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Vielfältig und praxisnah: „Evokids“-Kongress in Gießen

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Am letzten Oktober-Wochenende 2015 kamen Evolutions-Interessierte in der Hermann-Hoffmann-Akademie in Gießen zusammen. Das Institut für Biologiedidaktik der Justus-Liebig-Universität (JLU) und die Giordano-Bruno-Stiftung hatten zum zweiten „Evokids“-Kongress eingeladen. Das Thema des Kongresses: Evolution in die Grundschulen bringen.
Mittwoch, 16. Dezember 2015
Foto: Biodidaktik Gießen

Etwa 80 Gäste waren für den zweiten „Evokids“-Kongress in die Hermann-Hoffmann-Akademie nach Gießen gekommen. Foto: Biodidaktik

In einem Eröffnungsvortrag begrüßte Michael Schmidt-Salomon die Tagungs-Gäste im Hörsaal der Hermann-Hoffmann-Akademie. Bereits der erste Evokids-Kongress 2013 hatte zahlreiche Gäste nach Gießen gelockt. Fast zwei Jahre später sollte es nun um die konkrete Umsetzung der Ideen des ersten Kongresses gehen. Neben mehreren Vorträgen aus verschiedenen Disziplinen, der Vorstellung von Unterrichtsmaterialien und einem wissenschaftlichen Puppentheater, konnten sich die Teilnehmenden auf einen kabarettistischen Vortrag von Vince Ebert freuen.

„Kognitiver Imperativ“

Der Biophilosoph Eckart Voland, der den Anstoß zum „Evokids“-Projekt gegeben hatte, startete mit dem ersten wissenschaftlichen Vortrag am Samstag: „Die Evolution hat es uns nicht leicht gemacht, sie zu verstehen“. Während die Abstammung bzw. Deszendenz noch relativ einfach nachzuvollziehen ist, fällt dies bei Kausaltheorien, also den Theorien zu den Mechanismen evolutionärer Vorgänge, schon wesentlich schwerer. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Soziobiologie des menschlichen Verhaltens der Fall. So richten sich Widerstände gegen die Evolutionstheorie vor allem gegen die evolutionäre Entwicklung des menschlichen „Geistes“.

Voland berichtete weiter, dass alle Menschen mit kognitiven Grundeinstellungen auf die Welt kommen. Diese erschweren ein wissenschaftliches Verständnis von Evolution. So weisen vor allem jüngere Kinder auch unbelebten Dingen mentale Zustände zu. Dieses dualistische Denken behindert die Vorstellung eines einheitlichen Konzeptes von Körper und Geist. Zudem begünstigt die menschliche Neigung zu finalistischem Denken, also der Vorstellung von ziel- bzw. zweckgerichteten Vorgängen in der Natur, die Vorstellung eines intelligenten Designers.  Weiterhin neigen Menschen zu einem Fortschrittsdenken, zur Vorstellung, dass die Welt eine Tendenz zur Vervollkommnung besitzt, was dem evolutionären Verständnis eines ziellosen Selektionsprozesses widerspricht. Typologisches Denken, also das Denken in Kategorien wie z.B. Arten als einheitliche Typen, erschwert außerdem eine Vorstellung von Populationen mit sich in vielen Eigenschaften unterscheidenden Individuen. Ein angemessenes Verständnis dieser Variabilität von Individuen ist jedoch für ein wissenschaftliches Verständnis von Evolution unerlässlich.

Foto: Biodidaktik Gießen

„Ein Blick in die Lehrpläne zeigt: Es gibt schon jetzt viele inhaltliche Anknüpfungsmöglichkeiten und Freiräume für Evolution in der Grundschule“, erklärte Kirsten Greiten. Foto: Biodidaktik Gießen

Die Konsequenzen aus diesen kognitiven Grundeinstellungen legen nahe, dass evolutionäre Erklärungen unserer Intuition widersprechen und somit schwer verständlich sind. Gerade wenn es um mentale Zustände geht, fällt es den meisten Menschen schwer, naturalistische Erklärungen anzunehmen.

Evolution als Schlüssel zum Verständnis der Biologie

Dittmar Graf, geschäftsführender Direktor des Instituts für Biologiedidaktik an der JLU Gießen, sprach im zweiten Vortrag darüber, „was man zur Evolution in der Grundschule weiß“. Er eröffnete den Vortrag mit Zitaten von Lernenden, die sowohl zeigen, dass bei ihnen allenfalls träges Wissen zum Thema Evolution vorliegt und zum anderen, dass teilweise auch kreationistische Argumentationen in den Vorstellungen der Lernenden präsent sind. „Evolution wird schlecht verstanden und ist wenig akzeptiert“, brachte Graf seine Beobachtungen auf den Punkt. Er ist daher der Ansicht, dass sich etwas am Evolutionsunterricht ändern muss.

Im Anschluss nahm er Argumente unter die Lupe, die typischerweise gegen das Unterrichten von Evolution in der Grundschule vorgebracht werden. So wird zum Beispiel behauptet, der Sachunterricht sei ohnehin schon überfrachtet und es gäbe keinen Platz für neue Themen. Laut Dittmar Graf ist dies jedoch kein schlüssiges Argument, da sich die Auswahl der Themen an deren Bildungsbedeutsamkeit und nicht an einer Lehrplan-Tradition orientieren sollte. Die Relevanz des Themas Evolution für die Biologie könne man kaum zu hoch einschätzen, denn ohne das vereinende Element der Evolution besteht die Biologie lediglich aus weitgehend zusammenhanglosen Fakten. Auch für ein angemessenes Selbst- und Weltverständnis ist Grundlagenwissen zur Evolution von zentraler Bedeutung. So zeigt sich durch die evolutionäre Geschichte jedes Menschen, dass wir sehr nah mit anderen Affen verwandt sind, der Mensch keine Sonderstellung auf der Erde genießt und im erdgeschichtlichen Maßstab bisher nur ein Kurzzeit-Gast auf unserem Planeten ist.

Häufig wird als Argument gegen ein frühes Unterrichten von Evolution auch das angeblich noch nicht ausreichende Vorwissen von Schülerinnen und Schülern angeführt, insbesondere im Bereich der Genetik. Auch Darwin wusste jedoch nichts von Genetik, als er seine Überlegungen zum evolutionären Wandel niederschrieb. Wissenschaft hat das Ziel, reale Phänomene aufzudecken und diese dann auf einer zweiten Ebene zu erklären. Das Phänomen „Evolution“ kann von Schülerinnen und Schülern im Grundschulalter sehr wohl begriffen werden und zur Evolutionstheorie, also der Erklärung für den Prozess der Evolution, kann bei angemessener didaktischer Aufbereitung ein erstes Verständnis angebahnt werden. Anhand eigener Forschungsergebnisse konnte Graf außerdem aufzeigen, dass das Interesse an Evolution unter Grundschulkindern verglichen mit anderen biologischen Inhalten besonders groß ist.

Als einziges tatsächlich gravierendes Problem sieht der Biologiedidaktiker den Mangel an Grundschullehrkräften, die das Thema Evolution kompetent unterrichten könnten. Diesem Mangel könnten Lehrerfortbildungen zum Thema Evolution sowie eine Änderung der universitären Ausbildung Abhilfe schaffen. Materialien für den Evolutionsunterricht in der Grundschule werden im Kontext des „Evokids“-Projekts entwickelt und können die erste Grundlage für eine kompetente Vermittlung des Themas bilden.

Foto: Biodidaktik Gießen

„Evokids“-Preisträgerin Anke Geyer vom Bildungsverein „Pindactica“ im Gespräch mit Dittmar Graf. Foto: Biodidaktik Gießen

Die anschließend geplante Einweihung der Tiefenzeit-Mauer musste leider verschoben werden. Am Eingang der Akademie soll auf einer Mauer die Erdgeschichte bunt und kindgerecht illustriert werden. Dazu hatte im Vorfeld ein Malwettbewerb für Kinder stattgefunden. Die zahlreichen Einsendungen wurden auch während der Tagung ausgestellt. An diesem Wochenende konnte jedoch stattdessen das neue Dunkelmuseum der Hermann-Hoffmann-Akademie im oberen Stockwerk eröffnet werden. Dort können Schädel verschiedener Vor- und Frühmenschen in einem abgedunkelten Raum mit Taschenlampen erkundet werden.

Erlebbare Wissenschaften

Der Evolutionsbiologe Volker Storch berichtete von dem Projekt „Erlebbare Wissenschaften“, das Grundschülern wissenschaftliche Themen näher bringen soll. In dieser Kooperation zwischen der Universität Heidelberg und dem Deutsch-Amerikanischen Institut werden zu Themen wie Evolution oder Bionik halbtägige Workshops angeboten. Durch das von Studierenden betreute Projekt soll eine Win-Win-Situation entstehen. Neben dem Wissenszuwachs für Schülerinnen und Schüler sollen Studierende im Rahmen ihres Studiums erste Erfahrungen in der Lehre sammeln.

Foto: Biodidaktik Gießen

Prominenter Besuch im historischen Hörsaal der Hermann-Hoffmann-Akademie: Kabarettist Vince Ebert vor seinem Auftritt. Foto: Biodidaktik Gießen

Storch vermittelte im Rahmen dieses Projekts das Thema Evolution anhand einer Einheit zum Thema Kooperation. Anhand der Kooperation zwischen verschiedensten Organismen wurden evolutionäre Mechanismen verdeutlicht. Ein Vorteil dieser spezifischen Herangehensweise liegt für den Vortragenden darin, dass die Kinder das Thema Evolution positiv konnotieren und dementsprechend mit einer positiven Botschaft nach Hause gehen. Storch ist überzeugt, dass nicht aggressiv gegen Religion vorgegangen werden sollte: „Schließlich können die Kinder zu Hause glauben, was sie möchten, jedoch haben sie etwas gelernt, was sie mit nach Hause nehmen.“

Potentiale in den Lehrplänen

Kirsten Greiten ist Grundschullehrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biologiedidaktik der JLU Gießen und sprach in ihrem Vortrag über die Rahmenbedingungen für das Unterrichten von Evolution, die sich aus den Grundschullehrplänen ergeben. Bis heute kommt das Thema Evolution explizit in keinem einzigen Sachunterrichtslehrplan in Deutschland vor. Jedoch bieten die Lehrpläne fast aller Bundesländer bei genauerer Betrachtung Anknüpfungspunkte für das Thema. Außerdem gibt es in vielen Bundesländern relativ flexible Gestaltungsmöglichkeiten für den Sachunterricht.

Neuere Sachunterrichtslehrpläne orientieren sich dabei am „Perspektivrahmen Sachunterricht“ der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (GDSU). Hierin werden Kompetenzen für die verschiedenen fachlichen Bereiche innerhalb des Sachunterrichts dargestellt und gleichzeitig Beispiele für die inhaltliche Gestaltung und Vernetzung der Bereiche gegeben. Ein Ziel des Projekts „Evokids“ sollte somit auch eine Aufnahme des Themas Evolution als Beispiel für einen perspektivvernetzenden Themenbereich in diesen Rahmenplan sein. Mit einem Blick nach Frankreich und Großbritannien macht Greiten deutlich, dass in der europäischen Nachbarschaft schon erfolgreich evolutionäre Themen den Weg in die Lehrpläne der jüngsten Schülerinnen und Schüler gefunden haben.

Gerade das Klassenlehrer-Prinzip in der Grundschule böte Greiten zufolge die Chance, übergreifende Themen innerhalb des Sachunterrichts und auch zwischen verschiedenen Unterrichtsfächern zu behandeln, was sogar teilweise explizit gefordert wird.

Einblick in die Grundschulrealität

Diese speziellen Möglichkeiten durch die engere Beziehung und die Möglichkeiten zur Vernetzung als Klassenlehrer benannte auch der folgende Referent und gibt einen Einblick in den Grundschul-Alltag. Der Bremer Grundschullehrer André Sebastiani berichtet von großen Leistungsunterschieden der Lernenden, mit denen sich Lehrkräfte in Grundschulen auseinandersetzen müssen. Ebenso kommen Kinder je nach Sozialisation mit vollkommen unterschiedlichen Vorstellungen über die Entstehung und Entwicklung des Lebens in den Unterricht.

Gleichzeitig befindet sich das Weltbild von Grundschulkindern jedoch noch in der Entwicklung und damit bieten sich auch viele unterrichtliche Chancen. Er plädierte daher ebenfalls für eine frühe Einführung des Themas Evolution, auch um so ein wissenschaftlich-kritisches Denken zu fördern.

Foto: Biodidaktik Gießen

Die vielfältigen Vorträge und sonstigen Programmpunkte boten für die Teilnehmenden viel Stoff zu Diskussionen. Foto: Biodidaktik Gießen

Sebastiani erläuterte jedoch auch, an welchen Stellen Probleme lauern könnten. So sollte man sich unter keinen Umständen Eltern zu Gegnern machen, sondern eventuelle Sorgen der Eltern bezüglich des Themas Evolution thematisieren und unter Umständen auch religiöse Weltsichten mit in den Unterricht aufnehmen. Zudem gilt es, Lehrkräften die Angst vor dem Unterrichten des komplexen Themas Evolution zu nehmen. Die Sorge, aufkommende Fragen in diesem Kontext nicht kompetent beantworten zu können, könnten entsprechende Studieninhalte und auch Lehrerfortbildungen zum Thema eindämmen. Evolution als Thema des Sachunterrichts sollte zudem nicht nur einmal angesprochen, sondern immer wieder aufgegriffen werden, sodass es sich langsam festigen kann.

Bald verfügbar: „Evokids“-Unterrichtsmaterialien

Mit einem Dank für diese wichtigen Einblicke in die Grundschul-Wirklichkeit begannen Michael Schmidt-Salomon und Dittmar Graf mit der Vorstellung der „Evokids“-Lehrmaterialien. Hierbei gab es gleich zu Beginn eine Premiere: Das Video „Big Family – Eine phantastische Reise in die Vergangenheit“ zum gleichnamigen Buch von Michael Schmidt-Salomon und Anne-Barbara Kindler wurde in einer Vorab-Version gezeigt. Der von Ricarda Hinz produzierte Film, nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise entlang der weiblichen Vorfahren-Linie.

Der Film sowie das Buch sind Teil der „Evokids“-Lehrmaterialien aus der „Evokids“-Box. In der Box befindet sich neben konkret ausgewählten Unterrichtsmaterialien wie Formen zum Gießen von Fossilien außerdem die „Evokids“-Lehrstoffsammlung als Buch. Diese Sammlung enthält ausgearbeitete Unterrichtseinheiten und Arbeitsblätter zu verschiedenen Themenbereichen der Evolution. Grundschulen, die in Zukunft mit der „Evokids“-Box arbeiten möchten, können sich bereits für eine kostenfreie Belieferung bewerben.

Foto: Biodidaktik Gießen

Zwischen den Vorträgen wurde in den ausgestellten Büchern zu Evolutionsthemen geblättert, zum Beispiel in dem 2014 erschienenen Buch der Biologin Anne Spitzner „Entdecke die Evolution!“ Foto: Biodidaktik Gießen

Im Frühjahr 2014 wurde ein Preis von insgesamt 5000 Euro für die besten Lehrmaterialien für Evolutionsunterricht in der Grundschule ausgeschrieben. Die vier Gewinnerprojekte dieser Ausschreibung wurden im Rahmen der Tagung ausgezeichnet. Die Materialien der Preisträger wurden teilweise in die „Evokids“-Box aufgenommen.

Evolution und Kabarett

Den Abschluss des ersten Kongresstages bildete der unterhaltsame und zum Nachdenken anregende Auftritt des Kabarettisten Vince Ebert, der zurzeit mit einem Programm zum Thema Evolution durch Deutschland tourt. Ebert erklärte, dass Wissenschaft nichts anderes ist als die Überprüfung von Vermutungen und dass gerade Kinder die elementarsten philosophischen und naturwissenschaftlichen Grundfragen wie „Warum ist der Himmel blau?“ oder „Warum darf ich keinen gelben Schnee essen?“ stellen. Ein gutes Bildungssystem fordere zum Querdenken und Nachdenken auf, so Ebert. Und das sei umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass ein „Esoteriker in fünf Minuten mehr behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann“. Wissenschaftliches und rationales Denken ist also unsere evolutionäre Nische, sodass es umso erstaunlicher erscheint, dass es nur so wenige Menschen machen.

Die Antwort lautet fast immer: Evolution

„Warum hat der T. rex kurze Arme?“, fragte die Museumspädagogin Lena Sistig sowohl die kleinsten Museumsbesucher als auch die Gäste des „Evokids“-Kongresses in ihrem Vortrag am Sonntagmorgen.

Das Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main führt 4500 Führungen pro Jahr durch. Etwa 70 Prozent der Gruppen sind Schulklassen und weitere Kinder-Gruppen. Die Vermittlung erfolgt über eine dialogische Struktur mit den Museumsbesuchern, wobei die wichtigsten Ziele darin bestehen, Faszination und Neugier zu wecken sowie wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen verständlich zu machen. Als übergeordnetes Ziel soll so ein respektvoller und reflektierter Umgang mit der Natur und Umwelt entstehen. Das Senckenberg-Museum bietet für Kinder verschiedener Altersgruppen Schnupperstunden, Rundgänge und Workshops an, die einen ersten Kontakt mit dem Museum schaffen und ein spielerisches und entdeckendes Lernen ermöglichen sollen.

Foto: Biodidaktik Gießen

„Evokids“-Initiator Eckart Voland (r.): „Die Evolution hat es uns nicht leicht gemacht, sie zu verstehen.“ Foto: Biodidaktik Gießen

Neben dem Dauerbrenner „Vom Leben der Dinosaurier“, der die bestbesuchte Führung ist, gibt es im Museum weitere Führungsangebote, die auch evolutionäre Inhalte behandeln. Neben den „Riesen und Zwergen im Tierreich“ kann man Führungen zu den Themen „Alle Wirbeltiere sind gleich gebaut“ und „Artenvielfalt, was ist eine Art?“ besuchen. Der Begriff Evolution wird hier jedoch nicht explizit eingeführt: Das Museum kann eine umfassende Begriffsbildung nicht leisten, weil dieser in der Grundschule nicht aufgearbeitet wird. Lehrkräfte werden jedoch dazu angeregt, das Museum zu Vermittlungszwecken zu verwenden. So erhalten sie zur Unterrichtsvorbereitung kostenlosen Eintritt zum Museum. Unter anderem gibt es für Grundschullehrkräfte didaktisches Material zum Thema Dinosaurier.

Die Museumspädagogin bestätigte, was bereits der Grundschullehrer André Sebastiani berichtete: Grundschulkinder sind eine der dankbarsten Gruppen für die Vermittlung evolutionärer Inhalte. Die vielen gestellten „Warum?“-Fragen bei den Führungen können dabei fast immer mit evolutionären Vorteilen von Organismen durch Angepasstheit an die Umwelt beantwortet werden.

„Das erste Ei hat Gott auf die Erde gelegt“

Der am Institut für Biologiedidaktik forschende Doktorand Tobias Klös ist Stipendiat des „Evokids“-Projekts und beschäftigt sich in seinem Promotionsprojekt mit der Frage, wie Evolution insbesondere bei Grundschulkindern lernwirksam unterrichten werden kann. In der Lehr-Lernforschung ist es unbestritten, dass vorunterrichtliche Vorstellungen der Lernenden von enormer Bedeutung sind. Wenn man diese kennt, hat man einen wichtigen Anhaltspunkt, an dem Unterricht anknüpfen kann. Insgesamt ist jedoch eher wenig über Wissen und Vorstellungen von Grundschulkindern zum Thema Evolution bekannt. Dem möchte Klös mit einer Interview-Studie Abhilfe schaffen.

Foto: Biodidaktik Gießen

Kolorierte Lebewesen verschiedener Erdzeitalter werden schon bald die Mauer vor der Hermann-Hoffmann-Akademie schmücken. Foto: Biodidaktik Gießen

Unter anderem befragte er darum Grundschulkinder zu ihren Vorstellungen zu den ersten Lebewesen auf der Erde. Neben den Antworten der Kinder konnte er aus gleichzeitig angefertigten Zeichnungen nur schwer verbalisierbare Vorstellungen ableiten. Pantoffeltierchen, die aus Staub entstanden sind, ein aus einem Ur-Ei geschlüpftes Ur-Pferd oder ein Ur-Dino mit drei Beinen waren nur einige der Vorstellungen zu den ersten Lebewesen. Klös betont abschließend, dass zwar in den Interviews zahlreiche unzutreffende Vorstellungen und gängige Fehlvorstellungen identifiziert werden konnten, jedoch gleichzeitig anknüpfungsfähige Vorstellungen vorhanden sind. So erkannten die befragten Kinder beispielsweise die evolutionäre Angepasstheit von Lebewesen und akzeptierten die evolutionäre Wandelbarkeit von Lebewesen. „Viele der befragten Grundschulkinder zeigten ein große Interesse an evolutionsbiologischen Themen!“, berichtete Klös. „Wo komme ich her? Wie wurde aus einem Fisch ein Vierfüßer? Wie lebten die Frühmenschen? Bin ich mit den Dinosauriern verwandt? Kinder in diesem Alter sind unglaublich neugierig und stellen viele ernstzunehmende Fragen. Die Grundschulen sollten diese Fragen aufgreifen und kindgerecht beantworten können“.

Ein Appell an die Bildungspolitik und ein Puppentheater

Der offizielle Teil der Tagung wurde mit der Verabschiedung einer Resolution abgeschlossen. Darin fordern die Unterzeichnenden eine Aufnahme des Themenkomplexes Evolution in die Lehrpläne der Grundschule und begründen diese Forderung. Da Evolution „zweifellos der wichtigste Begriff aller Wissenschaften [ist], die sich mit dem Leben beschäftigen“, wird an die bildungspolitisch Verantwortlichen und Lehrkräfte appelliert, dem Thema Evolution im Unterricht endlich einen angemessenen Stellenwert zuzuweisen.

Foto: Armin Vollstedt

Nussgetier „Pucky“ und die Riesenzwergschildkröte „Langsam George“ in Jörg Schneiders Puppentheaterstück „Die drei Nussgetiere“. Foto: Armin Vollstedt

Nach einer Mittagspause folgte mit dem Puppentheaterstück „Die drei Nussgetiere“ der putzigste Teil des Wochenendes. Die Biologiedidaktikerin Kirsten Greiten bat um Applaus für die Kinder, die am Malwettbewerb für die Tiefenzeit-Mauer teilgenommen hatten und nun im Publikum des Puppentheaters saßen und erklärte: „Auf der Insel Darwinello warten verrückte Tiere auf euch!“

Der erfahrene Puppenspieler und Autor Jörg Schneider konzipierte das Stück, das an diesem Tag Premiere feierte. Gemeinsam mit seinem Mitspieler Holger Engel erzählte er die Geschichte rund um einen großen Nuss-Sammel-Wettbewerb. Die unterschiedlichen Sammelfähigkeiten der drei Nussgetiere Pucky, Arnold und Wilbur verdeutlichen verschiedene Möglichkeiten evolutionärer Anpassung. In diesem Mitmach-Theater, welches kein festes Drehbuch hat, werden die Kinder zum Mitmachen und Mitdenken angeregt.

Die diesjährige Tagung bildet damit einen weiteren Grundstein für die Vermittlung von Evolution in der Grundschule. Mit den im Laufe des nächsten Jahres erscheinenden Unterrichtsmaterialien können erste Grundschulen das Konzept und die Ziele des Projekts umsetzen. Durch die Resolution wurde außerdem ein erster wichtiger Schritt in Richtung Bildungspolitik gemacht. Zudem sollen weiterhin Grundschulkinder direkt erreicht werden: Dazu sind weitere Aufführungen des Puppentheaterstücks und die Einweihung der Tiefenzeit-Mauer geplant.