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Trauer kennt kein festes Schema

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Längst widerlegt, immer noch populär: Dass Trauer in bestimmten Phasen verläuft, ist ein Mythos. Dennoch ist diese Lehre allgegenwärtig. Trauernde laufen dadurch Gefahr, an ihrem eigenen Erleben zu zweifeln. Darauf hat am Donnerstag die Verbraucherinitiative für Bestattungskultur Aeternitas hingewiesen.
Donnerstag, 31. Oktober 2013

Internetseiten, Ratgeber und selbst Lehrbücher verbreiten, dass „die“ Trauer in bestimmten Phasen verläuft. Phasenmodelle gehen davon aus, dass für eine gewisse Zeit bestimmte Themen oder Aufgaben vorherrschend sind. Diese müssten durchlitten und erfolgreich bearbeitet werden, damit der Übergang in die nächste Phase möglich wird. „Die Praxis zeigt jedoch, dass sich Trauer nicht in ein festes Schema pressen lässt“, kritisiert die Diplom-Psychologin Hildegard Willmann vom Beirat des Trauerportals „Gute Trauer“, das von der Verbraucherinitiative Aeternitas vor knapp fünf Jahren ins Leben gerufen wurde.

Die Lehre von den Trauerphasen kann Trauernden sogar schaden, weil sie zu rigiden Normen über „richtiges“ Trauern führt. Wer nicht der Norm entspricht – und das sind vermutlich fast alle Trauernden –, zweifelt möglicherweise, ob sein Erleben normal ist. Auch das soziale Umfeld kann irritiert reagieren, wenn Hinterbliebene sich nicht entsprechend der erwarteten Phasen verhalten. Dann heißt es schnell, jemand habe eine Phase übersprungen, habe einen Rückfall oder sei in einer Trauerphase stecken geblieben. „Besonders Menschen, die gut mit einem Verlust umgehen können – und das sind ungefähr 50 Prozent –, werden durch Phasenmodelle pathologisiert“, erklärt Willmann. Trauerphasen sind dennoch populär – vielleicht weil Menschen überschaubare, lineare Modelle bevorzugen.

Bis auf eine Studie aus dem Jahr 2007 an der amerikanischen Yale-Universität wurden Trauerphasen nie empirisch überprüft. Die These, dass nacheinander die bekannten Phasen „Nicht-glauben-können“, „Sehnsucht“, „Ärger“, „Depression“ und „Akzeptanz“ auftreten, konnte nicht belegt werden. Am meisten überraschte die Forscher das Ergebnis, dass Akzeptanz von allen Werten am stärksten ausgeprägt war – und zwar von Anfang an. Dies steht in krassem Widerspruch zur Phasentheorie, nach der Akzeptanz erst am Ende eines mühsamen Anpassungsprozesses für möglich gehalten wird. Andere Forscher fanden in einer Langzeitstudie eine Reihe verschiedener typischer Verlaufsformen. Sie sprechen von „Diversität“ und meinen damit, dass „normale“ Trauer eine große Vielfalt möglicher Verläufe, Themen, Widersprüche, Pendelbewegungen, Intensitäten und Zeitspannen umfassen kann.

Foto: PR

Bestattungshain der Humanisten in Berlin: Eine beliebte Alternative zu kirchlichen Friedhöfen – aber nicht die einzige.

Wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid unter 1.005 Bürgerinnen und Bürgern über 14 Jahren Ende März im Auftrag von Aeternitas herausfand, sind Trauer und Gedenken auch meist nicht an Orte gebunden. 59 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu: „Für die Trauer um Verstorbene und um ihrer zu gedenken, brauche ich keinen bestimmten Ort.“ 21 Prozent geben an, einen festen Ort zu brauchen, egal wo. Nur 20 Prozent brauchen für Trauer und Gedenken ein Grab auf einem Friedhof. Die Diplom-Psychologin und Bestatterin Hildegard Willmann, Beiratsmitglied des Internetportals „Gute Trauer“, bestätigt das Umfrageergebnis: „Es gibt aus trauerpsychologischer Sicht keine wissenschaftliche Grundlage für die zwingende Notwendigkeit eines Grabes als Trauerort.“

Christoph Keldenich, Vorsitzender der Verbraucherinitiative, forderte angesichts der vorliegenden Ergebnisse eine offene Diskussion um die Bedürfnisse Trauernder: „Wir können nicht alle über einen Kamm scheren, sondern müssen jedem Menschen die für ihn passende Form des Trauerns und Gedenkens ermöglichen.“ Gleichzeitig weist er darauf hin, dass bestehende Traditionen vielen Menschen Halt gäben und dass der Friedhof zu Recht weiterhin zentraler Ort der Trauer und des Totengedenkens bleibe. Dies wird von den weiteren Umfrageergebnissen untermauert. 

Eine klare Mehrheit der Deutschen spricht sich laut den Ergebnisse der Umfrage für Grabmale aus, einem traditionellen Element unserer Trauer- und Gedenkkultur. 27 Prozent der Befragten geben an, ein Grabmal für das Gedenken an Verstorbene für sehr wichtig zu halten, 36 Prozent für wichtig (zusammen 63 Prozent). 21 Prozent halten es für eher unwichtig und 15 Prozent für überflüssig (zusammen 36 Prozent). Und trotz des anscheinend gering ausgeprägten Bedürfnisses nach einem Grab auf dem Friedhof gehen über zwei Drittel der Bundesbürger (70 Prozent) mindestens einmal im Jahr zu einem Grabbesuch auf den Friedhof. 15 Prozent der Deutschen besuchen sogar wöchentlich ein Grab, 16 Prozent monatlich, 24 Prozent mehrmals im Jahr, 15 Prozent etwa einmal im Jahr, nur 16 Prozent seltener und 13 Prozent nie. 

Die Ergebnisse zeigten Widersprüche in den Wünschen der Menschen auf, hieß es. Sie stellen auf der einen Seite das Grab auf dem Friedhof und damit die traditionelle Trauer- und Gedenkkultur in Frage. Gleichzeitig zeigen sich auf der anderen Seite Chancen auf, Bestehendes weiterzuentwickeln. Keldenich sieht hier das Potential für die Zukunft. Keldenich: „Die Menschen schätzen Grabmale und sie gehen auf die Friedhöfe – nehmen wir ihre Wünsche ernst und machen wir ihnen gute Angebote“.

www.gute-trauer.de