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Gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Krise

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Die soziale Spaltung in Deutschland ist riesig. Immer weniger Menschen haben am Wohlstand teil, immer größer wird die Kluft zwischen Arm und Reich. Darauf weist ein am Donnerstag vorgelegtes Jahresgutachten des Paritätischen Gesamtverbandes zum sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft hin.
Donnerstag, 24. April 2014
Um 40 Prozent ist der Anteil an armen oder von Armut bedrohten Menschen in den letzten Jahren gewachsen.© roman023 - Fotolia.com

Ältere, Frauen, Kinder, Alleinerziehende und Menschen in den neuen Bundesländern gehören besonders zu den Betroffenen der gravierenden Ungleichheit. Foto: © roman023 - Fotolia.com

„Die Befunde des Jahresgutachtens sind alarmierend: Deutschland ist im Hinblick auf Teilhabe und Ressourcen tief gespalten. Noch nie war im vereinigten Deutschland die Spanne zwischen Arm und Reich größer. Am wachsenden Wohlstand in Deutschland haben immer weniger Menschen teilt“, sagte Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Spitzenverbandes der freien Wohlfahrtspflege, anlässlich der Vorstellung des Gutachtens am Donnerstagvormittag in Berlin. Der Verband will das Gutachten künftig jährlich vorlegen. Dort heißt es: „Soziale Kohäsion ist eine wesentliche Grundlage für die Stabilität und Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.“

Die Analyse ausgewählter Kennziffern hat dabei ergeben, dass der soziale Zusammenhalt in Deutschland akut gefährdet ist. Der Verband forderte deshalb die Bundesregierung auf, das weitere Auseinanderdriften der Gesellschaft zu stoppen. Notwendig seien ein sozialpolitischer Kurswechsel und eine andere Steuerpolitik. „Uns geht es darum, ein Korrektiv zur einseitigen ökonomistischen Perspektive des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zu etablieren. Denn: Deutschland ist nicht nur Wirtschaftsstandort, sondern vor allem Lebensstandort“, so Rosenbrock.

Die Ergebnisse des Gutachtens sind alarmierend. „Hinter den volkswirtschaftlichen Erfolgsbilanzen verbirgt sich eine fortschreitende Spaltung der Gesellschaft. Immer größere Bevölkerungsgruppen werden sozial abgehängt, der Trend ist bedrohlich", bilanziert Dr. Joachim Rock, Verfasser des Gutachtens. Noch nie habe es so viele Erwerbstätige gegeben, aber ebenfalls noch nie so viele prekäre Tätigkeiten und Teilzeitbeschäftigungen. Zudem stagniert laut Gutachten die Zahl der Langzeitarbeitslosen trotz guter Wirtschaftslage auf hohem Niveau und auch die Armutsquote habe einen Höchststand erreicht.

Wie das Gutachten zeigt, gehören Alleinerziehende, Rentner und Kinder zu den besonders von Armut bedrohten gesellschaftlichen Gruppen. So sind 41 Prozent der Alleinerziehenden arm oder von Armut bedroht, ebenso wie 14,3 Prozent der Rentner und Pensionäre. Und während der bereits hohe Anteil hier bei den Alleinerziehenden seit 2005 um weitere zwei Prozent gewachsen ist, hat sich der Anteil bei den älteren Menschen im gleichen Zeitraum um sogar 40 Prozent erhöht.

„Vor dem Hintergrund der vergleichsweise positiven wirtschaftlichen Entwicklung und den vordergründig positiven Arbeitsmarktzahlen ist dieser Befund ganz erstaunlich. Offenbar ist eine große, wachsende Zahl von Menschen von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt“, heißt es dazu im Gutachten zur kontinuierlichen Ausbreitung von Armut während der vergangenen Jahre.

Die riesige Ungleichheit spiegelt sich auch in der Vermögensverteilung wider. Während das Durchschnittsvermögen eines Erwachsenen in Deutschland  laut Berechnungen auf Basis der Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung rund 83.308 Euro beträgt, liegt der Medianwert bei lediglich knapp 17.000 Euro. „Die erhebliche Abweichung verweist auf eine extreme Ungleichverteilung auch der individuellen Vermögenspositionen“, stellen die Autoren des Gutachtens fest. Außerdem hätte die Untersuchung den Befund „massiver regionaler Disparitäten“ bestätigt. Das durchschnittliche Nettovermögen liegt in den alten Bundesländern bei 93.790 Euro, beträgt hingegen in den neuen Bundesländern mit nur 41.138 Euro weniger als die Hälfte. Noch deutlicher wird die Ungleichverteilung bei der Betrachtung des Medianwertes. „Während in den alten Bundesländern ein Medianwert von 21.200 Euro erreicht wird, liegt dieser in den ostdeutschen Ländern bei lediglich 8.080 Euro.“ Erhebliche Ungleichheiten zeigen sich darüber hinaus auch nach Geschlechtern getrennter Betrachtung: Männer in Deutschland haben durchschnittlich deutlich mehr Vermögen als Frauen. Das Gutachten betont außerdem, dass die SOEP-Daten „nicht einmal das vollständige Ausmaß der Vermögensungleichheit abbilden, da die Stichprobe keine Interviewdaten extrem vermögender Personen enthält.“ Trotzdem belegt die Bundesrepublik Deutschland bereits auf Grundlage der SOEP-Werte den Spitzenplatz der Länder der Euro-Zone mit der größten sozialen Ungleichheit.

Allein steht der Spitzenverband mit seiner deutlichen Warnung nicht. Angesichts der extremen Schieflage in sozialen Fragen in Deutschland fühlten sich mittlerweile sogar die Kirchen bewegt, erneut ein eigenes „Sozialwort“ vorzulegen. Der Ende Februar vorgestellte Text stieß allerdings umgehend auf vielfache Kritik. Unter anderem hieß es, dass er keine zukunftsweisenden Überlegungen enthalte. Doch selbst in internationalen Zusammenhängen scheint das Thema von dieser Seite neue Bedeutung zu erhalten, wie unter anderem eine der letzten Wortmeldungen des emeritierten Vorgängers von Papst Franziskus nahelegt.

„Das in den letzten Jahrzehnten vorherrschende Wirtschaftsmodell forderte die größtmögliche Steigerung des Profits und des Konsums in einer individualistischen und egoistischen Sicht, die darauf ausgerichtet war, die Menschen nur nach ihrer Eignung zu bewerten, den Anforderungen der Konkurrenzfähigkeit zu entsprechen.“ Das Kirchenoberhaupt plädierte in der Stellungnahme für die Entwicklung „eines neuen Entwicklungsmodells wie auch eines neuen Blicks auf die Wirtschaft“, um den nun auch vom Jahresgutachten thematisierten tiefgreifenden Missständen zu begegnen. Ob derartige Wortmeldungen gegenüber den Verantwortung tragenden Instanzen noch auf Gehör treffen, ist allerdings fraglich.

Verbandsvorsitzender Rosenbrock betonte: „Das soziale Bindegewebe, der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, bröckelt. Diese Entwicklung gefährdet langfristig auch den Wirtschaftsstandort Deutschland.“ Aus dem Gutachten erwachse die deutliche Mahnung an die Bundesregierung, einen politischen Kurswechsel vorzunehmen: „Wir brauchen eine entschlossene Politik der Arbeitsförderung und konkrete Maßnahmen gegen Armut und Ausgrenzung. Dies ist auch eine Frage des Geldes. Wer die soziale Spaltung wirklich bekämpfen will, kommt um einen steuerpolitischen Kurswechsel zurück zu einer solidarischen Finanzierung unseres Gemeinwesens nicht herum.“