Direkt zum Inhalt

Flüchtlingskinder: Jeder Zweite würde konkret helfen

Druckversion
Umfrage: Zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland fordert eine Verbesserung der rechtlichen Situation von Flüchtlingskindern in Deutschland.
Freitag, 19. Juni 2015

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes. 67 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass alle Kinder, die in Deutschland leben, die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten. 31 Prozent vertreten hingegen die Auffassung, man könne Flüchtlingskindern nicht sofort die gleichen Möglichkeiten bieten. Für die Umfrage zu Flüchtlingskindern in Deutschland wurden deutschlandweit 1.000 Wahlberechtigte ab 18 Jahren befragt.

Trotz differenzierter Sicht der Anhänger der verschiedenen Parteien kommen jeweils große Mehrheiten der im Bundestag vertretenen Parteien zur Aussage, alle Kinder in Deutschland sollten gleich behandelt werden. Hier schwankt die Zustimmungsrate zwischen 80 Prozent bei den Grünen-Anhängern und jeweils 71 Prozent bei den SPD- und Unions-Anhängern bis zu 66 Prozent bei den Linken-Anhängern. Die höchsten Zustimmungsraten bei den Alterskohorten erreichen in dieser Frage sowohl die 18 bis 29-Jährigen als auch die über 60-Jährigen mit jeweils 70 Prozent. Bei den 45- bis 59-Jährigen sind immerhin noch 68 Prozent dieser Ansicht, während bei den 30- bis 44-Jährigen dem nur 59 Prozent zustimmen.

Die Hälfte der Bundesbürger (50 Prozent) kann sich vorstellen, sich persönlich für Flüchtlingskinder beispielsweise durch Übernahme einer Patenschaft oder durch ehrenamtliche Hilfe zu engagieren, wenn den Kindern damit das Leben in Deutschland erleichtert werden könnte. 45 Prozent wären nicht bereit, sich persönlich einzubringen. Die Bereitschaft zu persönlichem Engagement ist insbesondere bei den Anhängern der Grünen (71 Prozent) hoch, und auch bei den SPD-Anhängern (58 Prozent) und Unions-Anhängern (54 Prozent) bzw. Linken-Anhängern (53 Prozent) sind immer noch mehr als die Hälfte der Befragten dazu bereit. Besonders hohe Zustimmungsraten verzeichnet die Umfrage in dieser Frage auch bei Höhergebildeten (65 Prozent) und bei jungen Menschen im Alter bis 29 Jahren (60 Prozent). 3 Prozent der Befragten gaben an, sich bereits für Flüchtlingskinder in Deutschland zu engagieren.

Die beachtliche Zustimmungsrate bei der Frage nach der Bereitschaft zu persönlichem Engagement wird auch von vorhandenen Erfahrungen untermauert. Nachdem im Mai 2014 das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) die Kindertransporthilfe des Bundes als nationales Rettungsprogramm für 55.000 syrische Kinder der Öffentlichkeit vorgestellt und Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) zur Übernahme angeboten hatte, meldeten sich hunderte hilfsbereiter Eltern zur Aufnahme eines Flüchtlingskindes. Bis heute gehen beim ZPS regelmäßig Anfragen ein, die sich nach Möglichkeiten zur Betreuung und Unterstützung von Flüchtlingskindern erkundigen.

Ob Staat und Gesellschaft genug tun, um Flüchtlingskindern in Deutschland in ihrer besonderen Lebenssituation zu helfen, darüber gehen die Meinungen der Bundesbürger auseinander. Knapp die Hälfte (49 Prozent) der Deutschen ist der Ansicht, es werde sehr viel (12 Prozent) oder viel (37 Prozent) getan, um speziell Flüchtlingskinder in Deutschland zu unterstützen. Fast ebenso viele sind jedoch gegenteiliger Auffassung (45 Prozent). Größeren Handlungsbedarf sehen mehrheitlich die Anhänger der Grünen (61 Prozent) und der Linken (56 Prozent), aber auch der SPD (51 Prozent), während gut die Hälfte der Unions-Anhänger (55 Prozent) der Meinung ist, es werde bereits sehr viel oder viel für Flüchtlingskinder getan.

„Insbesondere die hohe Bereitschaft der Bevölkerung, sich mehr als bisher für Flüchtlingskinder in Deutschland zu engagieren, ist ein ermutigendes Zeichen, dass die mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen verbundenen Herausforderungen gemeistert werden können. Hier kann im Vergleich zu den Diskussionen zu Beginn und Mitte der 1990er Jahre eine deutlich offenere Haltung gegenüber Flüchtlingskindern konstatiert werden. Insbesondere die Engagement-Bereitschaft jüngerer Menschen gibt Anlass zur Hoffnung, dass wir bei der Verbesserung der Situation von Flüchtlingskindern in Deutschland langfristig auf die Unterstützung der Bevölkerung bauen können. Die hohe Differenz zwischen denjenigen, die zu persönlichem Engagement für Flüchtlingskinder bereit sind und denjenigen, die schon tatsächlich etwas tun, zeigt das enorme Potential, das es zu erschließen gilt. Patenschaften und Mentoring-Programme können gute Instrumente sein, um Flüchtlingskindern in den ersten Jahren in Deutschland zu helfen. Hier sollten Bund, Länder und Kommunen eine entsprechende Offensive starten, damit sich mehr Menschen als bisher dann auch tatsächlich ehrenamtlich für Flüchtlingskinder engagieren“, betont Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes.

„Gleichzeitig sollten Bund und Länder die Diskriminierung von Flüchtlingskindern in Deutschland beenden und ihnen endlich eine Zukunftsperspektive geben. Denn das Asylbewerberleistungsgesetz widerspricht der UN-Kinderrechtskonvention ebenso wie den Grundgedanken des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Es grenzt Flüchtlingskinder systematisch aus, gefährdet das Kindeswohl und bewirkt, dass Kinder in Deutschland unter Bedingungen heranwachsen, die ihnen elementare Lebenschancen und eine gesunde Entwicklung vorenthalten. Flüchtlingskinder sind in erster Linie Kinder und müssen dieselben Ansprüche auf Leistungen der bestehenden Sozialsysteme haben wie andere Kinder auch. Die Umfrage zeigt deutlich, dass Bund und Länder hier bei einer rechtlichen Gleichstellung aller Kinder in Deutschland die deutliche Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hätten.“ (DKHW/ots/ap)