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Asylgrund Gottlosigkeit

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Einem Afghanen ist vom Vereinigten Königreich der Flüchtlingsstatus zuerkannt worden, weil er Atheist ist. Erst während seines Aufenthalts in England hatte er seinen Glauben aufgegeben. Bei einer Rückkehr in sein Heimatland müsste der heute 23-Jährige fürchten, wegen des Abfalls vom Islam mit dem Tod bestraft zu werden.
Dienstag, 14. Januar 2014

Es ist ein Erfolg für die ausdauernde Arbeit der britischen Humanisten: Erstmals hat das Land einem Menschen Asyl gewährt, weil nichtreligiöse Menschen nicht nur in vielen Ländern der Welt mit teils massiver Diskriminierung oder Verfolgung konfrontiert werden, sondern mitunter sogar von tödlicher Gewalt bedroht sind – bloß weil sie nicht an einen Gott glauben.

Die zuständige Behörde des Innenministeriums akzeptierte bei einer Anhörung die Ablehnung des Glaubens an die Existenz eines Gottes als Asylgrund gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention, nachdem die Aufenthaltserlaubnis des als Teenager vor dem Krieg nach Europa geflüchteten Afghanen ausgelaufen war.

Denn während seiner Zeit in England hatte der als 16-Jähriger eingereiste junge Mann immer mehr von seinem anerzogenen Glauben verloren – bis er schließlich erkannte, dass der Gott des Islam nicht existiert. Bei der Rückkehr in sein Heimatland muss er nun damit rechnen, deshalb getötet zu werden: Afghanistan ist einer von insgesamt 13 offiziell islamischen Staaten, in denen das Nein zum Gottglauben dem Gesetz nach immer noch mit dem Tod bestraft wird. Nur einzelne Länder, darunter Australien und Deutschland, haben in der Vergangenheit den Abfall von der islamischen Religion als einen Asylgrund anerkannt.

Einen Grundstein für die Entscheidung der Behörde hatten zuvor die britischen Humanisten gelegt. Erst im vergangenen Oktober kündigte die Regierung nach einer entsprechenden Anfrage zu einem Bericht der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union über die weltweite Verfolgung von nichtreligiösen Menschen an, in diesem Bereich mehr für die Verwirklichung der Menschenrechte zu tun. Nun wurde die Ankündigung ein Stück weit eingelöst.

Unterstützung erhielt der 23-Jährige Afghane dabei auch von Jura-Studierenden der Kent Law Clinic, die unter Aufsicht von Mitarbeitern der gleichnamigen Fakultät an der Universität in Canterbury eine kostenfreie Unterstützung in rechtlichen Fragen bieten. Dabei bauten sie auf eine frühere Entscheidung des Obersten Gerichtshofes auf, welcher die Abschiebung zweier homosexueller Männer nach Kamerun und in den Iran abgelehnt und ein Verbergen ihrer sexuellen Identität im Herkunftsland als unzumutbar beurteilt hatte. Ihnen war ebenfalls Asyl gewährt worden. Die Studierenden wiesen dabei auch nach, dass der Islam jede Facette des Alltags in Afghanistan prägt und es unmöglich wäre, die Abwesenheit des Glaubens an einen Gott geheim zu halten.

Sheona York, eine an der Jura-Fakultät für die Beaufsichtigung der Rechtshilfe leistenden Studierenden zuständige Juristin, sagte nach der Bewilligung des Asyls: „Die Entscheidung repräsentiert die wichtige Erkenntnis, dass das Fehlen eines religiösen Glaubens an sich eine durchdachte und ernsthafte philosophische Haltung ist.“

Auch von der British Humanist Association (BHA) wurde der Fall begrüßt. BHA-Direktor Andrew Copson sagte gegenüber der BBC: „Das Recht auf Glaubensfreiheit ist für Humanisten, Atheisten und andere nichtreligiöse Menschen ebenso wichtig wie das Recht auf Glaubensfreiheit für religiöse Menschen – es wird jedoch zu oft von westlichen Regierungen vernachlässigt, welche ihren Fokus vor allem auf die Christen im Ausland richten.“