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Missbrauch: Opferorganisationen kritisieren Aufarbeitung der katholischen Kirche

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Die Forschungsprojekte der katholischen Kirche zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen im kirchlichen Bereich geraten zunehmend in die Kritik. Das Missbrauch fördernde hierarchische System der katholischen Kirche wird von dem Projekt nicht infrage gestellt.
Montag, 12. September 2011
Missbrauch hat System - Patriarchat abschaffen

"Missbrauch hat System. Patriarchat abschaffen", fordert ein Schriftzug am Haus der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin | Foto: Thomas Hummitzsch

Anfang Juli hatte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) bekanntgegeben, dass sie plant, mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) zwei Forschungsprojekte durchzuführen, „um die Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs zu vervollständigen und vor allem die Prävention weiter verbessern zu können." Diesbezüglich sollten die Personalakten von Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz extern überprüft werden. Nachdem das Netzwerk katholischer Priester aber kritisierte, dass die „pauschale Herausgabe" aller Personalakten gegen die kirchliche Datenschutzordnung verstoßen und eine flächendeckende Überprüfung Priester unter „öffentlichen Generalverdacht" stelle, machte die DBK Anfang August die datenschutzrechtliche Vereinbarung mit dem KFN öffentlich.

Demnach soll die Sichtung aller Personalakten „durch ein örtliches bistumsinternes Archivrechercheteam" erfolgen, das den jeweiligen Verwaltungsleitern der Diözesen bzw. Bistümern unterstellt ist und dem jeweils nur ein externer Jurist angehört. Dieser wird vom KFN „in Abstimmung mit dem jeweiligen (Erz-)Bistum" beauftragt. Weiter heißt es in der Erklärung der Bischofskonferenz:

Dem KFN wird bei der Erhebung der Daten aus daten- und personenschutzrechtlichen Gründen keinerlei direkter Einblick in Personalakten gewährt. Ausschließlich in den Fällen, in denen sich Angaben im Sinne des Forschungsziels finden, erfolgt vor Ort eine Auswertung der Akte mittels eines Erhebungsbogens durch die externen Juristen. Es werden keine Akten nach außen weitergegeben.
Die Aktenanalysebögen werden anonymisiert und codiert an das KFN weitergeleitet [...].

Ferner ist es den externen Juristen unter Strafandrohung untersagt, Informationen aus den Akten an Dritte weiterzuleiten.

Das Netzwerk katholischer Priester hält seine Kritik dennoch aufrecht, denn die ohne Befragung und Zustimmung des Einzelnen an Dritte beschlossene Auslieferung von Persönlichkeitsdaten stelle „eine grobe Verletzung der den Bischöfen und Oberen obliegenden Fürsorgepflicht für die ihnen Untergebenen" dar.

Die vergebliche kircheninterne Beschwichtigung hat Details zur Durchführung der Studie offenbart, die bei Betroffeneninitiativen und Anlaufstellen für Opfer sexueller Gewalt auf deutliche Kritik stoßen. Der Kirche seien doch viele Fälle bekannt, sagt etwa Johannes Heibel von der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen im rheinland-pfälzischen Siershahn und Autor des Buches Ohne Fehl und Tadel. Kirche, klerikale Täter und deren Opfer. Bei diesen Datenschutzregeln stelle sich natürlich die Frage, ob die Kirche tatsächlich Aufklärung betreiben wolle.

Es macht keinen Sinn, einen Neuanfang auszurufen, wenn man sich der Vergangenheit nicht richtig stellt.

Dr. Christine Bergmann

Dr. Christine Bergmann beschäftigte sich in den letzten zwei Jahren als Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs eingehend mit dem Thema. Das Setting des DBK-Forschungsprojekts wollte sie gegenüber diesseits nicht kommentieren.

Auch Thomas Schlingmann von TAUWETTER – Anlaufstelle für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden in Berlin findet gegenüber diesseits deutliche Worte. Auch wenn es aus Kirchenlogik verständlich sei, nicht alle Akten herausgeben zu wollen, wecke die Vorauswahl der Akten durch die Kirche den Eindruck, „als würde man da versuchen, Sachen unter den Tisch zu kehren". Mit einer solchen internen Vorauswahl nehme sich die katholische Kirche ein Sonderrecht heraus. Der Vorgang erinnere ihn an die Deutsche Bank und deren zögerliche Aufarbeitung der eigenen Verwicklung in den Holocaust. Darüber hinaus kritisiert Schlingmann die Ausrichtung der Studie. Die Fokussierung auf die Einzeltäterschaft mache es erneut nicht möglich zu erfassen, „inwiefern die Struktur und das Weltbild der katholischen Kirche Missbrauch fördert." Das Problem des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger werde so in den Bereich der Störungen und Krankheiten abgeschoben. Eine Prüfung, ob nicht auch die hierarchische Struktur in der Kirche zum Missbrauch beitragen würde, finde in den beiden Forschungsprojekten nicht statt.

TAUWETTER organisiert gemeinsam mit dem Berliner Verein Wildwasser, der sich im Kampf gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen engagiert, auf der Protestdemonstration gegen Papst Benedikt XVI. am 22. September in Berlin einen so genannten Block der Gesichtslosen. Unter dem Motto Gegen sexualisierte Gewalt! Non absolvimus vos! (Wir erteilen euch keine Absolution) wollen beide Vereine auf den Missbrauch durch die katholische Kirche aufmerksam machen. Im Aufruf beider Vereine, der im Internet kursiert, heißt es:

Die katholische Kirche hat über Jahrhunderte sexualisierte Gewalt geduldet, gedeckt und strukturell machterhaltend eingesetzt, was sich bis heute nicht geändert hat. Wenn davon etwas an die Öffentlichkeit gelangt, wird es verleugnet und vertuscht. Die Täter werden geschützt. Die Betroffenen werden unglaubwürdig gemacht, angegriffen und zum Schweigen gebracht. [...] Für die katholische Kirche geht es vorrangig darum, den Ruf und die ökonomischen Interessen zu schützen. Deshalb leugnet sie ihre strukturelle und ideologische (Mit-)Täterschaft. Sie phantasiert lieber von einzelnen „kranken Pädophilen", die die Kirche missbrauchen.

Diese Zeilen lesen sich wie ein Kommentar auf die sog. Aufarbeitungskampagne der Kirche, die trotz wissenschaftlichem Anstrich durch das KFN den Anschein erweckt, Täter- und Institutionenschutz stünden über dem Opferschutz.