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Forscher: „Mitgliederschwund der Kirchen unaufhaltsam“

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Der Religionssoziologe Detlef Pollack hält Reformbemühungen von Papst und Kirchen für wenig wirksam. Den Kirchen in Deutschland rät er zu einer „soliden geistlichen Arbeit“, vor allem im Bereich Familie.
Donnerstag, 31. Oktober 2013
Foto: Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Detlef Pollack: „Die Kirchen beweisen großen Realitätssinn, wenn sie für die Zukunft vorsorgen.“ Foto: Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die christlichen Kirchen in Deutschland müssen selbst bei intensiven Reformbemühungen weiter mit sinkenden Mitgliederzahlen rechnen. Das prognostiziert Religionssoziologe Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Der Mitgliederschwund ist nahezu unaufhaltsam. Auch Reformsignale von Papst Franziskus und Neuerungen in den evangelischen Landeskirchen halten den Trend nicht auf.“

Schwerer als der Einfluss aller kirchlichen Bemühungen wiege die Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext der Kirchen. „Das Wohlstands- und Bildungsniveau ist so hoch und die soziale Absicherung so gut, dass immer weniger Menschen die seelsorglichen und sozialen Angebote der Kirchen nachfragen.“ Über die Zukunft der Kirchen in Deutschland diskutieren führende Vertreter der Kirchensoziologie in der kommenden Woche, am 8. November, auf einem Symposium in Münster. Anlass ist der 70. Geburtstag des katholischen Sozialethikers Karl Gabriel.

Die Zahl der Kirchenmitglieder und Kirchgänger in Deutschland geht seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück, wie Pollack erläutert. Während es 1949 in Deutschland Ost und West fast nur Protestanten und Katholiken gab, sind heute etwa je ein Drittel der Bevölkerung Katholiken, Protestanten und Religionslose. Zehn Prozent gehören etwa Islam, Judentum und Orthodoxie an. Seit 1990 treten aus der evangelischen Kirche jährlich etwa 0,7 Prozent der Mitglieder aus, aus der katholischen Kirche im Schnitt 0,5 Prozent. Nur für das Jahr des Missbrauchsskandals 2010 sei ein Ausschlag von 0,73 Prozent festzustellen; andere kirchliche Ereignisse wie der Papstwechsel zeigten kaum Einfluss. „Diese Austrittszahlen summieren sich über die Jahre auf Millionen Menschen.“

„Die Kirchen gehen längst auf die Menschen ein“

Ein entscheidendes Motiv für die Kirchenaustritte sind finanzielle Erwägungen, wie der Forscher sagt. „Man fühlt sich oft seit Jahren nicht mehr eng mit der Kirche verbunden und entscheidet sich dann in einer Situation des finanziellen Engpasses für den Austritt, um die Kirchensteuer einzusparen.“ Außerdem sei es durch die Wiedervereinigung 1990 und durch den hohen Anteil an Konfessionslosen im Osten kein Minderheitenphänomen mehr, keiner Kirche anzugehören. Das habe viele Menschen auch im Westen zum Nachdenken gebracht, wo die Kirchenaustritte seitdem stark anstiegen.

„Solche gesellschaftlichen Prozesse, wie auch der Zuwachs an Wohlstand und individueller Freiheit, wiegen als Gründe für den Mitgliederschwund wesentlich schwerer als alle Versuche der Kirchen, mehr auf die Menschen einzugehen“, unterstreicht Pollack. „Tatsächlich zeigen sich die Kirchen – von den Gemeinden bis zu den Bischöfen – längst viel offener für die moderne Gesellschaft als früher, sie gehen auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen ein, auf ihr Bestreben nach Autonomie, Transparenz und Mitbestimmung. Der neue Papst vollzieht da etwas nach, was auf Gemeindeebene häufig schon geschieht.“

Engagierte Kirchenmitglieder wird das nach den Worten von Detlef Pollack auch stärker an die Kirchen binden. „Doch zugleich lassen sich weitere Austritte damit nicht verhindern. Die Kirchen beweisen also großen Realitätssinn, wenn sie für die Zukunft vorsorgen und ihre Gemeinden zusammenlegen, Gebäude aufgeben und Einsparungen vornehmen.“

Ein Ende der Kirchen ist so bald nicht in Sicht

Gegenüber der Tageszeitung taz sagte Pollack im vergangenen August, dass die Kirchen bei Beerdigung und Taufe weiterhin „eine hohe Bedeutung“ für die Menschen besitzen. Auch wenn eine Mehrheit sich heute nicht mehr kirchlich trauen lasse, seien die Kirchen wichtig bei Lebenswenden sowie der Begleitung von Kranken und Alten. „Viele wollen nicht, dass sie einfach verschwinden. Es soll sie geben, damit man auf sie notfalls zurückgreifen kann, auch wenn man sie aktuell vielleicht nicht benötigt. Auch fällt es den Menschen schwer, aus der christlichen Tradition, in der ihre Familien stehen, einfach auszusteigen. Ein Ende der Kirche ist so bald nicht in Sicht“, so Pollack damals im taz-Interview. Und auch wenn das Interesse an anderen Religionsformen eine steigende Tendenz aufweise, praktiziere nur ein geringer Bruchteil der Menschen nichtchristliche oder spirituelle Alternativen.

Anlässlich der Vorstellung der Befunde des von der Bertelsmann Stiftung erstellten Religionsmonitors 2013 empfahl Detlef Pollack im Gespräch mit evangelisch.de den Kirchen Ende Mai, in Zukunft auf „eine solide geistliche Arbeit“ zu setzen: „Die Kirche ist stark im Bereich Familie. Und auf diesen Bereich wird es enorm ankommen, denn die religiöse Sozialisation geschieht hauptsächlich in den Familien. Hier sollte die Kirche verstärkt ansetzen. Das bedeutet: kirchliche Schulen und Kindergärten ausbauen, die Taufbereitschaft junger Eltern fördern, Familiengottesdienste stärken! Der Weihnachtsgottesdienst ist auch deshalb so gut besucht, weil Weihnachten für viele vor allem ein Familienfest ist. Angebote, die Familien anziehen, sollten ein Schwerpunkt kirchlicher Arbeit sein.“