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Fachverband Ethik sieht gravierende Benachteiligungen

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Die Schlechterstellung konfessionsfreier und nichtreligiöser Schüler im wichtigen Bereich der schulischen Wertebildung trägt teils absurde Züge. Zu diesem Schluss kommt eine vorgestern veröffentlichte Analyse zur Situation von ethisch-moralisch bildenden Unterrichtsfächern in deutschen Schulen.
Donnerstag, 19. Mai 2016

Auch mehr als vier Jahrzehnte nach der erstmaligen Einführung von Ethikunterricht in den Ländern Bayern und Rheinland-Pfalz werde Millionen konfessionsfreier Schüler und Eltern das Angebot einer vollwertigen ethisch-moralisch bildenden Alternative zu den Religionsunterrichten vorenthalten, kritisiert der Fachverband Ethik in der am Dienstag in Stuttgart vorgestellten „Denkschrift zum Ethikunterricht – Zwischen Erfolg und Diskriminierung“.

Laut dem Fachverband wird ein ethisch-moralisch bildendes und weltanschaulich neutrales Fach unter variierenden Bezeichnungen wie „Ethik“, „Werte und Normen“ (Niedersachsen) oder „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde“ (Brandenburg) zwar heute in 12 von 16 Bundesländern unterrichtet und von derzeit knapp 1,7 Millionen Schüler bundesweit besucht. Doch mit Ausnahme von wenigen Bundesländern ist es in vielfältiger Hinsicht teils sehr schlecht um das Angebot wertebildender Unterrichtsfächer ohne konfessionell-religiöse Ausrichtung bestellt. „Das Fach Ethik bewegt sich zwischen einem über 40 Jahre andauernden bildungspolitischen Skandal und einer Erfolgsgeschichte ab der Wiedervereinigung“, so die Autoren der Denkschrift. Vielen Schülern werden in der derzeitigen Situation weiterhin „grundlegende Bildungsgüter vorenthalten, die im Unterricht der Ethikfächer erworben werden“.

Fachverband: „Strafsitzen“ ist „rechtswidrige Praxis“

Die Liste der in der Analyse genannten Kritikpunkte ist lang. Denn in vielen Bundesländern gibt es kein Angebot von Ethikunterricht ab Klassenstufe 1, sondern erst ab Klassenstufe 5 oder noch später. Das Land Hessen habe schulrechtlich zwar Ethikunterricht von Klassenstufe 1 bis 12/13 eingerichtet, faktisch sei das Fach dort aber nur zu 30 Prozent eingeführt. Lediglich in Berlin sei Ethikunterricht zu 100 Prozent eingeführt, ein hoher Stand der Einführung wird sonst nur noch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt erreicht. Doch obwohl in Thüringen Ethik und Religion als Wahlpflichtfächer eingerichtet seien, müssten sich konfessionsfreie Eltern und deren Kinder dort deshalb benachteiligt sehen, da der Ethikunterricht „von minderer fachspezifischer Qualität“ sei.

Neben dem schlichten Fehlen von Ethikunterricht zeigt die Ausstattung der Fächer ein weiteres generelles Defizit. Ethik werde in „erheblichem Maß nicht durch fachgerecht qualifizierte Lehrkräfte erteilt“, in der Mehrheit der Bundesländer geschehe dies laut Fachverband sogar ganz überwiegend durch fachfremde Lehrkräfte. Lediglich in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen werde die deutliche Mehrheit der Stunden durch eine qualifizierte Fachlehrerschaft erteilt. Und exemplarisch für eine „zielgerichtete Verhinderung der Ausbildung von Ethiklehrern“ stünde das Land Bayern, heißt es in der Denkschrift.

Auch den Umgang mit Schülern, die trotz fehlendem Alternativangebot an keinem Religionsunterricht teilnehmen, kritisiert der Fachverband. So werden in Bundesländern wie Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz „konfessionsfreie Kinder jede Woche zwei Stunden über ihre Pflicht hinaus in der Schule festgehalten, ohne dass ihnen curricular dem Religionsunterricht gleichwertige Bildung angeboten würde“.

Angesichts des richtungsweisenden Urteils des Bundesverwaltungsgerichts vom 17. Juni 1998, das eine dem Religionsunterricht gleichwertige Ausstattung des Schulfachs Ethik verlangt hatte und „Strafsitzen“ für vom Religionsunterricht abgemeldete Schüler als unzulässige Belastung einstufte, bezeichnet der Fachverband dies als „rechtswidrige Praxis“.

„Auszehrung der Fachlichkeit“

Mitunter sind offenbar sogar deutliche Rückschritte in der Entwicklung des Unterrichtsangebots zu verzeichnen, wie beim im Jahr 2001 in Brandenburg eingeführten Fach LER. Konzeptuell galt LER einst als Vorreiter, sei seitdem jedoch schrittweise „demontiert“ worden, sodass von ursprünglich 100 Prozent der eingesetzten Lehrkräfte mittlerweile nur noch 35,4 Prozent eine entsprechende Qualifikation besäßen. „Das volle Ausmaß der Diskriminierung von LER-Schülern wird dann deutlich, wenn man weiß, dass im selben Bundesland gleichzeitig Religionsunterricht zu fast 100% von Fachlehrkräften unterrichtet und von der 1. bis zur 12./13. Klasse erteilt werden kann, während LER nur von der 5. bis zur 10. Klasse und sodann nur in der 7. und 8. mit zwei Stunden sowie in den Klassen 5 und 6 und 9 und 10 aber nur einstündig unterrichtet wird“, heißt es dazu in der Denkschrift.

Den Abbau bzw. die Aufhebung der Schlechterstellung konfessionell ungebundener und weltanschaulich neutraler Angebote in der schulischen Wertebildung sieht der Fachverband als politisch klar geboten. Wie die Shell-Jugendstudie 2015 gezeigt hat, ist mittlerweile mehr als die Hälfte der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren nichtreligiös. Von der gesamten Bevölkerung Deutschlands sind 34 Prozent konfessionsfrei. Daher sei es „erstaunlich bis realitätsfremd, dass dem Religionsunterricht von Altkatholiken, Mennoniten und Freireligiösen ein höherer Status in der Bildung zuerkannt wird als dem Ethikunterricht“ in vielen Bundesländern, die bestehende Vernachlässigung und Benachteiligung der Ethikfächer als Ersatzfach bezeichnen die Autoren der Denkschrift als „absurd“.

Abschließend fordert der Fachverband unter anderem die Abschaffung des „Ersatzfach“-Status, die Beendigung des „grundgesetzwidrigen Strafsitzens in Räumen der Schule oder anderen Unterrichtsfächern“, die Einrichtung von Ethikunterricht für alle Klassenstufen, die Gewährleistung eines tatsächlich flächendenkenden Angebots sowie die fachgerechte Qualifizierung der gesamten für den Unterricht verantwortlichen Lehrerschaft und die Einrichtung entsprechender Lehramtsstudiengänge an Universitäten.

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