Direkt zum Inhalt

Kontroverse um Äußerungen im "Wort zum Sonntag"

Druckversion
Atheisten und Konfessionslose widersprechen dem CSU-Politiker Thomas Goppel, der vor dem Hintergrund der Anschläge in Norwegen behauptet hatte, es gäbe keine fundamentalistischen Christen. Diese Aussage will er dem Wort zum Sonntag der letzten Woche entnommen haben, in dem sich Pfarrerin Adelheid Ruck-Schröder bemüßigt sah, den christlichen Glauben von dem Glaubensfundament des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik zu trennen. Zuvor hatten Medien den Attentäter aufgrund seiner Schriften als fundamentalistischen Christen beschrieben. Dr. Goppel hat seinen Kritikern widersprochen.
Montag, 1. August 2011
Adelheid Ruck-Schröder - Wort zum Sonntag

Am vergangenen Samstagabend hatte die Saarbrücker Pfarrerin Adelheid Ruck-Schröder keine leichte Aufgabe. Sie musste am Tag nach den schrecklichen Anschlägen in Norwegen in der ARD das Wort zum Sonntag halten. Der Attentäter Anders Behring Breivik hatte in seinem Online-Manifest behauptet, dass der "Glaube eines einzelnen Menschen" der Kraft von 100.000 entsprechen würde, die nur Interessen haben. Sätze wie dieser veranlassten die Medien, Breivik als fundamentalistisch-christlichen Attentäter zu bezeichnen. Ruck-Schröder sah sich daher bemüßigt, das Christentum von dem Fanatismus des Attentäters zu distanzieren. Die Deutung ihrer Äußerungen hat bizarre Formen angenommen.

Was für ein Glaube nimmt dieser Mann für sich in Anspruch? Ein Glaube, der im Töten endet? Das ist nicht mein Glaube. Das ist nicht mein christlicher Glaube. Es ist ein fundamentalistischer Glaube. Fundamentalisten, egal welcher Couleur, dulden keine Widersprüche. Sie können die lebendige Auseinandersetzung nicht ertragen. Sie können überhaupt das Leben nicht zulassen. Da läuft etwas grundsätzlich schief, wenn Gedanken extrem werden, ob sie nun christlich, islamisch, rechts- oder linkspolitisch sind. Sie führen dazu, dass sich Menschen radikalisieren. Wer fundamentalistisch denkt, schätzt leicht den Tod höher als das Leben.

Mit diesen Worten zog Adelheid Ruck-Schröder in ihrem Wort zum Sonntag eine Linie zwischen Breivik und den gläubigen Christen weiltweit. Die Taten Breiviks könnten mit Glaube und Gott nicht legitimiert werden, da sich der norwegische Attentäter zum Anwalt des Todes gemacht habe, Gott aber der Anwalt des Lebens sei. Mit Gott und christlicher Gläubigkeit habe seine Tat jedoch nichts zu tun. Ruck-Schröder sagte weiter:

Wenn es aber Gott gibt, und ich glaube daran, dann ist er Anwalt des Lebens. Dann war er bei der Tragödie von Oslo auf der Seite der Lebenden, auf der Seite der Jugendlichen im Sommercamp, dann ist er auch jetzt bei den trauernden Familien, die ihre Kinder beweinen. Darin steckt mehr Leben und Glauben als in jener sinnlosen Tat.

"Fundamentalistische Christen gibt es nicht!"
Screenshot Gesprächskreis ChristSoziale Katholiken

Screenshot der Homepage der ChristSozialen Katholiken

Der Sprecher der ChristSozialen Katholiken Dr. Thomas Goppel (CSU) stimmte Adelheid-Ruck zu, fügte den Argumenten der praktizierenden Theologin jedoch eine krude Interpretation zu:

Pfarrerin Adelheid Ruck-Schröder aus Saarbrücken hat recht: Fundamentalistische Christen gibt es nicht, kann es nicht geben. Zu einer solchen Schlussfolgerung kann jemand nur kommen, wenn er ein völlig falsches Bild vom christlichen Glauben hat.

Wenn sich der norwegische Massenmörder auf religiöse Beweggründe berufe und sie im christlichen Gedankengut verankert glaube, sei er kein Christ, schreibt Thomas Goppel in einer Stellungnahme. Das Recht, sich auf Beweggründe der christlichen Weltanschauung damit stützen zu können, dass man anderen das Lebensrecht abspricht, habe niemand.

"Dem Christentum wohnt ein unleugbares Gewaltpotential inne"

Gegen diese seltsame Interpretation, es gebe keine fundamentalistischen Christen, hat sich umgehend der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ausgesprochen. Der CSU-Politiker zeichne ein "idealisiertes Bild des Christentums", das mit der globalen Realität wenig zu tun habe, sagte der Erste Vorsitzende des IBKA René Hartmann. Unabhängig davon, ob man Breivik zurecht als fundamentalistischen Christen bezeichnen könne oder nicht sei es unbestreitbar, dass dem Christentum wie allen anderen Religionen ein nicht zu leugnendes Gewaltpotential innewohne, heißt es in der Erklärung weiter.

Screenshot IBKA

Erklärung des IBKA

Gewalt gegen Andersdenkende durchzieht einen Großteil der Geschichte des Christentums. Autoritäre Strukturen und eine rigide Sexualmoral, die im Widerspruch zur Selbstbestimmung des Einzelnen steht, sind auch heute noch kennzeichnend für große Teile des organisierten Christentums. Bis heute halten christliche Kirchen an einem absoluten Wahrheitsanspruch fest. Konzessionen an die moderne Gesellschaft werden immer wieder von einzelnen Würdenträgern als Anpassung an den Zeitgeist denunziert. Und in der Tat: Dort, wo sich das Christentum überwiegend aufgeklärt und tolerant präsentiert, ist es im Niedergang begriffen.

"Abstand nehmen von den antiquierten Ansprüchen auf Weltmission"

Der Präsident des Humanistischen Verbands Frieder Otto Wolf hatte vergangene Woche gefordert, dass sie die Angehörigen aller religions- und Weltanschauungsgemeinschaften stärker für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft einsetzen müssen. Angst und das Unverständnis gegenüber Interessen anderer Menschen, dem Wesen fremder Kulturen oder auch einer demokratischen Politik, die sich in solch irrationaler und menschenverachtender Weise Bahn brechen, wie es bei Breivik geschehen sei, seien inakzeptabler Ausdruck der fehlenden Verwirklichung fundamentaler Ideen der offenen und aufgeklärten Gesellschaft: Friedfertigkeit, rationales Denken sowie Toleranz und Offenheit. Weiter hieß es in der Erklärung des Verbands:

Daher müssen nicht nur Humanisten diese jüngste Katastrophe zum Anlass nehmen, ihre gesellschaftliche Verantwortung und Handlungspotentiale zu überdenken, um das Risiko von Gewalt und Hass weiter zu minimieren, sondern auch die Angehörigen des Christentums und des Islams seien nun in der Pflicht, den teils gravierenden Ängsten mit aller Entschiedenheit entgegen zu treten.

Es läge nahe, erklärte Wolf weiter, dass diese Religionsgemeinschaften von ihren "antiquierten Ansprüchen auf Weltmission" verabschieden, um den Menschen auf diese Weise den ernsthaften Willen zu Toleranz und Offenheit in der europäischen Gemeinschaft sichtbar werden zu lassen.

Dazu würde es auch gehören, die fundamentalistischen Tendenzen in den eigenen Reihen zu erkennen, um einen Umgang mit deren Befürwortern zu finden, der Offenheit und Toleranz lebbar macht. Äußerungen wie die von Thomas Goppel können dazu keinerlei Beitrag leisten, sondern sind allenfalls Beleg für die Ignoranz eines Phänomens, welches mehr und mehr die Strukturen der religiösen Organisationen unterwandert und den Nährboden für Intoleranz und religiös motivierte Aggression bildet.

Dr. Thomas Goppel, dessen Aussagen der IBKA kritisierte, hat sich nach Erscheinen des Beitrags mit den folgenden Worten kommentierend an die diesseits-Redaktion gewandt:

Dr. Thomas Goppel

Zu der Vereinseitigung meiner Antwort auf die evangelische Pfarrerin gibt es nur eine kurze, aber nachvollziehbare Antwort von mir: Die Wolfs sind bestrebt, die christliche Lehre an geschichtlichen Phasen ihrer weltlichen Realisierung fest zu zurren, die längst vorüber sind. Niemand bestreitet, dass auch die christliche Lehre in früheren Jahrhunderten auf missionarische Ziele fixiert war, die sich als nicht nachvollziehbare Irrwege entpuppt haben. Darauf kann sich aber heute niemand mehr, auch Herr Breivig nicht berufen. Die Unterstellung Dritter, dass Kirche(n) heute nach wie vor auf dem Trip einer Absolutheitslehre seien, ist absurd und einer Weltidee entlehnt, die aus früheren Jahrhunderten hergeholt ist. Wenn einer wie Breivig das Entwicklungspotenzial in unserer aktuellen Glaubenslehre ignoriert, rechtfertigt das die Schlussfolgerungen nicht, die insbesondere die gerne ziehen, die sich bei ihren Meinungsäußerungen nicht von Maßstäben der Objektivität leiten lassen.

Scharfer Tobak angesichts der Tatsache, dass der im November 2010 als Käßmann-Nachfolger bestätigte EKD-Präsident Nikolaus Schneider, seit 2003 auch Präses der Evankelischen Kirche im Rheinland, erst im Januar davon sprach, dass Christinnen und Christen "die Aufgabe und die Chance" hätten, "von der Heiligen Schrift inspirierte Gottesvorstellungen und Lebenskonzepte zu vertreten und zu leben und darin ganz konkret missionarisch Volkskirche zu sein." Frieder Otto Wolf kritisierte damals als Vorsitzender des Koordinierungsrats säkularer Organisationen (KORSO) Schneiders Position.

Goppels Kommentar wirft die Frage auf, inwiefern er sich, kommentierend, selbst von den "Maßstäben der Objektivität" leiten ließ, die er anderen abspricht. Eine Antwort darauf mag sich jeder selbst bilden.