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Missbrauch: Erschreckende Zahlen, doch wenig wirkliche Erkenntnis

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Die Ergebnisse einer Studie zeigen, dass Jungen und Mädchen in Institutionen in kaum geahntem Ausmaß mit sexueller Gewalt konfrontiert sind. In 40 % der Schulen, jedem zweiten Internat und zwei von drei Heimen sind in den vergangenen drei Jahren Verdachtsfälle sexueller Gewalt dokumentiert worden. Erstmals überhaupt wurden Zahlen zu diesem Thema systematisch erhoben, tatsächliche Rückschlüsse kann man jedoch nicht ziehen.
Dienstag, 19. Juli 2011
Bergmann + Rauschenbach

Wirkten oft nachdenklich: Die Unabhängige Beauftragte Dr. Christine Bergmann stellte gemeinsam mit DJI-Direktor Thomas Rauschenbach die Ergebnisse der Studie "Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen" vor.

„Sexueller Missbrauch ist kein Thema der Vergangenheit, sondern heute virulent in pädagogischen Institutionen!" Zu diesem Schluss kam in der vergangenen Woche die Unabhängige Beauftrage zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs Dr. Christine Bergmann, als sie gemeinsam mit dem Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI) Thomas Rauschenbach in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die zentralen Ergebnisse des Forschungsprojekts Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen vorstellte. Erstmals liegen mit dieser sog. Hellfeldstudie, d.h. der Aufstellung bereits bekannter Verdachtsfälle, wissenschaftlich erhobene Zahlen zu diesem Themengebiet vor. Ausgangspunkt der Studie waren die Missbrauchsfälle an pädagogischen Einrichtungen wie dem Canisius-Kolleg, dem Kolleg in St. Blasien, dem Kloster Ettal oder der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim.

Überblick der Verdachtsfälle nach Institutionen und Fallkonstellationen

Überblick der Verdachtsfälle nach Institutionen und Fallkonstellationen | © DJI

Ein knappes Jahr lang hatte ein DJI-Forscherteam im Auftrag der Unabhängigen Beauftragten in Schulen, Internaten und Heimen um Auskunft zu den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen von sexueller Gewalt gebeten. Mehr als 1.100 Schulleitungen, über 700 Vertrauenslehrkräfte, mehr als 300 Heim und fast 100 Internatsleitungen haben sich an der Befragung beteiligt. Die Ergebnisse sind mehr als erschütternd: In den vergangenen drei Jahren waren 43 % der Schulen, 49 % der Internate und sogar 70 % der Heime mit Verdachtsfällen auf sexuelle Gewalt konfrontiert gewesen. Dabei unterscheidet die Studie in Verdachtsfälle, die von Einrichtungspersonal verursacht wurden, in Verdachtsfälle sexueller Gewalt zwischen den Kindern und Jugendlichen untereinander und in Verdachtsfälle, die von außerhalb der Einrichtung in selbige hineingetragen werden. Zwar bildeten in allen drei Einrichtungsarten die von außen herangetragenen Verdachtsfälle die Mehrzahl, jedoch wurde durch die Studie belegt, dass insbesondere die sexuelle Gewalt unter den Kindern und Jugendlichen höher ist, als bislang vermutet. Heime sind bezogen auf alle drei Verdachtsfällen am höchsten belastet (siehe Grafik Überblick der Verdachtsfälle nach Institutionen und Fallkonstellationen).

Hohe Gefährdung von Kindern und Jugendlichen in Heimen

Auffallend ist aber vor allem die höhere Gefährdung von Kindern und Jugendlichen in Heimen, mit sexueller Gewalt in Kontakt zu kommen. Zwar ist hier auch die Gefährdung aufgrund der Herkunft aus oftmals schwierigen Milieus, die sog. Prävalenz, höher - was sich an den höheren Verdachtsfällen außerhalb der Einrichtung zeigt - jedoch wurden in Heimen auch signifikant höhere Verdachtszahlen auf sexuelle Übergriffe von in Heimen tätigen Personen gemeldet. Zugleich sind die schwerwiegenderen Tatverdachte (Penetration, versuchte Penetration) vornehmlich in Heimen geäußert worden. Das heißt, dass Kinder mit Missbrauchserfahrungen, die in Heimen einen besseren Schutz vor sexuellen Übergriffen suchen, dort einer größeren Gefährdung im Vergleich zu anderen Institutionen ausgesetzt sind. Dies könnte an der Mischung aus höherer emotionaler Bedürftigkeit und der familienähnlichen Situation in den Heimen liegen, heißt es in dem begleitenden Bulletin des DJI. Die Familie ist Tatort Nummer 1, wenn es um sexuelle Gewalt geht.

Doch auch in den Schulen, wo die Wissenschaftler die wenigsten Verdachtsmeldungen eruierten, seien die Fallzahlen beachtlich. Die Grundschulen sind der Studie zufolge am wenigsten belastet, Ganztagsschulen weisen wiederum höhere Fallzahlen auf.

Konsequenzen bei Verdacht gegenüber dem pädagogischem Personal werden häufig nicht gezogen

Die Zahlen der Studie zeigen auch, dass Mädchen mehr als doppelt so oft Opfer sexueller Gewalt sind, als Jungen. Dieser Eindruck könne jedoch auch täuschen, da Jungen andere Bewältigungsstrategien hätten und aufgrund bestimmter Männlichkeitsmuster möglicherweise auch zum Bagatellisieren neigen würden.

Unterschiedliche Folgen

Unterschiedliche Folgen | © DJI

Erschreckend sind die Ergebnisse bezüglich der Konsequenzen bei Verdachtsfällen. In Heimen wurden lediglich bei jedem dritten Verdachtsfall eines sexuellen Übergriffs auf Kinder bzw. Jugendliche durch Heimpersonal arbeits- oder strafrechtliche Konsequenzen gezogen, obwohl sich nur etwa ein Viertel aller Verdachtsfälle als klar haltlos erwiesen hat. Das heißt, in 43 % der bestehenden Verdachtsfälle wurde das verdächtigte Personal weder versetzt oder entlassen oder angezeigt. Auch in Internaten wurden nur bei jedem dritten Fall dienst- oder strafrechtliche Konsequenzen gegen das verdächtigte Personal ergriffen, in Schulen sogar nur in jedem fünften Fall. In allen anderen Verdachtsmomenten, d.h. bei von außen herangetragenem Missbrauchsverdacht oder bei dem Verdacht sexueller Gewalt unter Jugendlichen bzw. Kindern waren die Verantwortlichen in allen Einrichtungen deutlich engagierter (siehe Grafik Unterschiedliche Folgen).

Die Wissenschaftler berichteten davon, dass sie in Gesprächen festgestellt hätten, dass es an einzelnen Einrichtungen zur Sanktionierung bzw. Bedrängung der den Verdacht äußernden Kinder bzw. Jugendlichen gekommen sei. Dies ist insofern bedenklich, als dass die Meldung von Verdachtsfällen von Kindern und Jugendlichen selbst immer noch den größten Anteil der Verdachtsäußerungen ausmachen. Jeder zweite Verdachtsfall, so geht es aus den Studienergebnissen hervor, werde von Kindern und Jugendlichen selbst offengelegt - manchmal durch ein direktes Gespräch, viel öfter jedoch durch Andeutungen oder auffälliges Verhalten. Hier zeige sich außerdem, dass pädagogisches Personal vor allem die Fähigkeit besitzen muss, diese Anzeichen zu lesen. Diese Reaktionskompetenz müsse unbedingt in die Pädagogikausbildung verankert werden, heißt es in der Studie. Bei der Vorstellung des Berichts sagte Bergmann, dass es in den Institutionen an einer Kultur des Umgangs mit sexuellem Missbrauch mangele. Sie verstehe zwar, dass eine Verdachtsäußerung Kollegien und pädagogische Teams stark unter Druck setze, teils komme es dort zu wahren Zerreißproben, jedoch müsse der Kinderschutz über dem Kollegenschutz stehen. Mögliche Hilfs- und Präventionsmaßnahmen, um Kindesmissbrauch künftig besser vorzubeugen und aufzuarbeiten, gingen die Beteiligten nicht noch einmal gesondert ein. Mögliche Maßnahmen hatte Bergmann bereits im Mai mit ihrem Abschlussbericht sowie im Juni auf dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag vorgestellt.

Viele Fragen bleiben offen

Auch wenn die Hellfeldstudie Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen nun erstmals empirisches Material gesammelt hat, so lässt sie doch mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Dies verschweigen die Verantwortlichen auch nicht, war dies doch bereits im Setting der Studie so angelegt. Das DJI sollte lediglich die bekannten Zahlen systematisch erheben. Die Dunkelfeldzahlen seien eher höher anzusetzen, sagte der Direktor des Deutschen Jugendinstituts Thomas Rauschenbach bei der Vorstellung der Ergebnisse. Christine Bergmann stimmte dem zu und ergänzte, dass bei den Betroffeneninitiativen viele Fälle gemeldet seien, die nicht genannt oder in Statistiken aufgenommen werden wollen.

DJI-Bulletin

War schnell vergriffen: Das DJI-Bulletin fasst die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammen und liefert Hintergründe zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs

Auch sollten und konnten die Wissenschaftler in der Kürze der Zeit weder nach den Ursachen der unterschiedlich hohen Fallzahlen suchen, noch den Gründen der Verteilung der Verdachtsfälle auf die Institutionen und den mangelnden Konsequenzen nachgehen. Auch war die Auswahl der Institutionen deutlich eingeschränkt. Warum bspw. Kindergärten, Jugendhaftanstalten, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Sportvereine und andere Einrichtungen nicht mit in das Setting aufgenommen wurden, ist kaum verständlich. Auch eine Auswertung nach Bundesländern, um eine Bewertung der Kinderschutzpolitik in den einzelnen Ländern vorzunehmen, lässt die Studie nicht zu.

In diesem Zusammenhang ist noch anzumerken, dass sich mit Ausnahme von Bayern alle Bundesländer an der Institutionenbefragung des DJI beteiligt haben. Die bereits von 200 Lehrkräften ausgefüllten Fragebogen aus Bayern mussten auf Verlangen des bayrischen Kultusministeriums vernichtet werden. Begründung: Der landeseigene Datenschutzbeauftragte habe Bedenken. Christine Bergmann kommentierte dies mit unzweifelhaft deutlichen Worten: „Die anderen Bundesländer haben sich über Bedenken hinweggesetzt, weil ihnen das Thema zu wichtig war." Auf eine entsprechende diesseits-Nachfrage an das bayrische Kultusministerium, ob das Thema in Bayern tatsächlich nicht wichtig genug sei oder ob man eine eigene Studie zur sexuellen Gewalt in Institutionen plane, die den Anforderungen des Datenschutzes Rechnung trage, steht bislang eine Antwort aus.

Sexuelle Gewalt und Konfession - Das Thema bleibt im Dunkeln

Die vorliegende Studie lässt ferner auch keine Rückschlüsse auf die Fallzahlen in konfessionellen Einrichtungen zu. Dies überrascht, hatte doch die Auswertung der telefonischen Anlaufstelle bei der Unabhängigen Beauftragten ergeben, dass in 63 % der hier gemeldeten Fälle Missbrauchsgeschehen in kirchlichen Einrichtungen beschrieben wurde. Bei ca. 18.000 Briefen, E-Mails und Anrufen seit Mai 2010 sind dies deutlich über 11.000 Fälle, die sich vorrangig vor Jahren und Jahrzehnten ereignet haben. In diesem historischen Kontext steht insbesondere die Katholische Kirche im Zentrum des Missbrauchssturms, allein 45 % aller beschriebenen Fälle betreffen katholische Einrichtungen. Die evangelische Kirche scheint weniger betroffen zu sein, 14 % der in der Anlaufstelle gemeldeten Missbrauchsfälle betreffen evangelische Einrichtungen. Und auch hier wurde schon deutlich, dass Schulen (24 %) und Heime (19 %) Schwerpunkte sexueller Gewalt sind. Auch die Aufdeckung immer neuer Fälle, wie etwa jüngst im Bistum Hildesheim, spricht dafür, eine differente Betrachtung der konfessionellen und weltanschaulich-neutralen Einrichtungen durchzuführen, um künftig adäquat agieren zu können. Nur wer die Realitäten zum einen erforscht und zum zweiten bereit ist, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, kann künftig den Erfordernissen entsprechend handeln.

Pressekonferenz Halbjahresbilanz telefonische Anlaufstelle

Pressekonferenz Halbjahresbilanz telefonische Anlaufstelle, v.l.n.r.: Dr. Christine Bergmann, Unabhängige Beauftragte, Dr. Henning Stein, Gabriele Gawlich, Betroffene, die am Gespräch mit dem Runden Tisch am 10.11.2010 teilgenommen haben. | © Geschäftsstelle Unabhängige Beauftragte

Angesichts der in vielfacher Weise festgestellten Anfälligkeit kirchlicher Einrichtungen für sexuelle Gewalt können auf Basis der DJI-Studie bedauerlicherweise nur wenige Rückschlüsse auf Differenzen zwischen konfessionellen und nicht-konfessionellen Einrichtungen gezogen werden. Bei der Vorstellung der Ergebnisse hieß es zwar, die Rohdaten würden zeigen, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen diesen Einrichtungen gebe. Wo dies dort allerdings abzulesen ist, bleibt rätselhaft. Zwar heißt es im Rohdatenbericht an einer Stelle, dass „gleichermaßen weltanschaulich neutrale als auch konfessionell gebundene Einrichtungen" in die Studie einbezogen wurden - aber die konfessionelle Ausrichtung der Einrichtungen wird dort nicht detailliert abgebildet. Ebenso wenig wie die gemeldeten Verdachtsfälle für konfessionelle und nicht-konfessionelle Einrichtungen getrennt angegeben werden. Eine Auswertung der weltanschaulich neutralen und konfessionell gebundenen Einrichtungen lässt der Rohdatenbericht also nicht zu. Die Aussage, es gäbe keine signifikanten Unterschiede zwischen den Verdachtszahlen an konfessionsgebundenen und weltanschaulich neutralen Schulen ist anhand des Rohdatenberichts nicht überprüfbar.

Bärendienst für konfessionelle Einrichtungen

Unabhängig davon, ob dies gewollt ist oder nicht - insbesondere wenn man diesen Aspekt im Unklaren lässt, erweist man den konfessionellen Einrichtungen einen Bärendienst, denn mit derlei Studien werden sie den Nimbus der Anfälligkeit für sexuelle Gewalt nicht los. Zumal bei der Aufstellung der möglichen Tatkonstellationen immer wieder auch von „konfessionellen Kontexten" die Rede ist. So liest man im Rohdatenbericht der Studie, dass aus konfessionellen Einrichtungen ein Mechanismus des übermäßigen Vertrauens berichtet wird, wonach „Verdachtsmomente gegenüber Professionellen nicht im Bereich des Möglichen zu liegen scheinen", ein teils „tabuisierender" Vertrauensvorschuss vorherrsche und es in Seelsorge-Beziehungen zu sexuellen Übergriffen gekommen sei.

Der Studie zufolge sind in den vergangenen drei Jahren weniger Übergriffe durch Einrichtungspersonal gemeldet worden, als im Zeitraum vor drei Jahren. Ganz im Gegenteil zu den Übergriffen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und der sexuellen Gewalt außerhalb der Einrichtung, von denen für den Zeitraum der vergangenen drei Jahre mehr gemeldet wurden, als den davorliegenden Zeitraum, was insgesamt zu einem Anstieg der Meldungen für die letzten drei Jahre geführt hat.

Diese Entwicklungen ließen sich allesamt mit der erhöhten gesellschaftlichen und medialen Aufmerksamkeit, aber auch mit einer höheren Sensibilität in den Einrichtungen erklären. Der Rückgang der gemeldeten Verdachtsfälle sexueller Gewalt durch Personal in Schulen, Heimen oder Internaten für die letzten drei Jahre ließe sich aber auch mit der größeren Vorsicht potentieller Täter aufgrund der höheren öffentlichen Sensibilität deuten. Rückschlüsse auf veränderte institutionelle Abläufe, um Missbräuchen vorzubeugen, können auf der Basis der Studie nicht gemacht werden. Auch das mehr als ein Wehrmutstropfen.

Christine Bergmann Medien

Ihr persönlicher Einsatz war ein wesentlicher Grund, warum das Thema "Sexueller Kindesmissbrauch" in den letzten Monaten so offensiv behandelt wurde. Ob die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit nach ihrem Weggang die gleiche sein wird, ist unklar.

Fraglich ist, ob darüber die für den Herbst angekündigte Dunkelfeldstudie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) mehr Erkenntnisse liefert. Sie stellt einen Erkenntnisbaustein dar, den sich das Ministerium von dem Forschungsnetz gegen Kindesmissbrauch verspricht, welches es mit über 30 Mio. Euro unterstützt. Ende 2011 wird auch der Abschlussbericht des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch erwartet. Auch hier darf man gespannt sein, ob klarerer Aussagen getroffen werden. Die von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) beim Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) in Auftrag gegebene Untersuchung zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige kann insbesondere für die katholischen Einrichtungen entscheidende Erkenntnisse liefern, nicht nur, was die Vergangenheit anbelangt, sondern auch was die Gegenwart und Zukunft des Kinderschutzes im Bereich der DBK betrifft. Grundvoraussetzung ist, dass das KFN uneingeschränkt forschen darf.

Fällt weiterer Forschungsbedarf Haushaltsberatungen zum Opfer?

Die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des Sexuellen Kindesmissbrauchs Christine Bergmann betont bei jedem Auftritt, dass ein Weiterforschen unerlässlich sei, um in diesem so sensiblen Bereich voranzukommen und den Kinderschutz zu stärken. Man stehe erst am Anfang, ist ein oft bemühte Floskel. Dies wird auch im Bericht des DJI deutlich: „In der Forschung zu Fragen des Kinderschutzes hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Ergebnisse aus Untersuchungen zu Risikofaktoren, Täterstrategien, Täter-Opfer-Dynamiken und Auswirkungen von Gewalt auf breiter Basis liegen weitgehend nur aus dem Ausland vor", heißt es dazu knapp in der Kurzfassung der Ergebnisse des DJI-Forschungsprojektes. In all diesen Bereichen fehlen nicht nur Daten, sondern auch Erkenntnisse. Es fehlt auch eine weitreichende Befragung von Kindern und Jugendlichen in und außerhalb der Einrichtungen, die es ermöglichen würden, den Blick von den Einrichtungsstrukturen auf die Erlebnisstrukturen der Betroffenen zu lenken.

Es ist fraglich, ob all das angeschoben wird, wenn sich nicht mehr die Unabhängige Beauftragte selbst dafür einsetzt - auch wenn Bergmann das selbst immer von sich weist. Auf sie persönlich komme es nicht an. Das Mandat von Christine Bergmann endet bereits im Oktober und mit ihrem Abgang bleibt auch unklar, wie es mit der Geschäftsstelle, der telefonischen Anlaufstelle und einem möglichen Hilfeportal weitergeht. Voraussichtlich im Februar 2012 wird die Bundesregierung nicht nur über die Empfehlungen des Runden Tisches, sondern auch über die Zukunft der weiteren Aufarbeitung und Aufklärung von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen entscheiden. Dann ist Christine Bergmann bereits vier Monate nicht mehr im Amt. Ob die Aufmerksamkeit dann immer noch hoch genug ist, um sicherzustellen, dass das Thema nicht mit einem Handstreich den nächsten Haushaltsberatungen zum Opfer fällt, ist ungewiss.

Fotos (soweit nicht anders angemerkt): Thomas Hummitzsch