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Humanistische Jugendfeier 2013 in Stuttgart

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Die Jugendfeier – eines der wichtigsten Feste humanistischer Feierkultur: Im mit knapp 300 Gästen voll besetzten Saal des Häussler Bürgerforums in Stuttgart-Vaihingen feierten gestern wieder Jugendliche gemeinsam mit Familie und Freunden ihren Übergang von Kindheit zur Jugend. Für musikalische Begleitung sorgte die Projektgruppe des Musikfachseminars Stuttgart.
Montag, 17. Juni 2013
Foto: J. Volle

Ohne Glockengeläut und Glaubensbekenntnis – Jugendliche in Stuttgart feierten ihren Abschied von der Kindheit. Foto: J. Volle

Gleich zu Beginn der Feier konnten die Jugendlichen mit einem kurzen Dialog, den sie mit der Theater-Pädagogin Susken Jurda erarbeitet hatten, ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen. Gleichzeitig gewährten sie einen ersten Einblick in die Themen, die sie während ihrer sechsmonatigen Vorbereitungszeit bewegt hatten: die Erwartungen der Eltern und der Druck in der Schule auf der einen, ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen und ihre Fantasie auf der anderen Seite. Ein großes Stück Selbstbestimmung und Freiheit konnten sie bei der humanistischen Jugendfeier ausprobieren: „Es ist ja unsere Feier und nicht die unserer Eltern!“ war dann auch die selbstbewusste Ansage der Jugendlichen am Ende des Dialogs.

Anschließend beschrieb der Geschäftsführer der Humanisten Baden-Württemberg, Andreas Henschel, in seiner Begrüßung die Bedeutung der Jugend aus humanistischer Perspektive. Bei der Vorbereitung zur Jugendfeier werden die Jugendlichen ein Stück weit über die Schwelle von Kindheit zur Jugend begleitet. So kommt die humanistische Jugendfeier ohne Glockengeläut und Glaubensbekenntnis aus und ist dafür eine Feier der Jugendlichen auf ethischer Grundlage, bei der sie ihre persönlichen Ansichten ihren Eltern und Freunden vorstellen können.

Foto: J. Volle

Foto: J. Volle

Dass Freiheit, Selbstbestimmung und die Gemeinschaft mit anderen in ihrem Alter den Jugendlichen in diesem Jahr besonders wichtig waren, zeigte sich auch daran, dass sie sich selbst gegenseitig den Gästen vorstellten – und nicht von den Pädagogen, wie in den letzten Jahren üblich, vorgestellt wurden: Nikola Stolz aus Tübingen, der gern Hockey spielt und Breakdance tanzt, gab den Jugendlichen und insbesondere den Eltern später noch Lösungsvorschläge für ein gutes Miteinander auf den Weg; der sportliche Tufan Ulusoy, der gerne Basketball und Hockey spielt, auch Breakdance tanzt und ebenso aus Tübingen kommt; Claudia Scharff aus Marbach am Neckar, ein selbstbewusstes und nachdenkliches Mädchen, die später über den Lebensalltag von Jugendlichen sprach; Maja Haas, auch aus Tübingen, die gerne tanzt und Englisch spricht und viel lächelt; der aktive Falk Krohmer, aus Stuttgart-Vaihingen der sich für Kung Fu, Klavier und Zirkus begeistert; Mateo Kaiser, aus Tübingen, der gerne Sport macht und dem seine Band besonders viel bedeutet; Lasse Nold aus Tübingen, der später darüber sinnierte, „wie frei wir Jugendlichen eigentlich sind“ und sich prompt bei seinen Eltern dafür bedankte, dass sie ihm so viel Freiheit lassen; Franka Schrottenholzer, die Vegetarierin ist und während der Feier mit einer Klaviereinlage das Thema Freiheit den Gästen musikalisch vermittelte. Gemeinsam führten Lasse, Maja, Mateo und Tufan einen Dialog über das Erwachsenwerden vor, den sie, wie auch den Anfangsdialog, mit der Theater-Pädagogin Susken Jurda erarbeitet hatten. Unter dem Titel „So fern und doch so nah“ zeigten sie, dass die Wünsche von Eltern und Jugendlichen eigentlich gar nicht so weit auseinander stehen, doch dies gegenseitig zu vermitteln, fällt beiden Seiten oft schwer. Außerdem zeigten Franka, Lasse, Maja und Mateo noch mit einem Bandstück ihr musikalisches Können.

Foto: privat

Am JuHu-Turm in der Stadtmauer: Eine Fahrt nach Nürnberg gehörte zum Vorbereitungsprogramm der diesjährigen Jugendfeier.

Sichtlich bewegt sprachen Ingo Grießbach und Petra Häneke, die beiden Pädagogen, die die Jugendlichen anleiteten, über die Gruppe der Jugendlichen und die Vorbereitungszeit mit ihnen. Dabei erklärten sie, dass sie sich beide eher als unterstützende Begleiter der Jugendlichen auf dem Weg ihrer Identitätsfindung sehen. Gemeinsam mit den Jungen Humanisten (JuHus) Stuttgart hatten sie ein erlebnispädagogisches Wochenende auf der Schwäbischen Alb verbracht und die JuHus in Nürnberg besucht. Beide gaben mit ihrer Rede spannende Einblicke in die Praxis humanistischer Pädagogik.

Foto: J. Volle

Prof. Thomas Mohrs: „Nicht von etablierten Machtstrukturen einschüchtern lassen“ Foto: J. Volle

Theoretisch unterfüttert wurde das Ganze dann mit der unterhaltsamen Festrede von Dr. Thomas Mohrs (Pädagogische Hochschule Oberösterreich). Insbesondere den Eltern rief er in Erinnerung, dass es während der Pubertät zu Umstrukturierungen im Gehirn komme, der präfrontale Kortex, zuständig für Ratio, reife dabei gar zuletzt, Geschlechtshormone werden im großen Maße ausgeschüttet, was zusätzlich für Verwirrung sorgt. Daher habe er für sich entschieden, die Freiheit seiner Kinder anzuerkennen, sie aber dennoch nicht so wie Erwachsene zu behandeln. Den acht Jugendlichen der diesjährigen Jugendfeier sagte er, sie sollen ihre Träume weiter träumen und sich nicht von etablierten Machtstrukturen einschüchtern lassen. In Anbetracht des Zustands der Welt der Erwachsenen mit Kriegen, Ausbeutung, Raubbau an der Natur, wünsche er sich von den Jugendlichen, rebellisch zu sein, kreativ und eigene Wege zu gehen – für eine bessere, humanere Welt.

Mit herzlichen Glückwünschen und Geschenken von den Humanisten Baden-Württemberg und Andreas Henschel, Petra Häneke und Ingo Grießbach wurden die Jugendlichen der diesjährigen Jugendfeier in Stuttgart noch einmal mit tosendem Applaus bestärkt und gefeiert.