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Politik bedeutet, Wertentscheidungen zu treffen

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Im Kuppelsaal des „Hannover Congress Centrum“ (HCC) findet an diesem Wochenende der Kongress „Spirit of Health“ statt. Unter dem Slogan „Zeit für Gesundheit“ bieten zwölf Referenten aus sieben Ländern verschiedenste Kuriositäten aus der Welt der sogenannten „Alternativmedizin“ – Halbwahrheiten und gesundheitsgefährdende Ratschläge inklusive.
Samstag, 26. April 2014
Veranstaltungswerbeseite

Veranstaltungswerbeseite des Kongresses. Bild: Screenshot

„Schwereres Leiden und vorzeitiger Tod durch Krebs-, Herz- und Kreislauferkrankungen bedrohen immer mehr Menschen gerade in den ,reicheren' Ländern. Hinzu kommen viele ,moderne' Erkrankungen wie Allergien, Alzheimer, Demenz, ADHS, Burnout, AIDS/HIV usw., welche sich heutzutage scheinbar geradezu epidemieartig ausbreiten“, heißt es zur Ankündigung. Weiter preisen die Initiatoren auf der Veranstaltungsseite: „Der Spirit of Health Kongress setzt Zeichen und steht für Aufklärung und Selbstverantwortung der eigenen Gesundheit.“

Aufklärung, Selbstverantwortung? Ein Blick in die Dokumentation des bekannten Verbraucherschutzportals Psiram (die Bezeichnung ist ein Akronym aus Pseudowissenschaft, Irrationale Überzeugungssysteme, Alternative Medizin) schreckt auf: zu den Referenten der Veranstaltung gehören ein selbsternannter Erzbischof und andere Personen, die Krebs und Autismus heilen zu können vorgeben. Vorgeführt werden soll außerdem ein Film, in dem die Zusammenhänge zwischen HIV-Infektion und AIDS in Zweifel gezogen werden.

Im Anschluss an den Kongress gibt es außerdem einen zweitägigen Workshop – mit einem Teilnahmepreis von 450 Euro wahrlich kein günstiges Vergnügen. Dieser richtet sich an „freidenkende Ärzte/Tierärzte, Heilpraktiker, Heiler und interessierte Anwender“, die Teilnahme soll mit einem Abschlusszertifikat prämiert werden. Thema des Workshops ist das „Wundermittel“ MMS, ein angebliches Heilmittel für Krankheiten wie Krebs, AIDS, Malaria, Autismus und vieles mehr. MMS, das steht für „Magical Mineral Supplement“.

Man muss nicht besonders genau hinschauen, um zu erkennen, dass sich der magische und mineralische Gehalt in Grenzen hält: Eine giftige Chlordioxid-Lösung, die in der Industrie Anwendung als Bleichmittel findet, soll laut der Anbieter des Workshops, Jim Humble und Andreas Kalcker, die Rettung bei einer Vielzahl schwerwiegender Erkrankungen sein. Dieses Mittel wird von offizieller Seite wie dem Bundesinstitut für Risikobewertung und der U.S. Food and Drug Administration als gesundheitsschädlich eingestuft, von der Verwendung wird dringend abgeraten. Am 22. April warnte auch der NDR in einem Beitrag: „Angebliches Wundermittel MMS gefährlich“.

Trotzdem werden nun eventuell mehr Menschen als erwartet am Wochenende den Weg zum Kuppelsaal in Hannovers Zentrum finden: Christoph Lauer, Abgeordneter der Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin, hatte anlässlich des Kongresses zu einer Demonstration am Samstagvormittag aufgerufen. Vergebens an die Betreiber des HCC hatten im Vorfeld rund 250 Autisten, Angehörige autistischer Menschen und Vertreter von Selbsthilfegruppen appelliert, den Veranstaltern abzusagen.

Doch warum ist es denn überhaupt möglich, dass offenbar gesundheitsgefährdende Produkte an dieser angesehenen Adresse in der Landeshauptstadt ungehindert vermarktet werden können?

Foto

Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung am 23. April 2014.

Auf eine entsprechende Anfrage hin äußerte sich der Direktor des Kongress-Zentrums, Joachim König. „Grundsätzlich von der Argumentation her nachvollziehbar“ seien die Bedenken, heißt es in einer Antwort. Jedoch gehöre es zur Geschäftspolitik, dass „eine Prüfung von Inhalten bei Veranstaltungen sich grundsätzlich auf die Tatbestände von rechtswidrigen und verbotenen Handlungen beschränkt und, wenn dies nicht der Fall ist, das HCC allen interessierten Veranstaltern offensteht.“

Rechtswidrige und verbotene Handlungen seien jedoch nicht erkennbar, weshalb eine Aufkündigung des Mietvertrages nicht möglich ist. Generell könne das Kongress-Zentrum bei rund 1.200 Veranstaltungen pro Jahr personell auch nicht mehr tun, als eine auf rechtswidrige und verbotene Handlungen beschränkte Prüfung vorzunehmen. Außerdem heißt es: „Da es sich bei der Veranstaltung zusätzlich um eine mit relativ hohen Teilnehmergebühren verbundene Veranstaltung handelt, gehen wir darüber hinaus davon aus, dass die Veranstaltung nur von Besucherinnen und Besuchern besucht werden wird, die sich im Vorfeld entschieden haben, dass sie diese Informationen erhalten möchten und bereit sind, dafür Zeit und Geld zu investieren. Hier ist für uns durchaus auch das Prinzip der Verbraucherautonomie, das in Deutschland eigentlich zum üblichen Verständnis gehört, eine Grundlage, die eine entsprechende Würdigung und Berücksichtigung erfahren sollte.“

Stehen die Kritiker in der niedersächsischen Landeshauptstadt jeder Scharlatanerie-Veranstaltung also vollkommen hilflos gegenüber, muss die Stadt „Wunderheiler“-Messen durch ihre Einrichtungen fördern? Nicht unbedingt, einen entsprechenden politischen Willen vorausgesetzt. Denn das Hannover Congress Centrum ist ein Eigenbetrieb der Stadt, dessen Geschäfts- und Tätigkeitsbereich durch eine vom Stadtrat beschlossene Satzung geregelt wird. Zur völligen Teilnahmelosigkeit, wie es der Direktor des Kongress-Zentrums nahelegt, ist man in Hannover also nicht verpflichtet: eine Satzungsänderung könnte unlautere und dubiose Anbieter ausschließen. Denn Politik bedeutet, Wertentscheidungen zu treffen, wie die Debatte um die „Homöo“-Akademie Traunstein beispielhaft zeigte. Der „Spirit of Health“-Kongress in Hannover bietet für die Stadt Anlass und Chance, hier Zeichen zu setzen.