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Berlin: Christliche Fundamentalisten gehen baden

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Rund 2.000 Menschen haben gestern in Berlin für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und gegen religiösen Fundamentalismus demonstriert. Ein am selben Tag durchgeführter Marsch radikaler Abtreibungsgegner wurde von autonomen Aktivisten gestoppt. Die Aktivisten trafen dabei auf starken Rückhalt seitens vieler zufällig anwesender Passanten.
Sonntag, 20. September 2015
Foto: A. Platzek

Start der Demonstration des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung am Brandenburger Tor. Foto: A. Platzek

Zur Demonstration für den Schutz des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung von Frauen und homosexuellen Menschen hatten in diesem Jahr zwei unabhängige Organisationen aufgerufen. Ein autonomes Bündnis unter dem Motto „Marsch für das Leben? What the Fuck!“ startete eine „queerfeministische und antifaschistische Demonstration“ mit rund 1.200 Teilnehmern gegen 11 Uhr am Anhalter Bahnhof. Weitere rund 600 Personen um das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung begannen um 11.30 Uhr mit einer Auftaktkundgebung am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, um anschließend über Unter den Linden, Glinkastraße und Jägerstraße zum Gendarmenmarkt zu gehen. Unterwegs schlossen sich zahlreiche weitere Personen an, darunter auch ältere Personen und weitere Elternpaare mit Kindern.

Anlass der Demonstrationen beider Bündnisse stellten wie schon bei entsprechenden Veranstaltungen in den Vorjahren europaweit vorhandene Bestrebungen religiös-fundamentalistischer und rechtsnationalistisch geprägter Bewegungen dar, Schwangerschaftsabbrüche möglichst weitgehend zu kriminalisieren, veraltete stereotype Rollenbilder politisch zu stärken sowie homosexuelle Menschen zu diskriminieren und dadurch zu stigmatisieren. Maßgeblicher Träger dieser Bewegung hierzulande ist neben ranghohen Vertretern der katholischen Kirche ein 2001 gegründeter Verein aus rund einem Dutzend christlicher Gruppierungen süddeutscher Herkunft. Dieser fordert unter anderem, das Recht auf einen rechtszeitigen Abbruch einer Schwangerschaft europaweit gesetzlich umfassend zu verbieten.

Die Konsequenzen wären gravierend: Dies würde die Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Familienplanung, wie sie in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik erkämpft wurde, in grundlegender Weise einschränken, und Frauen mit anderen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen die Einhaltung von Ansichten einer religiösen Minderheit per Gesetz aufzwingen. Zu erwarten wäre zudem ein sprunghafter Zuwachs bei illegalen Schwangerschaftsabbrüchen, bei der ungewollt schwangere Mädchen und Frauen sich medizinisch und hygienisch mitunter sogar lebensbedrohenden Risiken ausgesetzt sehen. Laut Schätzungen der WHO sterben jährlich rund 50.000 Mädchen und Frauen an den Folgen eines unter unsicheren Bedingungen durchgeführten Schwangerschaftsabbruchs. Aus Ländern mit restriktiven Abtreibungsgesetzen wurde auch in den letzten Jahren immer wieder berichtet, dass sogar von nahestehenden Personen vergewaltigte Minderjährige zum Austragen von Schwangerschaften gezwungen wurden.

Abschlusskundgebung auf dem Gendarmenmarkt. Foto: A. Platzek

Abschlusskundgebung auf dem Gendarmenmarkt. Foto: A. Platzek

Entsprechend deutliche Appelle und Stellungnahmen zahlreicher Vertreterinnen und Vertreter der Organisationen und Initiativen zum Schutz des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung aus Deutschland und anderen Ländern kamen daher bei der Kundgebung zu Wort, die beide Bündnisse am Samstag gemeinsam zum Abschluss auf dem Gendarmenmarkt durchführten. Wie schon von Amtsvorgänger Klaus Wowereit wurde die diesjährige Kundgebung des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung auch vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, mit einem schriftlichen Grußwort gewürdigt. „Es gibt in unserer vielfältigen Gesellschaft sehr unterschiedliche Vorstellungen von einem guten Zusammenleben – ganz besonders im weltoffenen Berlin. Gerade in einer solchen Vielfalt kommt es darauf an, zwei grundlegende Werte mit Leben zu erfüllen: den der Toleranz und den des Respekts gegenüber unterschiedlichen Lebensformen. Und das schließt nach meiner Überzeugung auch die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, die eigene Sexualität und das partnerschaftliche Zusammenleben mit ein. Eine freiheitliche Gesellschaft darf niemanden bevormunden“, so der SPD-Politiker. Ebenso drückten zahlreiche Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Abgeordnetenhauses von Berlin sowie weitere Parteienvertreter mit christlichem und ohne religiöses Bekenntnis in kurzen Stellungnahmen und durch die Teilnahme an der Kundgebung auf dem Gendarmenmarkt ihre Unterstützung für die Ziele des Bündnisses aus. Zum Abschluss der Kundgebung gegen 14.30 Uhr auf dem Gendarmenmarkt äußerten die Veranstalterinnen ihre Freude über die deutlich gewachsenen Besucherzahlen und riefen dazu auf, die Initiativen und Projektgruppen zum Schutz des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung bis zur nächsten Demonstration im September 2016 mit allen Kräften zu stärken.

Ein kleiner Teil der Unterstützer des autonomen Bündnisses versuchte nach dem Abschluss der Demonstrationen wie schon in den Vorjahren, den am gleichen Tag stattfindenden „Marsch für das Leben“ radikaler Abtreibungsgegner zu stören. Diese hatten sich gegen 13 Uhr erneut vor dem Bundeskanzleramt zu einem Demonstrationszug unter hunderten riesiger mitgeführter Holzkreuze versammelt. Mit laut Polizeiangaben rund 5.000 Teilnehmern konnte der Marsch auch in diesem Jahr noch ein Wachstum gegenüber dem Vorjahr verzeichnen, wo sich 4.500 Gegner des Selbstbestimmungsrechts von Frauen und Homosexuellen versammelt hatten. Vom Bundeskanzleramt sollte der Kreuze-Marsch am Brandenburger Tor vorbei über den Potsdamer Platz und Unter den Linden bis zum Lustgarten neben dem Berliner Dom führen. Auf dem Platz findet seit 2013 der Abschlussgottesdienst dieses Marsches statt. Eine Durchführung im Dom hatte die Leitung des Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Mitte zuvor versagt, da sie den von den Marschteilnehmern vertretenen Ansichten kritisch bis ablehnend gegenübersteht.

Aktivisten und Passanten sorgen für lange Gesichter bei den Gegnern der sexuellen Selbstbestimmung. Foto: A. Platzek

Autonome Aktivisten und die unerwartete Anteilnahme vieler Passanten sorgten für lange Gesichter bei den Gegnern des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung. Foto: A. Platzek

Anders als in den Vorjahren konnten die autonomen Aktivisten jedoch erstmals einen deutlichen Erfolg bei ihren Versuchen, den Marsch der radikalen Abtreibungsgegner aufzuhalten, verzeichnen. Denn zahlreiche Passanten, die die Vorgänge zufällig beobachteten, stellten sich symbolisch und mitunter auch lautstark hinter die Sitzblockaden der kleinen Aktivisten-Gruppen auf der Straße Unter den Linden und machten so gegenüber den Polizeikräften, die den Kreuze-Marsch vor Störungen bewahren sollten, ihre Unterstützung für die Aktivisten deutlich. Zwischenzeitlich belief sich die Zahl der Personen, die sich hinter den Blockaden versammelt hatten, auf über 1.200 Personen. Es dauerte daher rund zwei Stunden, bis die anwesenden Einsatzkräfte den Weg für den Kreuze-Marsch frei machen konnten. Obwohl die Einsatzleitungen und insgesamt eingesetzten rund 900 Beamten der Berliner Polizei mehrheitlich besonnen und deeskalierend auf die angespannte Situation einwirkten, war bei einzelnen Polizeikräften jedoch die Anwendung von unverhältnismäßiger Gewalt zu beobachten.

Gegen 18 Uhr traf die aufgrund der langen Wartezeit auf eine Zahl von rund 3.500 geschrumpfte Menge der Anhänger des Kreuze-Marschs im Lustgarten ein, um unter einsetzendem Regen und störend-lautem Geläut des benachbarten Doms den Abschlussgottesdienst zu begehen. Einige hundert radikale Abtreibungsgegner verließen aufgrund von Müdigkeit und wegen des schlechten Wetters bereits vor dem Ende des Gottesdienstes den Platz.