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Bayerische Humanisten verhelfen bedrohtem Blogger zur Flucht nach Deutschland

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Leben auf der Todesliste: Ein säkularer Blogger aus Bangladesch lebt seit kurzem in Nürnberg.
Donnerstag, 26. November 2015

Tanmoy K. ist Freidenker, Atheist und Humanist. Weil er über seine Überzeugungen bloggt, bedrohen religiöse Extremisten ihn in seiner Heimat Bangladesch mit dem Tod. Mit Hilfe des Humanistischen Verbandes Bayern gelangen ihm und seiner Frau nun rechtzeitig die Ausreise nach Deutschland.

„Auf dem Papier ist Bangladesch ein säkularer Staat“, sagt Tanmoy K., „doch in der Realität zählt das wenig.“ Gerade in Chittagong, der großen Hafenstadt, in der K. zuletzt als Ingenieur arbeitete, wimmelt es vor religiösen Fundamentalisten. Und die nahmen K. bald ins Visier. Warum? Seit 2009 schrieb der 31-Jährige regelmäßig auf seinem Blog über Wissenschaft und Technik, Humanismus, Demokratie und ein säkulares Gemeinwesen. Er schrieb über islamisches Bankwesen, das für ihn nur ein Etikettenschwindel ist, er trat ein für die Gleichberechtigung von Frauen und das Ende religiöser und ethnischer Diskriminierung.

Wegen seiner so geäußerten Überzeugungen gelangte K. auf eine Todesliste des berüchtigten jihadistischen Ansarullah Bangla Team (ABT). Demokratie und Meinungsfreiheit gelten dem mittlerweile verbotenen ABT wenig, gegen die Freiheit des Wortes setzen es und andere, nicht minder gefährliche Gruppen wie Ansar ul-Islam die „Freiheit unserer Macheten“. Was sie damit meinen, ist nichts anderes als blanke, brutale Gewalt. Insgesamt zwölf Morde an säkularen Bloggern hat es seit 2013 gegeben. Manche wie der prominente Avjit Roy wurden auf offener Straße mit Macheten zu Tode gehackt. Ein Ende der Mordserie scheint nicht in Sicht.

In den vergangenen Monaten spitzte sich die Bedrohungslage immer weiter zu. K. fühlte sich unter ständiger Beobachtung, konnte sich als einziger Verdiener der Familie aber auch nicht völlig zurückziehen. „Die ständige Angst, jemand könnte dich plötzlich von hinten mit Macheten angreifen, ist grauenhaft. Das ist kein Leben.“ An die Polizei wenden wollte er sich nicht, denn diese gibt sich kaum Mühe, säkular und offen humanistisch denkende Bürgerinnen und Bürger zu schützen. In offiziellen Erklärungen betonen Beamte stattdessen immer wieder, dass auch die Blogger in ihren Augen „Extremisten“ seien, gegen die sie vorgehen wollten.

Ende Oktober gelang Tanmoy K. in einem Zustand größter Gefahr mit seiner Frau endlich die Ausreise – mit Hilfe bayerischer Humanisten, die sich für das Paar einsetzten und mithalfen, Visa zu besorgen sowie eine erste Wohnung anzumieten. „Tanmoy K. hat von uns ein Forschungsstipendium erhalten. Dadurch war es rechtzeitig möglich, ihm die Ausreise nach Deutschland zu ermöglichen“, so der Vorstand des Humanistischen Verbandes Bayern, Michael Bauer. „Wir freuen uns sehr, dass er inzwischen auch eine Einladung in das niederländische Parlament erhalten hat, um über seinen Fall und die schlimme Situation für säkulare Publizisten in Bangladesch zu berichten“, so Bauer.

In Deutschland fühlt sich K. „völlig sicher“, er ist dankbar für alle Hilfe, die er bislang erhalten hat. Und doch bleibt die Angst. Angst davor, dass religiöse Fanatiker seine Familie bedrohen könnten. Irgendwann möchte er zurück nach Bangladesch, das schon, aber er sieht keine Möglichkeit: „Bangladesch entwickelt sich zu einem zweiten Pakistan, mit einer autoritären Regierung und religiösen Extremisten auf der Straße. Im Moment glaube ich nicht, dass ich jemals zurückgehen kann.“