Direkt zum Inhalt

Kirchensteuer: Große Mehrheit gegen staatlichen Einzug

DruckversionEinem Freund senden
Nur 16 Prozent der Deutschen befürworten das deutsche Kirchensteuermodell. Dies geht aus einer von zahlreichen Umfragen des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor, deren Ergebnisse nun in dem Buch „Wie wir Deutschen ticken“ veröffentlicht worden sind.
Dienstag, 11. August 2015

In dem am Montag in Berlin vorgestellten Buch haben der Mathematiker Christoph Drösser und das YouGov-Institut die Ergebnisse von mehr als 80 repräsentativen Umfragen zusammengetragen. Die in mehreren hundert Grafiken veranschaulichten Umfrageergebnisse zeichnen auf 192 Seiten ein vielfältiges Bild von den Meinungen in der deutschen Bevölkerung. Die Spannbreite der Themen reicht von Fragen zur Ernährung, zum Einkaufsverhalten, zu Lesegewohnheiten und zu Schwarzfahren bis hin zum Interesse am Vereinsleben oder Einstellungen bei den Themen Sex und Liebe. Auch Umfrageergebnisse zu religiösen bzw. weltanschaulichen Haltungen enthält der Sammelband.

Und diese bestätigen das Bild von früheren Untersuchungen, denen zufolge nur noch eine Minderheit der Menschen in Deutschland religiös ist. YouGov-Vorstand und Buchherausgeber Holger Geißler wies bei der Buchvorstellung darauf hin, dass sogar unter Bürgern aus den alten Bundesländern sich nur die Hälfte als gläubig bezeichne. In den neuen Bundesländern gaben dies 30 Prozent an. Außerdem habe die Hälfte der Befragten bereits mindestens einmal mit dem Gedanken an einen Kirchenaustritt gespielt. 84 Prozent gaben an, sie wünschten sich „Religion in modernerem Gewand“. Besonders beachtlich ist die weitverbreitete Abneigung gegen das deutsche Kirchensteuermodell. Nur 16 Prozent meinten hier, es sei „richtig“, dass die Mitgliedsbeiträge für die Kirchen vom Staat eingezogen werden.

Die laut YouGov-Umfrage kaum noch vorhandene Zustimmung zum staatlichen Kirchensteuereinzug stützt die Forderungen säkularer Organisationen in Deutschland, den Einzug von Mitgliedsbeiträgen in die alleinige Verantwortung der Religionsgemeinschaften zu übertragen.

Das derzeitige Kirchensteuermodell, das weltweit einzigartig ist, trifft unter anderem auf Ablehnung, weil es gegen die Trennung zwischen Staat und Religion verstößt. In Verbindung mit dem Lohnsteuerkarteneintrag zur Konfession eines Bürgers bzw. die Registrierung der Kirchenzugehörigkeit im Rahmen der elektronischen Lohnsteuerabzugsmerkmale steht es zudem dem Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sowie dem verfassungsrechtlichen Gebot entgegen, die eigenen religiöse Überzeugungen nicht offenbaren zu müssen. Informationen zum Bekenntnis sind derzeit nicht nur dem Finanzamt zugänglich, sondern auch Banken und Arbeitgebern. Die amtliche Erfassung gilt daher als ein Anker für die systematische Diskriminierung konfessionsfreier und andersgläubiger Arbeitnehmer durch Privilegien der Kirchen beim Arbeitsrecht. Eingeführt wurden der Einzug der Mitgliedsbeiträge für die Kirchen als „staatliche“ Aufgabe und der dazu erforderliche Lohnsteuerkarteneintrag am 1. Januar 1935 von der nationalsozialistischen Regierung unter Adolf Hitler.

Seitens der beiden großen Kirchen in Deutschland trafen Forderungen nach einer Abschaffung des staatlichen Kirchensteuereinzugs bislang auf Ablehnung. Doch auch kirchennahe Experten raten zunehmend zu Reformen. So sagte der evangelische Religionssoziologe Detlef Pollack, Sprecher des „Exzellenzclusters Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, am vergangenen Freitag im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, die Kirchen wäre gut beraten, angesichts der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse das Feld des Staat-Kirche-Verhältnisses „offensiv anzugehen. Nur auf Rechtsansprüchen zu bestehen, ist auf Dauer unklug.“ Auch aufgrund zunehmender religiöser Vielfalt werde es für die Kirchen „darauf ankommen zu erkennen, was an diesem Verhältnis erhaltenswert ist und wo Ansprüche unzeitgemäß geworden sind. Sonst läuft die Debatte immer mehr gegen sie“, so Pollack.