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Mangelhaftes Selbstverständnis und Desiderate

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Warum der Humanistische Verband eine selbstbewusste Idee von sich als Ganzes braucht und warum ihm kämpferische Atheisten nicht weiterhelfen. Ein Auszug aus Gita Neumanns Aufsatz „Lebens- und Sterbehilfe. Bedürfnis nach geistiger Orientierung“, der in dem aktuellen Band der Humanistischen Akademie zum Thema „Barmherzigkeit und Menschenwürde. Selbstbestimmung, Sterbekultur, Spiritualität“ erschienen ist.
Donnerstag, 3. November 2011
Barmherzigkeit 1

Frau L. ist gestorben. Die Autorin war Sterbehelferin.

Katholische und evangelische Theologen, Seelsorger und Bestattungsredner sprechen schon lange nicht mehr von der Hölle – aber auch zunehmend nicht mehr vom Reich Gottes, sondern gern von der Liebe vor den Angehörigen, den Mitmenschen und „vielleicht auch vor Gott". Tatsächlich wird heutzutage sowohl in der christlichen Sterbebegleitung wie in der pastoralen Ethik der Rückgriff auf die Menschenwürde weitestgehend weltlich immanent bestimmt. Eine konfessionell ungebundene, aufgeklärte Seelsorge (oder neuerdings Spiritual Care genannt) hätte wohl beste Chancen sich zu etablieren, insofern sie ja nicht den Ballast der christlichen Kreuzestheologie und die Theodizee-Problematik mitzuschleppen hätte.

Zwar bleibt das Kreuz bemerkenswert als Symbol für einen Gott, der alle Lebens- und Leidenswege mitgeht, weil er am eigenen Leibe erfahren hat, was Grausamkeit ist, die Menschen anderen Menschen antun können. Doch stellt sich dann automatisch die Frage, wie ein gnädiger und allmächtiger Gott Leidzumutungen und Katastrophen unvorstellbaren Ausmaßes zulassen kann – wäre er nicht auch zornig, unberechenbar, eifersüchtig und böse.

Warum setzen sich die humanistischen Organisationen nicht durch?

Worauf sollte eine nicht-religiöse Begleitung oder humanistische Lebens- und Krisenhilfe zurückgreifen? Diese Frage dürfte [...] weitgehend beantwortbar sein. Warum aber können die humanistischen Verbände offensichtlich nicht vom Bedeutungsverlust der traditionellen kirchlichen Glaubensinhalte profitieren? [...]

Die einem evolutionären Humanismus und einem naturalistischen Weltbild verpflichtete Giordano Bruno Stiftung (gbs) dürfte mit ihren teils sehr öffentlichkeitswirksamen Aktionen allenfalls ein Katalysator für Entkirchlichungsprozesse sein, die ohnehin in unserer Gesellschaft wirksam sind. Als Erkenntnis leitend gelten ihr in hart naturalistischer Manier nur die Evolutionsbiologie und die Gehirnforschung, die einer Gottes- und Seelenvorstellung mit Hilfe wissenschaftlicher Rationalität den Garaus machen. Doch mangelt es der „gottfreien" Wissenschaftstheorie, die andere („Gläubige") auch mal gern als geistig beschränkt bezeichnet, an einer eigenständigen Philosophie bzw. an einem geistes- und kulturwissenschaftlichen Verstehen im Diltheyschen Sinne.

Charles Darwin

Charles Darwin hat für manchen Atheisten Gottstatus. Dabei verließ sich Darwin ausschließlich auf Naturgesetzlichkeiten und vernachlässigte die Eigengesetzlichkeit des menschlichen Geisteslebens. Die humanistischen Organisationen gleichen das nicht ausreichend aus | Foto: Thomas Hummitzsch

Nicht-religiöse Gemeinschaften wie die Gliederungen des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD) wiederum widmen sich heute neben ihrer traditionellen Ausrichtung von Feiern zu relevanten Ereignissen (Geburt, Erwachsen-Werden, Heirat, Tod und Trauer) und dem Unterrichtsfach Lebenskunde der praktischen Kinder-, Jugend- und Sozialarbeit. Das geschieht zwar in viel bescheidenerem Maße, aber im Prinzip ist das mit Caritas, Diakonie und kirchlicher Basisarbeit vergleichbar. Als Bestandteile gehören in einzelnen humanistischen Landesverbänden die Krankenpflege, Betreuung psychisch Kranker und vor allem die Hospizarbeit mit Trauer-, Schwerstkranken- und Sterbebegleitung dazu. Wollen oder können humanistische Anbieter dazu keine eigenen Konzepte entwickeln?

Menschen wollen geistig-seelisch angesprochen werden

Zaghafte Ansätze haben sich erst im letzten Jahr durch einen Workshop Humanistische Haltungen zu Endlichkeit, Individualität und spirituellen Aspekten auf den Nordelbischen Hospiztagen präsentiert, auf einer Tagung der Humanistischen Akademie Berlin oder in bescheidenen Arbeitskreisen, die sich mit der „Sorge ums Seelische" oder einer „nicht-konfessionell gebundenen Seelsorge" befassen. Dies trifft bei (Förder-)Mitgliedern und Mitarbeiter/-innen des HVD durchaus auf Interesse, Zulauf und Zustimmung.

Auch Kulturgüter vermitteln Hinweise auf Überschreitendes und schaffen eine wirkungsmächtige Atmosphäre durch Klangräume, gemüthafte Stimmungen, sinngemäßes Erfassen und Schauen, empfundene Schwingungen – im Kern zweckfrei, zumindest ohne Lösungs- oder Sinnzwänge. Für manche ist es Kunst und Literatur, die ihnen Zugehörigkeit vermitteln, das Gefühl, nicht allein oder verloren zu sein, auch in sinnarmer oder verzweifelter Zeit auf etwas zurückgreifen zu können.

Die Musik mag als bestes Beispiel gelten, was mit „spirituell" gemeint sein kann. Auch Menschen, die von sich meinen, keine Musik zu verstehen oder zu brauchen, haben eine Vorstellung davon, dass diese in der Lage ist, etwas in unserem Innenleben zu öffnen, was sonst unberührt bliebe. Dieses „übermenschliche" Medium vermag unseren emotional-seelischen Bereich unmittelbar in Resonanz zu versetzen. Es ist eine Brücke zwischen „hier und dort", in einen rational unbegreiflichen Raum.

Für andere wiederum sind es Botschaften in Wort und Schrift, die ihnen das (Selbst-)Verständnis ihrer Religionsgemeinde vermitteln und nahebringen, wenn sie es besonders bedürfen. Statt auf mich selbst gestellt bleiben zu müssen, darf ich von einem Weltanschauungsverband oder einer Gemeinschaft, dem oder der ich angehöre, entsprechende Orientierung erwarten. Das acht Seiten umfassende Humanistische Selbstverständnis des Humanistischen Verbandes (2001) lässt seine Mitglieder, Mitarbeiter und Klienten diesbezüglich allerdings allein.

Die Schwächen des Humanistischen Selbvstverständnisses

Das verwundert, versteht sich HVD doch als eine „Weltanschauungsgemeinschaft" im Sinne des Grundgesetzes, fordert staatliche Anerkennung und privilegierte Gleichberechtigung auf Augenhöhe mit Kirchen und Religionsgemeinschaften. Substanzielle Überzeugung und Prinzipien erfahren wir in weltanschaulicher Hinsicht allerdings nur als Negation, dass weltliche Humanistinnen und Humanisten ein selbstverantwortliches Leben führen, „ohne sich dabei religiösen Glaubensvorstellungen zu unterwerfen". Ihre Ansichten gewinnen und Bedürfnisse befriedigen sie „ohne Bezugnahme auf einen Gott oder andere metaphysische Instanzen". Humanistinnen und Humanisten „brauchen kein höheres Wesen als eine von Menschen geschaffene Instanz des Trostes, der Liebe, der Hoffnung, der Bestrafung oder des Ansporns".

Himmel

Humanisten "brauchen kein höheres Wesen". Wie kann dann aber eine humanistisch-spirituelle Praxis aussehen? | Foto: Thomas Hummitzsch

Folglich hat der Humanistische Verband – einmal abgesehen von seiner beachtlichen Feierkultur mit Ritualen zu besonderen Lebensereignissen – keine spirituelle Praxis entwickelt. Diese hätte sich von vorhandenen Beratungsangeboten aller Art dadurch auszuzeichnen, im Kern zweckfrei, absichtslos, gegebenenfalls spielerisch, jedenfalls ohne Nützlichkeits-, Problemlösungs- und Heilsversprechen zu sein. Menschen sollten hier Anregung finden, sich gleichzeitig einmal fallen lassen und sich selbst genug sein zu können, ohne ihr Leben „vernünftig" und realitätsgerecht im Griff haben zu müssen.

Wer die Befunde der Postmoderne zur Kenntnis nimmt, wird nicht ernsthaft von einer neuen humanistischen Zukunftsvision – wohlmöglich auf der Basis eines atheistischen (auf Darwin, Marx oder Freud beruhenden) Gründungsmythos – träumen wollen. Der Abschied von den Fortschritts- und Machbarkeitsidealen wird im Humanistischen Selbstverständnis des HVD auch reflektiert und vollzogen. Er will sich selbstkritisch zu Widersprüchen verhalten, „in die sich das Projekt einer aufgeklärten Moderne historisch verstrickt hatte".

Dies geschieht allerdings in einem abstrakt-programmatischen Sprachduktus, der Inspirierendes, Lebendiges, Sehnsüchte und Gefühle Ansprechendes, Mitreißendes, geistig und kulturell Tiefgründiges schmerzlich vermissen lässt. Es bleibt rätselhaft, woher auf der Ebene des vernünftigen Planens und wissenschaftlich angeleiteten Gestaltens die nötigen leidenschaftlichen und innovativen Impulse zur Erlangung von humanen Zielen kommen sollen. Dazu soll „das Vorhaben der umfassenden Aufklärung aller Menschen als Bedingung ihrer Befreiung von Herrschaft und Unmündigkeit" vom organisierten Humanismus erneuert werden.

Den liberalen oder auch anarchistischen Begriff Freiheit sucht man im Selbstverständnis vergebens, ebenso wie den utopischen Möglichkeitssinn und geistige (Übungs-)Programme zur Erlangung höherer Grade. Auf Basis solcher Potenzen könnten wir gar nicht wissen, welche Wege zukünftige Generationen noch finden werden – was gerade aber Zuversicht und Hoffnung begründen würde.

Aussagen über Sterben und Tod

Ob überhaupt in humanistischer Gesinnung an etwas „geglaubt" werden kann (etwa im Sinne von Fromms Glaube an den Menschen), bleibt ausgespart. Als letztendliches Ziel erscheint die „rationale menschliche Handlungsfähigkeit in konkreten Situationen", die sich im Spannungsfeld mit Gefühl und Phantasie entfalten soll. Immerhin berücksichtigt das Humanistische Selbstverständnis, dass dabei Menschen „keine ausschließlich gesunden und glücklichen Wesen" sind. [...]

Seeblick

Sterben und Tod ist Bestandteil des Lebens. Doch löst das die Sinnsuche ab, hilft das bei der Frage nach Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit? | Foto: Thomas Hummitzsch

Über Sterben und Tod schließlich wird zunächst überzeugend gesagt, diese seien Bestandteile des Lebens, die weder verdrängt noch idealisiert werden sollten. Dann erfahren wir aber als Quintessenz: „Das menschliche Leben verliert durch das Sterben nicht seinen Wert." Durch „ein bewusst humanes Leben" könne der Angst vor Sinnleere und Bedeutungslosigkeit begegnet werden. Zudem könnten „auch verdrängte Ängste und Wünsche ... individuell und gemeinschaftlich bearbeitet werden", wozu auch „psychologisch bzw. psychoanalytisch begründete" Standpunkte und Ansätze ihren – wohl an Freud orientierten – Beitrag zu leisten hätten.

Unter der Kapitelüberschrift Dem Leben Sinn und Wert geben, heißt es dort: Entgegen „existenziellen Zweifeln" und „Erfahrungen der Absurdität" gäbe es „heute ein weit gefächertes Spektrum von ausgearbeiteten Lebenskonzepten und eine Vielfalt von kulturell, weltanschaulich und religiös begründeten Angeboten, der Suche nach Sinn zum Erfolg zu verhelfen". Man möchte fast meinen, dass hiermit unabsichtlich einer postmodernen Beliebigkeit das Wort geredet wird.

Überholt, borniert und uninspiriert - Das Humanistische Selbstverständnis

Das Humanistische Selbstverständnis stellt sich als überholt, teilweise borniert und uninspiriert dar. Es ist eher global-politisch und gesellschaftskritisch im Sinne der allgemeinen Menschenrechte an Werten wie Solidarität, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung orientiert. Das ist gut und richtig so, dabei darf aber nicht auf einen spezifisch weltanschaulichen Kern verzichtet werden. Was die Frage von Sinn und Sinnlosigkeit betrifft, geht man heute eben nicht mehr von „ausgearbeiteten Lebenskonzepten" aus, wie es im Humanistischen Selbstverständnis heißt.

Vielmehr müssen sich die Individuen und auch Gruppierungen in ständigen Prozessen der Konstruktion, Dekonstruktion und Verschiebung aus zahllosen Bausteinen Lebenssinn und Identität selbst komponieren. Insbesondere bei existenzieller Krisen- und Verlusterfahrung können sich diese Sinnbausteine ihrerseits als destabil und überformbar erweisen, manchmal auch als erstaunlich anpassungsfähig. Wir können uns Ziele setzen, die – vielleicht als Lebenswerk oder Berufung – eine Perspektive über den eigenen Tod hinaus eröffnen oder die sich auf den jeweils einmaligen Tag (carpe diem) beziehen.

Wissenschaft als Basis

Neben dem kulturell-geistigen gibt es ein weiteres Desiderat. Dieses steht einem an der Wissenschaft orientierendem Weltbild gar nicht gut an. Nur an einer einzigen Stelle des Selbstverständnisses ist in knapp einem Dutzend Wörter von „Geheimnissen der Welt und des Universums" die Rede, nach denen Humanistinnen und Humanisten „fragen und forschen" würden. Es fragt sich nur, um welches Wissenschaftsverständnis es dabei geht – um die Struktur der Wirklichkeit offenbar nicht. Denn „die Wissenschaften" sind für den Humanismus in technologisch-analytischem Interesse „ein unverzichtbares Hilfsmittel", da sie auf der „methodischen Gewinnung von Erfahrungen, auf der Überprüfbarkeit ihrer Aussagen" beruhen und so „eine öffentliche kritische Beurteilung ihrer praktischen Konsequenzen" ermöglichen.

Darwin-Center

Die wissenschaftliche Erkenntnis ist eine Basis der humanistischen Weltanschauung. Findet Sie aber ausreichend Berücksichtigung? | Foto: Thomas Hummitzsch

Eine humanistische oder atheistische Weltanschauung hätte sich demgegenüber zumindest auch an einem zeitgemäßen naturwissenschaftlichen Welt- und Wirklichkeitsverständnis auszurichten. Danach hat der klassische Materialismus des 19. Jahrhunderts längst ausgedient. Auch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik ist nicht mehr das letzte Wort über die Wirklichkeit, und die Gravitation wird immer mehr zum Rätsel. Der Quanten- und Kernphysiker Hans-Peter Dürr zeigt auf, wie die Erkenntnisse der modernen Physik unser altes Weltbild ins Wanken geraten lassen. Dürr führt aus:

In der Physik hat man früher immer gesagt, über den Leib können wir beliebig gut sprechen ... Viele haben sich angestrengt, die Seele aus dem Materiellen heraus zu erklären. Allerdings sind mittlerweile etliche Physiker zur Einsicht gelangt: Wir begreifen nicht einmal mehr die Materie. Die Materie verhält sich, provokativ ausgedrückt, auf einmal 'auch so' wie die Seele. Die Seele ist für mich ein Gleichnis für die Verbindungsstruktur ... Sie hat qualitativ viele Eigenschaften von dem, was die Physik im subatomaren Bereich entdeckt hat. ... In der Quantenphysik entspricht dem Geist das, was wir Potentialität nennen. ... Das bedeutet, dass der Geist sich sozusagen verdichten kann. Teilchen und Welle, Leib und Seele sind nicht zwei Qualitäten, sondern es ist dasselbe. Es handelt sich um zwei Realisierungsformen desselben Potentiellen. (Interview mit Birgit Heller. In: Spiritualität und Spiritual Care)

Materialisierungen sind demnach unvoraussehbare Ergebnisse von Schwingungen. Es wären ebenso gut auch ganz andere Entwicklungen möglich. Feste kleinste Bestandteile – wie der Atombegriff lange nahelegte – existieren nicht. „Es gibt keine Materien." Diese Aussage erläutert Dürr, der daraus weitgehende Auswirkungen für unser Welt- und Menschenbild ableitet, wie folgt:

Nach der alten Vorstellung ist die Welt da draußen das, was wir wahrnehmen, hauptsächlich Materie. Das nennen wir Realität (von lat. res), die dingliche Welt, etwas, das wir begreifen und besitzen können. Für die Anordnung der Materie in der Zeit gelten strenge Naturgesetze, daher können wir 'prophezeien', was kommen wird und sagen, was war. Daher der Eindruck, wir könnten die Welt prinzipiell in den Griff bekommen. Aber die moderne Physik hat gezeigt, dass es im Hintergrund völlig anders ist. Die Naturwissenschaft ist an einem Punkt angelangt, wo sie die Annahme, dass sie einmal alles genau wissen wird, aufgeben muss, dass auch sie eine Sprache verwenden muss, die uns mit unserem bisherigen Denken nicht zugänglich ist. (Es gibt keine Materie". Hans-Peter Dürr will ein zeitgemäßes Welt- und Menschenbild. Ein Interview)

Der Mensch als Einheit des Ganzen

Dürr ist nicht irgendein Wissenschaftler. Als Mitarbeiter von Werner Heisenberg wurde er dessen Nachfolger am Max-Planck-Institut. Später widmete er sich zunehmend politischen Themen außerhalb seines Fachgebiets, vor allem Fragen der Ökologie, Nachhaltigkeit und der Ächtung von Krieg und Gewalt. Dürr erhielt den alternativen Nobelpreis und war an Friedenspreisauszeichnungen beteiligt. Er leitet schlüssig die notwendige Neuorientierung unserer Position und Haltung als Menschen auf diesem Planeten ab. Danach ist jeder für sich selbst, für die Gemeinschaft und das Ganze verantwortlich.

Da Vinci

Der Mensch als Teil des Ganzen: Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci, Galleria dell' Accademia, Venice (1485-90) | Wikimedia Commons

Dies wird nun quasi spirituell begründet: Wir „sind alle Mitgeschöpfe an diesem Einen. ... Es ist alles ins Ganze geworfen und ich profitiere auch von allem, was je gedacht wurde. ... Im Kern ist der Mensch mit allem verbunden. Wenn mein Ich zurückkehrt in diese Verbundenheit, dann wird das mir unverwechselbare Eigene aufgelöst, aber nicht das Erlebende, ... es ist alles ein Beitrag an die verborgene große Weisheit. (Interview mit Birgit Heller)

Demgegenüber bleibt der Humanismus, obwohl er auch agnostische Strömungen sein eigen nennt, einem dem Atheismus innewohnenden, identitätsstiftenden Negativ-Bezug auf Kirche, Gott und Religion verhaftet. Triviale Kirchenpolemik, lächerlich machende und schmähende Darstellungen religiöser Ideen sind althergebracht und vor allem aus den Reihen der Giordano Bruno Stiftung zu vernehmen. Diese dürften die meisten Menschen inzwischen ebenso anöden wie die Schwarz-Weiß-Malerei ständig streitender Wahlkampfparteien, die nur aus der jeweiligen Schwäche des Gegners ihre eigene Stärke zu ziehen vermögen.

Die Übersetzung von Richard Dawkins The God Delusion (dt. Der Gotteswahn) bereicherte zwar die antireligiöse Weltanschauung eines wissenschaftlich orientierten Neuen Humanismus hierzulande erheblich, offenbart jedoch gleichermaßen ein fast hoffnungsloses Defizit an geistes- und kulturwissenschaftlichem Verständnis. Allerdings ist einzuräumen, dass Dawkins darin die viel beachtete Religiosität seines Physikerkollegen Albert Einstein verteidigt – da sie metaphorischer Art sei. Dawkins verurteilt nicht nur den Gottesglauben, sondern auch den „Glauben an den Glauben", und dass dieser (allein) also etwa Gutes und ethisch Wertvolles bewirken würde.

Der Mensch will berührt werden - geistig und emotional

Geisteswissenschaftliche Desiderate zeichnet gleichermaßen die – politisch heutzutage allgemein unstrittige – Rhetorik von Selbstbestimmung, Verantwortung, Würde und Menschenrechten aus. Sie reichen eben nicht, um Individuen geistig und emotional anzusprechen, zu berühren und zu motivieren, wenngleich sie im Grunde identisch sind mit den auch von Dürr angestrebten globalen und ökologischen Zielen.

Der Humanistische Verband hat eine selbstbewusste Idee von sich als Ganzes zu entwickeln, um sich nicht allzu vorsichtig an Einzelheiten (sind wir dafür oder dagegen?) abarbeiten zu müssen. Es gilt, Selbstvertrauen und Mut zu stärken, auch in Bezug auf Fragen, die durchaus im Modus von Rationalität und Vernunft zu behandeln sind. Wer sich zu medizin- und bioethischen Fragen positionieren will, wird sich auch auf vermintes und gefährliches Gelände wagen müssen, wenn es z. B. um weitgehend diffamierte oder strittige Erscheinungen wie „Selektion von Leben", Euthanasie und auch (Abtreibungs-)Töten geht.

HumAk_Barmherzigkeit und Menschenwürde

Vorabdruck aus: Gita Neumann: Lebens- und Sterbehilfe. Bedürfnis nach geistiger Orientierung. In: Barmherzigkeit und Menschenwürde. Selbstbestimmung, Sterbekultur, Spiritualität. Hrsg. von Horst Groschopp. Aschaffenburg: Alibri Verlag 2011, S. 61-145 (Auszug S. 122-130) [Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin, Bd. 4, 205 S., 11 Abb., 18,- Euro, ISBN 978-3-86569-079-1]. Den Band können Sie hier oder direkt beim Alibri-Verlag bestellen.