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Ethikpreisträger Quante hält Suizidhilfe-Verbot für falsch

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In ihrem Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende werden die Menschen sich nicht entmündigen lassen. Davon ist der Philosoph und Sozialethiker Michael Quante überzeugt. Die Forderungen der Kirchen und Unionsparteien nach einem Suizidhilfe-Verbot hält er für verfehlt. Im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur plädierte er für eine Liberalisierung.
Donnerstag, 30. Januar 2014
Foto: WWU Münster / Grewer

Michael Quante hat für seine Beiträge am Mittwochabend den erstmals verliehenen Deutschen Preis für Philosophie und Sozialethik erhalten. Foto: WWU Münster / Grewer

„Verschärfte Strafgesetze, das ist leider in manchen Kreisen innenpolitisch ein gern genommenes Mittel, lösen nichts“, sagte Michael Quante, Professor für Philosophie und Direktor des philosophischen Seminars an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, am Mittwochvormittag im Deutschlandradio Kultur zur aktuellen Debatte um ein Strafgesetz gegen Suizidbeihilfe. Dieses wird von Kirchen und den Unionsparteien gefordert. Wenn es in dem Bereich gesetzliche Reformen geben sollte, dann sei aus seiner Sicht nicht die Verschärfung der Rechtslage notwendig, „sondern endlich eine vernünftige Regelung, die nicht tabuisiert und kriminalisiert, sondern das, was ein selbstbestimmtes Sterben in einer demokratischen Gesellschaft sein kann, ermöglicht.“

In der letzten Legislaturperiode war ein von der damaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberg vorgelegter Gesetzesentwurf zu einem Verbot der gewerbsmäßigen Förderung der Suizidhilfe gescheitert. Am vergangenen Montag bekräftigte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) nochmals den Ruf der Kirche nach Einschränkungen der Selbstbestimmung am Lebensende. In einer Erklärung des Ständigen Rates des DBK hieß es, die deutschen Bischöfe „sprechen sich nachdrücklich dafür aus, dass jede Form des organisierten assistierten Suizids ausdrücklich gesetzlich verboten wird.“ Zuvor hatte Anfang des Monats Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) verlangt, dass die in Deutschland bisher legale Suizidassistenz mit einem neuen Strafgesetz unmöglich gemacht wird.

Michael Quante sagte im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur, dass es in diesem Bereich aus seiner Sicht eher eine Liberalisierung als eine Kriminalisierung geben müsste, da er nicht glaube, „dass die aktive Sterbehilfe in jedem Fall ethisch falsch ist.“ Aktive Sterbehilfe, also die Tötung auf Verlangen, ist im Gegensatz zur Suizidhilfe derzeit verboten. Für Quante habe sich aber bereits am Beispiel der gesetzlichen Regelung der Präimplantationsdiagnostik gezeigt, dass sich die Menschen „nicht durch Strafgesetze entmündigen lassen, und das ist auch aus meiner Sicht der richtige Schritt“, so Michael Quante.

Erforderlich seien nach einer Liberalisierung aus seiner Sicht durchaus noch Regelungen, da die Menschen dann „mit der neuen Verantwortung vernünftig umgehen müssen.“ Die Autonomie hält er für einen „zentralen Wert“, der in bestimmten Bereich nicht einfach ausgeblendet werden dürfe. Er sehe deshalb eher den Bedarf für „sehr hohe Schutzwälle bei der Ausübung von Autonomie“, wie z.B. Kontrollmechanismen und Prüfverfahren, um „Verfahren zu etablieren, die Menschen vor Kurzschlusshandlungen schützt.“

Für sein bisheriges Wirken wurde Michael Quante gestern Abend in Hamburg mit dem erstmals verliehenen Deutschen Preis für Philosophie und Sozialethik ausgezeichnet. Der mit 100.000 Euro dotierte Preis wird von der Max Uwe Redler Stiftung in Hamburg verliehen. Er ist die höchstdotierte Auszeichnung im deutschsprachigen Raum, die von einer privaten Stiftung in den Geisteswissenschaften verliehen wird. Die Stiftung zur Vergabe des Ethikpreises wurde vom 2006 verstorbenen Hamburger Bank- und Außenhandelskaum Max Uwe Redler durch testamentarische Verfügung errichtet.

„Insbesondere mit seinen Beiträgen zu einer zeitgemäßen biomedizinischen Ethik stellt Michael Quante eindrucksvoll unter Beweis, dass die Philosophie auch heute im offenen Dialog mit anderen Wissenschaften wichtige Orientierungshilfen geben kann, zum Beispiel bei der Frage nach einem selbstbestimmten Sterben, der Organ- und Präimplantationsdiagnostik oder der Verbindlichkeit einer Patientenverfügung“, begründete der Vorsitzende der Stiftung die Entscheidung der Jury.

dradio.de: Sendung vom 29. Januar 2014