Direkt zum Inhalt

HVD-Vize: Keine Privilegierung von Islam-Unterricht

DruckversionEinem Freund senden
Die Defizite beim Angebot wertebildender Schulfächer für konfessionsfreie und nichtreligiöse Schüler dürfen nicht nachrangig behandelt werden. Grundsätzlich sei ein Angebot islamischen Religionsunterrichtes unter der Kulturhoheit der Länder aber zu begrüßen. Das hat der Vizepräsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD), Erwin Kress, gesagt.
Mittwoch, 20. April 2016
Foto: A. Platzek

„Nicht jede Person aus einem islamisch geprägten Umfeld teilt auch einen entsprechenden Glauben“, so HVD-Vizepräsident Erwin Kress.

Kress reagierte damit auf die Forderung der SPD-Politikerin Kerstin Griese nach der flächendeckenden Einführung von islamischem Religionsunterricht. „Auch konfessionell ungebundene und nichtreligiöse Schüler sowie ihre Eltern haben das Recht auf qualitativ hochwertige Angebote bei der schulischen Wertebildung“, sagte Erwin Kress dazu am Mittwoch. Er bezeichnete es „angesichts der großen Zahl konfessionsfreier und säkular denkender Menschen in Deutschland als in keiner Weise nachvollziehbar“, dass die politischen Diskussionen über die Entwicklung von wertebildendem Unterricht immer noch hauptsächlich auf die Bedürfnisse konfessionsgebundener Bevölkerungsgruppen bezogen geführt werden. Nahezu ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland gehöre keiner Konfession an. „Doch während die Einführung von islamischem Religionsunterricht in mehreren Bundesländern bereits in vollem Gange ist, sperren sich Politik, Ministerien und Behörden vor allem im alten Bundesgebiet weiterhin dagegen, vollwertige Alternativen zu den bekenntnisgeprägten Religionsunterrichten zu schaffen“, so Kress weiter.

Als beispielhaft dafür bezeichnete er die beim Bundesverfassungsgericht seit zwei Jahren anhängige Beschwerde der Freiburgerin Anna Ignatius, deren Antrag auf Einführung von Ethikunterricht ab Klasse 1 vom baden-württembergischen Bildungsministerium abgelehnt worden war. Die von den Humanisten Baden-Württemberg unterstützte Klage auf Einführung hatte zuletzt im April 2014 auch das Bundesverwaltungsgericht negativ beschieden. „Wer zu keiner Religionsgemeinschaft gehört, gilt in weiten Teilen der Bundesrepublik auch in diesem Bereich immer noch als Bürger zweiter Klasse“, kritisierte Kress. Die jüngste Forderung der religionspolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag, Kerstin Griese, sei angesichts dessen „deutlich zu kurz gefasst“, so der HVD-Vizepräsident. Kress meinte, es sei nicht einzusehen, warum der Ausbau wertebildender Alternativen zu den verschiedenen Religionsunterrichten ab der ersten Klassenstufe als nachrangig gegenüber der Einführung von islamischem Religionsunterricht behandelt werden soll.

Griese hatte sich zuvor in der Heilbronner Stimme für eine flächendeckende Einführung von islamischem Religionsunterricht an deutschen Schulen ausgesprochen. „Solange wir den nicht flächendeckend anbieten, ist es zwangsläufig, dass viele türkischstämmige Familien auf die Angebote der DITIB-Gemeinden zurückgreifen“, sagte Griese. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) ist einer der größten islamischen Verbände in Deutschland und wird stark vom türkischen Staat beeinflusst. Die SPD-Bundestagsabgeordnete sagte mit Blick auf die derzeitige Zuwanderung weiter, man dürfe die Fehler der 1960er Jahre nicht wiederholen.

Damals war versäumt worden, auch an Schulen rechtzeitig Strukturen zu schaffen, um eine von möglichst vielen Schülern und Eltern mit islamischem Hintergrund akzeptierte und integrationsfördernde Wertebildung anzubieten. Die in den letzten Jahren an deutschen Hochschulen eingerichteten Lehrstühle für islamische Theologie und Religionspädagogik seien hier noch lange nicht genug, meinte Griese.

HVD-Vizepräsident Erwin Kress erklärte dazu, dass es grundsätzlich zu befürworten sei, wenn auch Angehörige der islamischen Glaubensrichtungen die Möglichkeit erhalten, im staatlichen Raum ihre Religion freiwillig und durch nach deutschen Bildungsmaßstäben qualifizierte Pädagogen kennenzulernen. „Eine Verbannung von Religionsunterricht aus den Schulen ist zweifellos eine relevante Triebfeder bei der Entstehung und Verbreitung von religiösem Fundamentalismus, wie uns die Erfahrungen aus Ländern wie Frankreich und den USA zeigen“, so Kress.

Zugleich sei es eine Tatsache, dass es in Familien mit muslimischem Hintergrund viele säkular denkende Menschen mit nichtreligiöser Lebensauffassung gebe. „Nicht jede Person aus einem islamisch geprägten Umfeld teilt auch einen entsprechenden Glauben“, so Kress. Dies werde in den politischen Debatten ebenso oft unterschlagen wie die großen Defizite beim Angebot wertebildender Schulfächer für Menschen, die ohne religiöse Überzeugungen leben.

Der Vizepräsident des Humanistischen Verbandes betonte deshalb, dass strukturelle Verbesserungen bei Alternativen zu den Religionsunterrichten in vielen Bundesländern dringend geboten sind. Eine Privilegierung des Ausbaus von islamischem Religionsunterricht sei nicht akzeptabel, so Erwin Kress. Er verwies dabei auf das Land Berlin, welches hier eine im Vergleich der Länder vorbildhafte Politik umsetze. In der Hauptstadt  ist derzeit Religionsunterricht von acht verschiedenen  Gemeinschaften sowie Humanistische Lebenskunde als nichtreligiöse Alternative ab der ersten Klasse zugelassen. Rund 75 Prozent aller Grundschüler in Berlin nehmen an einem der wertebildenden Schulfächer, deren Besuch freiwillig ist, teil. Zusätzlich gibt es einen staatlichen Ethikunterricht in den Klassenstufen 7 bis 10, zu dessen Besuch alle Schüler verpflichtet sind.