Direkt zum Inhalt

Zwei Drittel der Deutschen gegen „Kirchenklausel"

Druckversion
Die faktisch enorme Privilegierung von Caritas und Diakonie durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz hat kaum noch Rückhalt in der Bevölkerung. Das zeigt eine repräsentative Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Mittwoch, 6. April 2016

Könnten die Bürgerinnen und Bürger in der Bundesrepublik direkt abstimmen, ob kirchliche Einrichtungen Arbeitnehmer mit anderer Konfession oder ohne Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft pauschal von der Bewerbung auf offene Stellen ausschließen dürfen, wäre einer der wichtigsten Streitpunkte über ein zeitgemäßes Verhältnis zwischen Staat und Religionen in Deutschland wohl bald vom Tisch.

Denn nur noch 32 Prozent der Deutschen befürworten die Ausnahmeregelung im vor zehn Jahren in Kraft getretenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, die es den tausenden Einrichtungen unter dem Dach der christlichen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie ermöglicht, sogar bei der Vergabe von Arbeitsplätzen ohne sogenannte „Verkündigungsnähe“ die Zugehörigkeit zu einer Kirche zu verlangen. Auch unter den Kirchenmitgliedern gibt es für diese Privilegierung, die für in einschlägigen Bereichen Berufstätige durchaus existenzielle Bedeutung besitzen kann, nur noch wenig Verständnis. Dies hat eine repräsentative Umfrage für einen Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zur Akzeptanz religiöser und weltanschaulicher Vielfalt in Deutschland ergeben: 67 Prozent aller Befragten gaben dabei an, die bisherige Regelung als ungerecht zu empfinden, bei den christlichen Befragten meinten dies 64 Prozent.

Die Umfrage hatte das Meinungsforschungsinstitut forsa im November 2015 im Auftrag der ADS durchgeführt. Die Ergebnisse wurden anlässlich des heutigen Starts des ADS-Themenjahres unter dem Motto „Freier Glaube. Freies Denken. Gleiches Recht.“ veröffentlicht.

Die von der ADS veröffentlichten Stimmungsbilder untermauern zudem ein Argument, das Konfessionsfreien-Vertreter bei Reformforderungen zum jetzigen Staat-Kirchen-Verhältnis regelmäßig betonen: Die Kritik am Status quo bezieht sich insbesondere auf die Probleme der institutionellen Verflechtungen sowie ungerechtfertigte Ungleichbehandlungen – wie auf dem Arbeitsmarkt – von religiösen und nichtreligiösen Menschen, nicht aber auf die Mehrheit der Gläubigen an sich. Vorbehalte aufgrund der Konfession teilt nur eine kleine Minderheit.

In der Umfrage zum ADS-Bericht wird dies daran deutlich, dass mit sechs Prozent nur ein sehr geringer Anteil der Befragten eine ablehnende Haltung gegenüber den Angehörigen der Kirchen deutlich machte. Mit 83 Prozent gab die ganz deutliche Mehrheit der Konfessionsfreien, die laut Bertelsmann-Religionsmonitor zu mehr als zwei Drittel nichtreligiös sind, an, eine positive Haltung gegenüber Christen zu haben.

Aber auch die Konfessionsfreien können sich laut ADS-Umfrage ganz überwiegend positiver Offenheit seitens religiöser Menschen in Deutschland erfreuen. 88 Prozent haben eine positive Einstellung gegenüber konfessionell ungebundenen Personen. Neun Prozent gaben an, Konfessionsfreien gegenüber eine eher oder sehr negative Haltung zu haben. Doch auch diese Zahl relativierte sich nochmals ein Stück, denn bei der Frage nach der Akzeptanz einer Heirat eines engen Familienmitglieds mit einem konfessionsfreien Ehepartner meinten nur noch fünf Prozent, dies eher nicht oder auf keinen Fall akzeptieren zu können.

Besonders wenige Sympathien können laut Umfrage derzeit Angehörige des muslimischen Glaubens verzeichnen. Jeder dritte Befragte gab an, gegenüber Muslimen eine negative Einstellung zu vertreten. Fast genauso viele Befragte zeigten sich ablehnend gegenüber dem Gedanken, dass ein enges Familienmitglied einen Muslim bzw. eine Muslima heiratet.

Trotz der beachtlichen Vorbehalte, die viele Deutsche offenbar gegenüber Muslimen haben, fiel das Stimmungsbild bei der Frage, ob alle religiösen Gruppen in der Bundesrepublik gleichbehandelt werden sollten, relativ eindeutig aus. Dreiviertel aller Befragten bejahten dies, während ein Viertel dem nicht oder eher nicht zustimmen wollte.

Deutlich ambivalenter zeigte sich das Meinungsbild hingegen mit Blick auf die Zulässigkeit von religiösen Symbolen an öffentlichen Schulen. Eine knappe Mehrheit sprach sich dafür aus, dass Lehrkräften weder das Tragen einer Kippa noch eines Priestergewandes, Turbans oder Kopftuchs erlaubt sein sollte.

In der Gesamtschau zeigen die Ergebnisse, dass konfessionell gebundene Menschen und Menschen ohne Konfession in Deutschland einander ganz mehrheitlich positiv und aufgeschlossen gesinnt sind.  Eine nennenswerte Ausnahme bilden die laut offiziellen Angaben rund vier Millionen Bürger muslimischer Konfession, denen durchschnittlich deutlich weniger Akzeptanz entgegengebracht wird als Angehörigen anderer Religionen oder den Konfessionsfreien.

Das nun laufende ADS-Themenjahr will Diskriminierungen aufgrund der Religion oder Weltanschauung in den Mittelpunkt stellen und mit Veranstaltungen und Fachgesprächen eventuell Betroffene über ihre Rechte aufklären. Zeitgleich mit dem Start des Themenjahres hat der Humanistische Verband am Mittwoch den Bericht „Gläserne Wände“ zur Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland an die 630 Abgeordneten des Deutschen Bundestages übergeben. Außerdem ist der Bericht an die Fraktionen des bayerischen Landtags und die Mitglieder der Bürgerschaft in Bremen verschickt worden. Weiteren Landesparlamenten wird der Bericht in den nächsten Wochen zugehen.

Eine der zentralen Forderungen des Berichts erhält durch die nun in der ADS-Umfrage gezeigte breite Ablehnung der „Kirchenklausel“ im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz nochmals Rückenwind: Die Begrenzung der Sonderstellung des kirchlichen Arbeitsrechts auf den im engsten Sinne verkündigungsnahen Bereich. Denn Arbeitsplätze in Einrichtungen, die von der Allgemeinheit ganz oder nahezu vollständig finanziert werden, müssen im Normalfall auch für alle zugänglich sein. Das wäre nicht mehr und nicht weniger als einfach nur: gerecht.