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Sunday Assembly soll nach Berlin und Hamburg kommen

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Kirtan, Ganachakra, Cem oder Heilige Messe – die regelmäßigen Feiern der Religionen haben viele Namen. Aber können nur religiöse Menschen inspirierende und anregende Versammlungen für ihresgleichen durchführen? Atheisten und Agnostiker in Hamburg und Berlin glauben nicht daran. Sie wollen eigene Feiern in Deutschland etablieren. Das Motto: Lebe besser, hilf öfter, staune mehr.
Montag, 8. September 2014
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Was gibt es Schöneres an einem Sonntagvormittag als ganz lange im Bett zu bleiben, dann in aller Ruhe zu frühstücken und anschließend vielleicht im Grünen spazieren zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen? Stimmt die Theorie einer kleinen Schar von Atheisten und Agnostiker in Berlin und Hamburg, dann ist solch ein Programm wenigstens ebenso reizvoll: lange im Bett bleiben, dann gemütlich frühstücken – und anschließend eine Sonntagsversammlung besuchen, um gemeinsam mit anderen Menschen das eine Leben zu feiern, das sie haben, und sich mit ihnen auszutauschen, um inspiriert und gestärkt in die neue Woche zu gehen.

Das jedenfalls gehört zu den Zielen von Sunday Assembly, der Sonntagsversammlung von Menschen ohne religiösen Glauben. Sunday Assembly wurde von den britischen Comedians Sanderson Jones und Pippa Evans Anfang 2013 in London initiiert. Ihre Idee: das Beste von religiösen Feiern und Zeremonien zu machen – aber ohne einen Gott und Religion. Die Initiative fand schnell Anklang über London hinaus. In zahlreichen weiteren Städten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten haben sich seitdem weitere Gruppen gebildet, die ebenfalls in vierwöchigem Rhythmus diese gottlosen Versammlungen durchführen: einen kurzen philosophischen oder wissenschaftlichen Vortrag hören, gemeinsam einige Popsongs singen, sich einige Minuten von den Höhen und Tiefen des Alltags zu berichten und auf die Dinge zu besinnen, die einem von Bedeutung sind. Rund 60 Minuten soll eine Sunday Assembly dauern, im Anschluss daran gibt es Raum für Gespräche bei Kaffee und Kuchen. Eine kostenfreie Kinderbetreuung ist selbstverständlich.

Auch Menschen in Deutschland finden das Konzept spannend. In der Spreemetropole soll es deshalb am 28. September den Auftakt der Sunday Assembly in Deutschland geben. Die in Berlin lebende Autorin Sue Schwerin von Krosigk und der Dozent Ulrich Tünsmeyer waren begeistert von der Idee, als sie durch die Berichte in Medien auf die Assemblies aufmerksam wurden. „Die positive Energie, die von der Sunday Assembly ausgeht, die ansteckende Lebensfreude in den Versammlungen – das ist genau das, was uns hier in Berlin fehlt. Hier in der Hauptstadt der Konfessionslosen gibt es zwar viele einzelne Veranstaltungen für Atheisten, Agnostiker, ‚Nones‘ und Skeptiker, aber keinen Ort, an dem gemeinsam dieses eine Leben gefeiert wird, das wir haben. Deshalb starten wir hier in Berlin unsere Sunday Assembly“, sagt Sue Schwerin von Krosigk. Unabhängig vom aktuellen Thema wollen die Versammlungen eine aktive Gemeinschaft fördern, zum Nachdenken anregen und inspirieren, das Leben sinnvoll zu gestalten, erklärt von Krosigk weiter.

Foto: A. Platzek

Rainer Sax ist von den Versammlungen begeistert und will sie dauerhaft nach Hamburg bringen.

In der Elbmetropole Hamburg wird es am gleichen Tag ebenfalls offiziell losgehen. Bereits seit einigen Monaten laden Vanessa Boysen und Rainer Sax, die seit knapp zwei Jahren auf St. Pauli das Humanist Lab betreiben, regelmäßig zu Proben ein. „Es ist großartig, dass sich durch Sunday Assembly Hamburg so schnell eine so positive Gemeinschaft gebildet hat. Das hätten wir gar nicht zu hoffen gewagt“, sagt Rainer Sax. „Uns ist es wichtig, dass aus ihr neue Aktivitäten und Gruppen erwachsen. Wir wollen Gutes tun in der Welt.“

Umgesetzt werden die Assemblies übrigens auf rein ehrenamtlicher Basis. Um die Unabhängigkeit der Sonntagsversammlungen von etablierten Organisationen und Institutionen zu sichern, legen ihre britischen Erfinder großen Wert auf die Einhaltung dieser Regel durch neue Assembly-Gemeinschaften. Die Berliner Gruppe setzt deshalb nun auf Crowdfunding zur Anschubfinanzierung, damit Miete, Tontechnik und ähnliche Dinge bezahlt werden können. Insgesamt 800 Euro wollen sie mit Hilfe von Betterplace und den vielen potentiellen Assembly-Sympathisanten in der deutschen Hauptstadt einsammeln. Die Kosten für die Versammlungen in den Folgemonaten sollen dann durch Kollekten bei den Events zusammenkommen.

Die ersten Atheisten und Agnostiker in Deutschland nehmen die Herausforderung also an und wollen für ihresgleichen ebenfalls regelmäßige Feiern und Möglichkeiten zur gegenseitigen Begegnung schaffen. Und es gibt auch über die unmittelbaren Ziele der Versammlungen hinaus gute Gründe dafür. Denn nicht nur im größten Teil von Deutschland, vor allem aus globaler Sicht sind Menschen ohne religiöse Überzeugungen eine kleine Minderheit – und nur wenig deutet darauf, dass sich das langfristig ändern wird. Warum sich also nicht gegenseitig etwas besser kennenlernen und zugleich gemeinsam einige schöne Momente zu erleben? Lebe besser, hilf öfter, staune mehr – in knapp drei Wochen wird es erste Beweise geben, ob Menschen ohne Religion gemeinsam das eine Leben feiern können, von dem sie wissen, dass sie es haben.