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Niedersachsen: Humanisten warnen vor Benachteiligung von Konfessionsfreien

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Schüler aus Familien mit muslimischem Bekenntnis können sich unter bestimmten Umständen in diesem Jahr über längere Sommerferien freuen. Eine Sonderregelung in Niedersachsen und Bremen macht es möglich, dass der Start in die Ferien bereits am Freitag erfolgt. Hintergrund ist das Zuckerfest zum Ende des diesjährigen Ramadan, der islamischen Fastenzeit.
Mittwoch, 23. Juli 2014

Das Ramadanfest beginnt in diesem Jahr am 28. Juli, zwei Tage vor dem letzten regulären Schultag in Niedersachsen und Bremen. Damit Familien mit einem muslimischen Bekenntnis, die das religiöse Fest mit ihren Verwandten im Ausland feiern möchten, ohne Verletzung der Schulpflicht rechtzeitig verreisen können, haben die Kultusministerien der beiden Länder mit einem Erlass zwei zusätzliche freie Tage für Schüler aus diesen Familien erlaubt. Da in den Bundesländern der letzte Schultag vor den Sommerferien auf Mittwoch, den 30. Juli, fällt, können die betroffenen Schüler bereits am kommenden Freitag ihre Schuljahreszeugnisse in Empfang nehmen. „Das Fest des Fastenbrechens hat für gläubige Muslime eine ähnlich große religiöse Bedeutung wie Weihnachten für Christen“, erklärte Ministeriumssprecher Sebastian Schumacher zur Sonderregelung. Voraussetzung für den früheren Ferienbeginn ist ein schriftlicher Antrag der Eltern bei der zuständigen Schulleitung und ein Nachweis der Auslandsreise. Gegenüber dem Nachrichtenmagazin IslamiQ betonte eine Sprecherin des Kultusministeriums außerdem: „Uns ist wichtig, dass den Eltern und den Schülern klar ist, dass versäumter Unterrichtsstoff selbstständig nachzuholen ist.“

Während der Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Niedersachsen, Ralf Meister, die Ausnahmeregelung begrüßte, warnte der Humanistische Verband in Niedersachsen vor der zunehmenden Benachteiligung von nichtreligiösen Schüler und ihren Familien.

Rund ein Viertel aller Schüler im Bundesland haben kein religiöses Bekenntnis, knapp 30 Prozent der Bevölkerung sind konfessionsfrei. Bisher müssen diese Menschen auf zusätzliche freie Tage verzichten, wie das für Angehörige der Religionsgemeinschaften in Schule und Beruf möglich ist. Für die Schüler und Familien mit christlicher Konfession gibt es traditionell zahlreiche gesetzlich verankerte Feiertage über das gesamte Jahr sowie zusätzliche Ausnahmeregelungen zur Befreiung von der Schulpflicht an weiteren religiösen Feier- und Gedenktagen. Die nichtreligiösen Menschen mit humanistischer Weltanschauung haben hingegen bislang keine Möglichkeit, sich zu eigenen Festtagen, wie dem internationalen humanistischen Feiertag am 21. Juni jeden Jahres, von der Schule oder dem Dienst freistellen zu lassen.

Lutz Renken, Referent des Humanistischen Verbandes Niedersachsen, warnte deshalb am Mittwoch vor einer zu starken Betonung der Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen, kritisierte aber auch die Bevorzugung für Menschen, die einer Religionsgemeinschaft oder religiösen Glaubensrichtung angehören.

„Den betroffenen Schülern gönne ich den früheren Ferienbeginn. Es war schließlich ein sehr langes Schuljahr“, sagte Renken zur Ausnahmeregelung anlässlich des diesjährigen Ramadanfestes. Solche großzügigen Sonderregelungen machen jedoch das Fehlen von vergleichbaren Regelungen in Niedersachsen und Bremen für humanistische Feiertage erst deutlich. Menschen ohne religiöses Bekenntnis sind hier klar benachteiligt.

Nicht nur mit Blick auf den 21. Juni, sondern auch auf den 8. März, dem internationalen Frauentag, und den Tag der Menschenrechte am 10. Dezember, sowie den traditionellen Höhepunkt der Zeit der Lichtfeste am 21. Dezember jeden Jahres, sieht er deshalb ein erhebliches Reformpotential, „damit sich zukünftig auch Humanistinnen und Humanisten bei Bedarf an den Feiertagen ihrer eigenen weltanschaulichen Tradition vom Dienst oder dem Schulunterricht freistellen lassen können. Auch für Menschen ohne religiösen Glauben muss es möglich sein, unabhängig von den starren Vorgaben durch die im Gesetz festgelegten christlichen Feiertage ihre Weltanschauung zu leben.“