, erklärte Bauer, der auch Co-Autor des Berichts Gläserne Wände ist, hier. Ein weltanschaulich neutraler Ethikunterricht könne daher nur als Ergänzung mit integrativem Fokus, nicht aber als ein vollständiger Ersatz oder alleinige Option der Wertebildung an Schulen, dienen. Hier sei die Politik in Zukunft gut beraten, auch im schulischen Bereich alle erfahrenen Kräfte der Zivilgesellschaft einzubinden und so eine Pluralität auf freiwilliger Basis zu ermöglichen, statt die Wertebildung allein den Religionen oder dem Staat zu überlassen, so der HVD-Vorstand.

Michael Bauer zeigte sich zuversichtlich, dass Versuche des Festhaltens am überkommenen Status quo nicht von Erfolg gekrönt sein werden. Denn in Zukunft bilden Kirchenangehörige in Deutschland nicht mehr die gesellschaftliche Mehrheit, wie dies vor Jahrzehnten noch der Fall war, prognostizierte er. „Religiöse Menschen überhaupt werden in der Minderheit sein, schon jetzt richten nur 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung ihr Leben religiös aus.“ Der Rechtfertigungsdruck für eine Privilegierung von Religionsgemeinschaften werde damit steigen. „Das kann der Diskussion nur gut tun“, sagte Bauer.