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Zollitsch: „Volk ohne Gott gleicht einer hohlen Fassade“

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Auf dem Neujahrsempfang der Erzdiözese Freiburg hat sich der scheidende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit drastischen Worten über nichtreligiöse Gesellschaften geäußert. In seiner Ansprache bezog Robert Zollitsch sich ausdrücklich auf den renommierten Philosophen und Erfolgsautor Alain de Botton.
Samstag, 18. Januar 2014
Foto: Presse.Nordelbien

Zollitsch: Wo es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt. Foto: Presse.Nordelbien

Schweden, Dänemark, Norwegen, Japan oder auch Brandenburg: wer von den über 250 Vertretern aus Kirche, Politik und Gesellschaft den Worten von Erzbischof Robert Zollitsch am vergangenen Dienstag seinen Glauben schenkte, müsste vor dem nächsten Besuch in diesen Ländern zunächst die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes prüfen. Denn in diesen Gesellschaften ist die Zahl der Gottgläubigen laut wissenschaftlichen Untersuchungen weltweit am geringsten – und den jüngsten Äußerungen Zollitschs zufolge stehen kultureller Niedergang und Barbarei dort auf der Türschwelle.

In seiner Ansprache beim Neujahrsempfang der Diözese am vergangenen Dienstag im Priesterseminar Freiburg rief der geistliche Führer der katholischen Gemeinde in Deutschland dazu auf, in diesem Jahr über die Grundlagen des Zusammenlebens nachzudenken. Dabei sagte er wörtlich: „Einem Volk ohne Gott fehlt die Mitte; ein Volk ohne Gott gleicht einer hohlen Fassade ohne wohnlichen Kern. Der Schritt ist nicht weit: Von einer geistig entkernten Gesellschaft zum gewissenlosen Menschen, der keine innere Verpflichtung mehr spürt; zum rastlosen Menschen, der um Stille und Besinnung nicht mehr weiß; zum apathischen Menschen, dem das geistliche Rückgrat gebrochen wurde; oder gar zum aggressiven Menschen, der (…) für Ideologien anfällig wird und seine innere Spannung und geistliche Not an anderen abreagiert.“

Auf große Begeisterung stieß die Ansprache Zollitschs nicht nur bei den Gästen, sondern auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk: „Eine wirklich bewegende Rede“, hieß es von SWR-Reporterin Kristin Haub in der „Landesschau“ anschließend in einem Fazit.

Fakten widersprechen jedoch der Angstmache vor einem auch in Baden-Württemberg wachsenden Teil der Gesellschaft. Hier bilden die Menschen, die nicht mehr an einen Gott oder die Kirche glauben, mittlerweile ein Viertel der Bevölkerung. Und sie sind es, auf die sich die Worte des vom Land besoldeten Amtsträgers der Kirche beziehen. Zollitschs Ausführungen richten sich aber nicht nur gegen die Menschen im Bundesland, sondern gegen alle Gesellschaften, in denen nur wenige an die Existenz eines Gottes glauben.

Ein Blick auf anerkannte Untersuchungen verdeutlicht jedenfalls, dass die religionsfreiesten Gesellschaften der Welt heute oft die friedlichsten und sichersten Staaten bilden. So zeigen die Ergebnisse des Global Peace Index seit Jahren: Länder, in denen religiöser Glaube für die Mehrheit der Menschen den Normalfall darstellt, rangieren ganz am Ende der Skala. Hier ist es um Achtung der Menschen- und Bürgerrechte und den Frieden allgemein am schlechtesten bestellt. Die deutlich christlich geprägten Vereinigten Staaten befinden sich im letzten Drittel und auf Augenhöhe mit diversen Islamischen Republiken. Aber auch das Heimatland von Papst Franziskus, in dem rund drei Viertel der Bevölkerung zur katholischen Kirche gehören, schafft es nicht mal unter die Top 50. Untersuchungen über die glücklichsten Gesellschaften der Welt werden ebenfalls von keinem Land angeführt, das als geistliche Hochburg des Katholizismus bekannt ist.

Ausdrücklich bezog sich der Erzbischof in der Ansprache auch auf Alain de Botton. Der schweizerisch-britische Philosoph und Autor plädierte in seinem im April letzten Jahres auf Deutsch erschienenen Ratgeber mit dem Titel „Religion für Atheisten“, sich einige kulturelle Elemente anzueignen, mit denen vor allem die katholische Kirche die Menschen seit Jahrtausenden in ihren Bann zieht.

„Atheisten stehen vor der Herausforderung, wie Ideen und Rituale von den religiösen Institutionen getrennt werden können“, gab Zollitsch eine Passage aus dem Ratgeber beim Neujahrsempfang wieder. Alain de Botton zeigt sich darin überzeugt, dass auf diese Weise ein großes Stück der Anziehungskraft von Religionen auf die Menschen überwunden werden kann, die ihre Führer immer wieder gegen die Menschen ohne den Glauben an einen Gott verwenden. Robert Zollitsch weiter: „Vieles von dem, was zum Schönsten an Weihnachten gehört, hat absolut nichts mit der Geschichte und der Geburt Jesu zu tun: Gemeinschaft, Feststimmung, Erneuerung. Es ist an der Zeit, unsere seelischen Bedürfnisse von den Färbungen zu befreien, in die sie von der Religion getaucht worden sind.“

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