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Begabtenförderung mit deutlicher Schlagseite

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Mit insgesamt knapp 200 Millionen Euro bezuschusst der Bund derzeit pro Jahr die 13 Begabtenförderungswerke in Deutschland. Begrüßt wird daher das Ende der besonderen Förderung für kirchennahe Nachwuchsakademiker. Studierende ohne religiöses Bekenntnis sind hingegen weiterhin klar benachteiligt.
Donnerstag, 22. Mai 2014
© Avicenna-Studienwerk

584 Bewerbungen auf 50 Plätze gibt es beim jüngsten Begabtenförderungswerk. Viele Studierende sind aus Nicht-Akademikerfamilien, 50 Prozent sind weiblich. © Avicenna-Studienwerk

Die religiöse und kulturelle Vielfalt, die in Deutschland existiert, ist am vergangenen Mittwoch deutlich geworden. In Berlin hatten sich im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages das jüdische Begabtenförderwerk Ernst Ludwig Ehrlich (ELES) und das muslimische Studienwerk Avicenna vorgestellt.

„Wir wollen eine jüdische Zukunft in Deutschland gestalten“, sagte der ELES-Vorsitzende Walter Homolka in seiner Stellungnahme zum Auftakt. Homolka ist Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Religionsphilosophie an der Universität Potsdam und Gründer des Abraham-Geiger-Kollegs. Er hatte ferner die Einrichtung der „School of Jewish Theology“ initiiert, die im vergangenen November in Potsdam offiziell eröffnet wurde. Zusammen mit dem Geiger-Kolleg bildet die Einrichtung einen Teil des seit 2012 bestehenden Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Erste positive Erfahrungen hat das neue Avicenna-Studienwerk schon gemacht. „Zunächst hatten wir Bedenken, dass wir nicht genug Bewerbungen bekommen würden, aber das hat sich sofort erledigt“, berichtete der Vorsitzende von Avicenna, Professor Bülent Ucar. Er ist Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück. Ucar betonte gestern, dass das im vergangenen Jahr anerkannte Begabtenförderungswerk Avicenna junge Menschen in allen Fachrichtungen fördern will und nicht nur in religionswissenschaftlich geprägten Wissenschaften. Besonders wichtig sei ihm, dass sich die Stipendiaten auch gesellschaftlich betätigen und etwas für das Gemeinwohl tun. „Wir wollen keine kalten Karrieristen fördern“.

Lob für interkulturelle Öffnung

Beide Studienwerke beobachten, dass sie anders als die parteinahen oder traditionellen christlichen Studienwerke, vor allem Bewerbungen von jungen Menschen aus schwierigen oder einfachen sozialen Verhältnissen bekommen. Beim jüdischen Studienwerk gingen viele Bewerbungen von jungen Menschen aus ursprünglich osteuropäischen Familien ein. Meist sei den Eltern sei nach der Einwanderung nach Deutschland ihre akademischen Abschlüsse nicht anerkannt worden. Diese Elterngeneration arbeitet oft als Parkwächter oder ähnliches, verdeutlichte Homolka die Situation. Deren Kinder wollten nun den Aufstieg im deutschen Bildungssystem schaffen. Beim muslimischen Studienwerk kämen fast 90 Prozent der Bewerber aus nichtakademischen Elternhäusern, mehr als die Hälfte der Bewerberinnen seien weiblich.

Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk gibt es seit 2009, Avicenna sucht gerade aus 584 Bewerbungen 50 Stipendiaten für den ersten Jahrgang heraus. Sie zählen zu den insgesamt 13 Begabtenförderungswerken, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt werden. Stipendiaten werden mit einem Betrag in Höhe von bis zu 670 Euro sowie 300 Euro Büchergeld monatlich gefördert. Promotionsförderungen sind ebenfalls möglich.

Vertreter aller Fraktionen begrüßten, dass es die neuen Studienwerke gibt. Unter anderem hieß es, diese seien auch ein Zeichen für eine interkulturelle Öffnung in der Begabtenförderung und würde die Vielfalt in der Stipendienlandschaft erweitern. Als wichtig wurde der soziale Ausgleich beurteilt, um den sich die beiden Studienwerke bemühen. Denn es sei für junge Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor schwer eine höhere Bildungslaufbahn einzuschlagen.

Der Bund bezuschusst die 13 Begabtenförderungswerke mit derzeit insgesamt knapp 200 Millionen Euro jährlich. Diese sollen laut Angaben des BMBF das pluralistische Spektrum der weltanschaulichen, konfessionellen, politischen, wirtschafts- oder gewerkschaftsorientierten Strömungen in Deutschland widerspiegeln. Doch nichtreligiöse Weltanschauungsgemeinschaften sind bislang außen vor, von Vielfalt kann hier nur begrenzt die Rede sein. Darauf hat Michael Bauer, Vizepräsident der Humanistischen Akadamie Bayern, am Mittwochnachmittag erneut hingewiesen.

Studierende ohne Konfession deutlich benachteiligt

„Der größte Teil geht an die Stiftungen der Parteien und diejenigen der Religionsgemeinschaften. So entstehen Netzwerke, die weit über das Studienende hinaus reichen.“ Bauer ist ehemaliger Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und dort heute noch als ehrenamtlicher Mentor tätig. Mit der Finanzierungs- und Vergabepraxis ist er daher sehr gut vertraut. „Die Stiftungen und Förderwerke vergeben ihre Stipendien zwar nach ihren Kriterien selbst – aber das Geld dafür kommt vom Steuerzahler. An einer bunten Landschaft der Förderwerke ist nicht schlechtes – aber diese Landschaft ist weltanschaulich gesehen nicht wirklich bunt“, so Bauer weiter.

Er fordert die Einrichtung eines Studienwerks für besonders begabten akademischen Nachwuchs mit humanistischem Bekenntnis. „Heute haben die religiös Engagierten höhere Chancen auf eine Förderung des Studiums, als die, die keiner Religion anhängen. Fazit: Die Nichtreligiösen gucken mal wieder in die Röhre. Damit muss endlich Schluss sein!“

Für eine Überwindung der konfessionellen Schlagseite bei den millionenschweren Zuweisungen an die Begabtenförderungswerke sprach sich auch der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Frieder Otto Wolf, aus. Wolf begrüßte ebenfalls, dass die einseitige Konzentration der Begabtenförderungswerke auf kirchennahe Studierende und Promovierende langsam überwunden wird. „Aber auch die größeren Weltanschauungsgemeinschaften müssen die Möglichkeit haben, in Zukunft eigene Impulse und Schwerpunkte bei der Heranbildung von hoch qualifizierten und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten zu setzen“, sagte er. Es gebe hier „erhebliche Defizite“ in der institutionellen Verankerung. „Bis zu einer wirklich pluralistischen Begabtenförderung seitens der Bundesregierung, die auch junge Akademiker und Nachwuchswissenschaftler ohne religiöses Bekenntnis einbezieht, gibt es noch viel zu tun“, so Wolf.