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Katholischer Medienpreis: Prämie geht an Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung

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Die Journalistin Lara Fritzsche wurde am Montagabend in Bonn für ihre Reportage über eine Überlebende des Breivik-Massakers im norwegischen Utøya ausgezeichnet. Die mit dem Medienpreis der Deutschen Bischofskonferenz verbundene Prämie spendet sie nun einer Initiative, die sich für die Selbstbestimmungsrechte von Frauen und Homosexuellen einsetzt.
Dienstag, 29. Oktober 2013
Foto: Stefanie Füssenich

Lara Fritzsche: „Als Frau ärgere ich mich einfach zu oft über die Kirche“. Foto: Stefanie Füssenich

Am 12. Juli 2012, knapp ein Jahr nach dem Amoklauf der Norwegers Anders Breivik, hatte Lara Fritzsche im ZEITmagazin den Artikel „Das Leben nach dem Tod in Utøya“, veröffentlicht. Dafür erhielt die Journalistin und Buchautorin („Das Leben ist kein Ponyhof“) gestern bei einem Festakt in Bonn den Katholischen Medienpreis. Mit ihm werden seit 2003 jährlich in den Kategorien „Print“ und „Elektronische Medien“ von der Deutschen Bischofskonferenz, der Gesellschaft katholischer Publizisten und dem Katholischen Medienverband herausragende journalistische Leistungen ausgezeichnet.

Die Jury begründete ihre Entscheidung Ende Juli unter anderem damit, dass Fritzsche mit ihrem Beitrag einen nicht oberflächlichen, sondern existenziellen und „tiefen Einblick in die Kommunikation der Facebook-Generation“ geliefert habe, „ohne dabei Problematisches zu verschweigen.“ Laudator Jörg Quoos, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus, habe die Darstellung der Trauer und des Andenkens der 18-jährigen Sofie, deren beste Freundin Lejla zu den 67 von Breivik auf Utøya getöteten Menschen zählte, „tief berührt“.

Weniger gefallen haben wird den Stiftern des Katholischen Medienpreises jedoch, mit welcher Botschaft die für ihr journalistisches Talent bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin die Übergabe des Preises vor rund 250 Gästen aus Kirche, Politik und Medien verbunden hat. Denn die 29-Jährige erklärte, die zum Medienpreis gehörende Prämie in Höhe von 5.000 Euro dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung zu spenden, um so ein Zeichen gegen den christlichen Fundamentalismus zu setzen.

Das im August 2013 gegründete Bündnis ist als Reaktion auf wachsende Teilnehmerzahlen bei dem sogenannten „Marsch für das Leben“ in Berlin und die zunehmende politische Einflussnahme reaktionärer Gruppen auch auf internationaler Ebene entstanden. Dem Bündnis gehören unter anderem der Lesben- und Schwulenverband, der Humanistische Verband Deutschlands und der Verbund von Beratungsstellen pro familia an.

Mit einem Marsch durch das Zentrum von Berlin fordern fundamentalistisch orientierte christliche Vereine seit mehreren Jahren gesetzliche Maßnahmen gegen das Selbstbestimmungsrecht von Schwangeren sowie todkranken und leidenden Menschen. Ausdrückliche Unterstützung erhalten die Marsch-Teilnehmer dabei von zahlreichen katholischen Bischöfen, Politikern und sogar Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland. Auch in zahlreichen anderen europäischen Städten gibt es die Märsche.

Foto: A. Platzek

Abschlusskundgebung des Berliner Kreuze-Marsches im September 2013: Kirchenvertreter und Teilnehmer fordern dabei ein europaweites totales Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen.

„Ich ärgere mich als Frau einfach zu oft über die katholische Kirche, als es an so einem Abend nicht anzusprechen“, sagte Lara Fritzsche zu ihrer überraschenden Entscheidung. Dem Publikum erklärte sie, über die Abweisung mutmaßlicher Vergewaltigungsopfer durch katholische Kliniken in Köln zu Beginn des Jahres „sehr wütend“ gewesen zu sein.

„Ich fand es zwar beeindruckend, dass die Bischofskonferenz auf die Vorfälle reagiert und zumindest für vergewaltigte Frauen die Verhütungspille ‚Pille danach‘ in katholischen Kliniken zugänglich gemacht hat. Aber dennoch: Das ist nur für Katholiken ein großer Schritt, mir ist dieser Schritt aber noch viel zu klein.“

Frauen sollten selbst über ihren Körper entscheiden können, stellte Fritzsche schließlich klar, „und zwar mit allen Konsequenzen. Deswegen möchte ich das Preisgeld dem Bündnis spenden, das sich genau dafür einsetzt, nämlich der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen.“

Der neue Gegenwind für Organisationen, die auf gesetzliche Einschränkungen in diesem Bereich hinarbeiten, nimmt somit offenbar zu. Beim diesjährigen „Kreuze-Marsch“ blieben den Teilnehmern die Türen zum Berliner Dom verschlossen.

Foto: T. Hummitzsch

Erst radikalisiert, dann abgesondert: Katholik Martin Lohmann (l.) war im September aus Protest gegen eine zu wenig „christliche Politik“ aus der CDU ausgetreten. Foto: T. Hummitzsch

Wiederholte Anträge, einen Abschlussgottesdienst im Dom zu veranstalten, waren vom Domkirchenkollegium mit Verweis auf den fehlenden inhaltliche Konsens sowie fundamentalistische und homophobe Äußerungen der Protagonisten des Marsches abgewiesen worden. In einer Kolumne stellte zuletzt Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Ende September klar, dass sein Grußwort an die Marschteilnehmer nicht als Unterstützung der Ziele zu verstehen sei.

Lara Fritzsche, die seit einem Jahr als Redakteurin des Magazins der Süddeutschen Zeitung tätig ist, stand mit ihrer mutigen Stellungnahme gegen den Einfluss von religiösem Fundamentalismus bei Fragen der sexuellen Selbstbestimmung am Montagabend im Rheinischen Landesmuseum jedenfalls nicht allein da. Es hieß, die Reaktionen des Publikums seien – mit Ausnahme von denen der Bischöfe – schließlich „sehr positiv“ ausgefallen.