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„Wort zum Sonntag“-Sprecher: Atheistische Ideen führen zu Massenmord

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Katholischer Priester aus Essen schockiert mit bizarrem Vergleich in TV-Predigt.
Montag, 3. November 2014
Foto: Screenshot / ARD

Fernsehprediger Gereon Alter: Ohne Gottesbezug werden Menschen wie Hitler, Pol Pot und Stalin. Foto: Screenshot / ARD

Eine Zeitlang war es ruhig geworden seitens der Kirchen in Deutschland – jedenfalls was Berichte über verbale Entgleisungen ihrer offiziellen Repräsentanten betrifft. Sogar das berüchtigte Trio Mixa, Meisner, Müller verstummte nach und nach, als seit dem Frühjahr 2010 immer mehr erschreckende Fakten zu den Missständen in der eigenen Kirche an das Tageslicht kamen.

Am vergangenen Samstag ist nun der klerikale Übermut in Gestalt des katholischen Priesters Gereon Alter auf die mediale Bühne zurückgekehrt. Der 47-Jährige Leiter einer Großpfarrei im Bistum Essen wandte sich im „Wort zum Sonntag“ gegen die im vergangenen Monat mit großer Mehrheit vom Landtag in Schleswig-Holstein verabschiedete Verfassungsreform:

„Der Kieler Landtag hat sich jüngst für eine Landesverfassung ohne einen solchen Gottesbezug entschieden. Es brauche keinen Verweis auf etwas Höheres, hieß es. Es genüge, wenn jeder Verantwortung für sich selbst übernehme. Ich finde das bedenklich. Denn zeigt nicht unsere Erfahrung, dass wir uns übernehmen, wenn wir Menschen uns zum Maß aller Dinge machen? Und hat nicht die Geschichte gezeigt, dass das im Letzten fürchterliche Konsequenzen haben kann: Hitler, Stalin, Idi Amin, Pol Pot  … sie alle meinten nur sich selbst verantwortlich zu sein.“

Millionen Tote und unvorstellbares menschliches Grauen – laut Gereon Alter eine Folge der Trennung zwischen Staat und Religion sowie einer Moral und Werten, die auf den Glauben an Götter verzichten und stattdessen auf Prinzipien wie Selbstbestimmung und Eigenverantwortung setzen?

Beobachter reagierten empört auf die Ausführungen des Kirchenvertreters. „Sie stellen die bedingungslose Anerkennung der Würde des Menschen in Abhängigkeit zum Glauben an Gott dar. Damit sprechen Sie Atheisten automatisch eine Weltanschauung ab, welche die Würde des Menschen als ersten unantastbaren Wert betrachtet. Was Sie hier machen ist nichts anderes als Volksverhetzung“, kommentierte daher ein Zuschauer die bizarre Rede des katholischen Priesters. Ein anderer fragte: „Wem waren denn die ganzen Christenmenschen verantwortlich gegenüber. Die christenmenschen die auf Kreuzzüge gegangen sind, Hexen und Ketzer verbrannt haben, die Waffen segneten mit denen Kriege geführt wurden.“

Vielen nichtreligiösen Menschen ist die kirchliche Sendereihe ohnehin seit jeher ein Dorn im Auge und auch von Top-Quoten ist sie weit entfernt: durchschnittlich gerade einmal 1,5 Millionen Menschen schalten jedes Wochenende das „Wort zum Sonntag“ ein. Doch ein geringes Interesse an der Sendung, die der scheidende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider Anfang des Jahres anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Sendereihe als „niedrigschwelligen Berührungspunkt mit dem Evangelium“ bezeichnete, kann die klerikale Entgleisung kaum relativieren – zumal die finanzielle Basis ebenfalls die Gebührenzahler bilden, die zur wachsenden Gruppe der Konfessionsfreien gehören.

Die Überzeugungen derjenigen Beitragszahler in der Bevölkerung, die atheistische, agnostische oder auch einfach laizistische Überzeugungen besitzen, rhetorisch in eine Reihe mit denen von totalitären Massenmördern zu stellen, zeugt zwar von bemerkenswerter Dreistigkeit, gefährlicher Geschichtsvergessenheit und Realitätsblindheit gleichermaßen. Eine unmittelbare Handhabe gegen die in sanfter Tonlage vorgetragene Hasspredigt gibt es kaum. Das Recht auf Meinungsfreiheit schützt auch derartige Ausführungen.

Hintergrund Koordinatorin für das „Wort zum Sonntag“ ist das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, ein Tochterunternehmen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Inhaltlich verantwortlich für kirchliche Sendungen sind die Kirchen bzw. die jeweiligen Beauftragten. Die rechtliche Grundlage für den Anspruch der Kirchen auf Sendezeit bildet der Rundfunkstaatsvertrag. Die Kontaktadressen für die ARD-Zuschauerredaktion sind hier zu finden.

Eine Strafanzeige wegen „Volksverhetzung“ gegen den CSU-Politiker Norbert Geis aufgrund vergleichbarer Äußerungen im Jahr 2012 blieb folgenlos. Dieser hatte in der Talkshow „Anne Will“ behauptet, dass „gottlose Menschen“ als das „Tätervolk“ der Menschheitsverbrechen im vergangenen Jahrhundert zu sehen seien. Der inzwischen aus Altersgründen aus dem Bundestag ausgeschiedene Geis ruderte später zurück und versuchte, seine Ausführungen zu relativieren.

„Das Wort zum Sonntag“ am vergangenen Wochenende trug übrigens die Frage im Titel: „Was ist Dir heilig?“ Fernsehprediger Gereon Alter hat dabei für seine Person klargemacht: das Interesse an einem friedlichen Zusammenleben mit nichtreligiösen Menschen ist es ihm nicht. Und mit dem Respekt für den demokratischen Beschluss der Abgeordneten in Kiel dürfte es wohl auch nicht weit her sein.

Die Entscheidung gegen den „Gottesbezug“ in der Präambel der erneuerten Landesverfassung von Schleswig-Holstein hat sich somit bereits jetzt als weise im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens zwischen den Menschen im Land erwiesen – und steht leider im deutlichen Gegensatz zu der Lage in Ländern, wo sich Kirchenvertreter wie Alter bei solchen Behauptungen immer noch auf einen Verfassungstext stützen können.