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Münster: Centrum für Religion und Moderne legt erste Veröffentlichung vor

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„Nach dem Niedergang der Säkularisierungstheorie“ – Eine knapp 60-seitige Broschüre dokumentiert den Vortrag des Religionssoziologen Peter L. Berger zur Eröffnung des Forschungsverbundes im Mai des vergangenen Jahres und diskutiert die Haltbarkeit der Säkularisierungstheorie.
Freitag, 26. Juli 2013

Wird die Religion in der Moderne verschwinden, wie es Vertreter der Säkularisierungstheorie seit rund 100 Jahren behaupten, oder verändert sich eher ihre Form? Kann der katholischen Kirche die geplante „Zeit zur Aussaat“ auch in Europa gelingen oder verdampft der religiöse Glaube hier unaufhaltsam?

„Nicht Religion im Allgemeinen stirbt ab, im Gegenteil. Stattdessen sind es die christlichen Religionsgemeinschaften in Deutschland und anderen Gesellschaften Westeuropas, die eine tiefgreifende Entkirchlichung und damit gemessen an ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit früherer Jahrzehnte einen massiven Bedeutungsverlust erleiden“,  brachte der Historiker Thomas Großbölting in seinem Anfang des Jahres erschienenen Buch Der verlorene Himmel: Glaube in Deutschland seit 1945 seit einigen Jahren wieder verstärkt diskutierte Befunde auf den Punkt.

Relevant werden diese Diskussionen hierzulande nicht nur in den politischen Streits darüber, wie auf die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsene Zahl an Mitgliedern nicht-christlicher Religionsgemeinschaften und konfessionsfreier Menschen in Deutschland reagiert werden soll.

Zugleich weisen Wissenschaftler wie Michael Blume und Eric Kaufmann darauf hin, welche bedeutenden Zusammenhänge zwischen Säkularisierung und menschlicher Lebenspraxis zu bestehen scheinen: „Demografischer Wandel erreicht Tierbranche: Immer mehr Singles wollen immer mehr Katzen“ – Sogar in solchen oberflächlich betrachtet zunächst skurril anmutenden Schlagzeilen aus dem Alltag spiegeln sich diese Themen wider, aber auch in Forderungen nach einem umfassenden Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen oder der Diskussion von Effekten ökonomischer Krisen auf funktional ausdifferenzierte Gesellschaften.

Cover

Gerade wo unter Berufung auf Prozesse der Säkularisierung politische Veränderungen gefordert werden, kann eine Betrachtung der Frage, inwieweit die Säkularisierungstheorie oder ihre Modifikationen sich auf Fakten stützen können, nicht einfach außen vor bleiben.

Mit der ersten eigenständigen Veröffentlichung hat das Centrum für Religion und Moderne an der Universität Münster jetzt eine verdichtete Diskussion der Frage vorgelegt.

Im Mittelpunkt steht der Vortrag des US-amerikanischen Religionssoziologen Peter L. Berger anlässlich der Eröffnung des Centrums im Mai vergangenen Jahres. Berger plädiert dabei für einen Paradigmenwechsel: Anstelle einer fortschreitenden Säkularisierung müsse ein „vertiefender Pluralisierungsprozess“ auch in den Gesellschaften festgestellt werden, wo die Säkularisierung als das „unaufhaltsame Zukunftsmodell“ prognostiziert wurde.

Eine Ursache dafür fasst er in dieser These zusammen: „Es existiert in der Tat ein säkularer Diskurs, der Ergebnis der Moderne ist, aber er kann mit religiösen Diskursen, die überhaupt nicht säkular sind, koexistieren.“

Seine Wurzeln habe der säkulare Diskurs dabei zwar „in Wissenschaft und Technik, die den treibenden Motor der Moderne“ darstellen und sein Erfolg durch seine Verbreitung durch Bildung, die Medien und das Recht habe ihm den „Status einer Selbstverständlichkeit verliehen“, er habe jedoch „die Religion keineswegs verdrängt oder ihre Glaubwürdigkeit für eine sehr große Anzahl von Menschen in den meisten Teilen der Welt auch nur vermindert.“ Dieser säkulare Standarddiskurs koexistiere „mit einer Pluralität von religiösen Diskursen, und zwar sowohl in der Gesellschaft als auch im Bewusstsein“ der Menschen.

Mit Blick auf die kulturellen und religiös geprägten Auseinandersetzungen in fast allen Regionen der Welt meint er schließlich: „Die friedliche Koexistenz eines öffentlichen säkularen Diskurses mit einer Pluralität an frei gewählten religiösen Diskursen legt nahe“, wie eine erforderliche Friedensformel aussehen könnte.

Bergers Plädoyer kommentieren der Religionssoziologe Detlef Pollack, Herausgeber der Broschüre, sowie Thomas Großbölting, der Jurist Thomas Gutmann, die Theologin und Sozialwissenschaftlerin Marianne Heimbach-Steins, die Religionswissenschaftlerin Astrid Reuter und der Politikwissenschaftler Ulrich Willems. Den Abschluss bildet eine Replik von Peter L. Berger auf die Anmerkungen und Einwände.

Buchempfehlung:

Image of Der verlorene Himmel: Glaube in Deutschland seit 1945

Thomas Großbölting: Der verlorene Himmel: Glaube in Deutschland seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht 2013, Gebundene Ausgabe, 320 Seiten