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Unverständnis und Befremden

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Steht der Humanistische Verband vor einer „neuen Wende“? Dies mutmaßt ein früherer Präsident des Bundesverbandes in einem vor kurzem veröffentlichten Kommentar. Nachfragen bei langjährigen Präsidiumsvertretern fallen allerdings eindeutig aus.
Dienstag, 12. Januar 2016

Der vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) im Jahr 2010 begonnene Aufbau von medialer Autonomie sei gescheitert. Dies behauptet der vor sechs Jahren von seinem Amt als HVD-Präsident zurückgetretene Kulturwissenschaftler Horst Groschopp in einem Kommentar, der am vergangenen Freitag auf dem Internetportal hpd.de erschienen ist. Zur Begründung verwies Groschopp darauf, dass der Landesverband Berlin-Brandenburg vor einigen Wochen Mitglied im Trägerverein des Internetportals geworden ist. Darin liege ein „Eingeständnis und eine Perspektive, deren Folgen im HVD selbst noch zu verarbeiten sind“, meint Groschopp. Massive Kritik übt er dabei unter anderem an dem seit 1987 vom Humanistischen Verband herausgegebenen Magazin diesseits. Dort sei „besonders in den letzten zwei/drei Jahren kein intellektuelles Stück aufgeführt [worden], das den Verband hin- und hergerissen, jemanden zur Katharsis oder zur Weißglut geführt oder wenigstens dem Verband geholfen hätte, seine Probleme zu erkennen, Mitglieder mitzunehmen, sie als solche zu behandeln“, so der Autor.

Fundamentalkritik formulierte Groschopp aber auch an dem neuentwickelten Humanistischen Selbstverständnis. Dieses enthält eine grundlegende Zusammenfassung zur Identität sowie zu den Positionen und Zielen des Verbandes und soll in Zukunft das noch aus dem Jahr 2001 stammende Selbstverständnis ersetzen. In dem neuen Selbstverständnis-Text sieht Groschopp nun den „(untauglichen) Versuch [des Verbandes], seinen Humanismus aus der zunehmenden Zahl der Konfessionsfreien abzuleiten und auf einen ‚praktischen Humanismus‘ zu beziehen, den der HVD, auch wenn er hier Wichtiges leistet, nie alleine abbilden kann.“

Bei zahlreichen Beobachtern sind die Äußerungen des Ex-Verbandspräsidenten auf Unverständnis und teilweise starkes Befremden gestoßen. „So recht schlau bin ich aus diesem Beitrag nicht geworden. In welche problematische Richtung bewegt sich denn nun der HVD, dessen Mitglied ich seit vielen Jahren bin?“, schrieb der Bildungsinformatiker, ehemalige Lehrstuhlinhaber an der TU Berlin und Autor des Buches „Warum ich kein Christ sein will“, Uwe Lehnert, in einer Antwort.

Der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Frieder Otto Wolf, bezeichnete die Äußerungen seines Vorgängers im Ehrenamt als „richtiggehend tragisch“ und erklärte, er sehe „keinerlei sachliche Grundlage“ für dessen „Fantasien“. Groschopp habe sich zwar „große Verdienste um den organisierten Humanismus in Deutschland erworben“, doch jetzt „scheint er schlicht den Kontakt zur wirklichen Entwicklung verloren zu haben“, so Wolf weiter. Er äußerte die Vermutung, dass die Ursachen für die Äußerungen „in subjektiver Frustration und in Vorurteilen“ zu finden seien.

Befremdet über die Äußerungen des Ex-Verbandspräsidenten äußerte sich am Wochenende auch Ulrike von Chossy, Gründerin der Humanistischen Grundschule im fränkischen Fürth und seit 2011 Mitglied im Präsidium des Bundesverbandes. „Dass der Humanistische Verband in seiner Öffentlichkeitsarbeit vor einer Wende stehen könnte, ist mir neu“, sagte sie in einer ersten Reaktion auf den Kommentar. „Der Landesverband in Berlin ist dem hpd beigetreten, aber im Bundesverband gab es dafür keine Mehrheit“, stellte von Chossy fest. Zur Kritik von Groschopp sagte sie: „Dass wir Diskussionen darüber führen, wie unsere Arbeit weltanschaulich begründet und ausgeformt sein sollte, ist ganz selbstverständlich. Aber dabei spielen die von Groschopp angeführten Punkte derzeit gar keine Rolle. Sondern es geht vor allem um die Frage, welche Bedeutung naturwissenschaftliche Wahrheitsansprüche und sozialpsychologischer Konstruktivismus für unseren Humanismus haben. Auch in dieser Hinsicht ist das neue Selbstverständnis ein großer Fortschritt“, so Ulrike von Chossy.