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KAUDERwelsch

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Volker Kauder fordert stärkere Missionierungsbemühungen und mehr Einsatz für verfolgte Christen. Dabei streut er weiterhin das Gerücht, dass Christen die weltweit am meisten aufgrund ihres Glaubens verfolgten Menschen seien. Amnesty International zweifelt die Aussagen Kauders an.
Freitag, 26. August 2011
Volker Kauder

Foto: CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag Volker Kauder hat in einem Interview mit der ZEIT-Beilage Christ & Welt mehr Engagement der Kirchen in Sachen Missionierung gefordert. Zwar würde auch die innerparteiliche Debatte über „das C in unserer Gesellschaft"  immer wieder neu geführt, aber der Tatsache, dass es immer weniger Christen in Deutschland gebe, müssten sich die Kirchen zuwenden. Im vergangenen Jahr verzeichnete die katholische Kirche erstmals mehr Austritte als Taufen. Die Zahlen der Evangelischen Kirche in Deutschland liegen noch nicht vor.

Die Kirchen können die Verkündigung des Wortes Gottes durchaus noch etwas intensivieren. Es kann doch die Kirche nicht ruhig sein lassen, wenn der Besuch der Gottesdienste immer stärker abnimmt. Jede Organisation muss sich doch fragen, woran es liegt, wenn ihr Zuspruch geringer wird. Das gilt für die Parteien, aber auch für die Kirchen. Die Kirche hat doch einen Missionsauftrag, davon ist aber zu wenig zu sehen.

Der Humanistische Verband (HVD) kritisierte Kauder scharf für diese Forderung. HVD-Präsident Frieder Otto Wolf sagte, die Forderung nach stärkerer Missionierung angesichts der abnehmenden Teilnahme an kirchlichen Ritualen „entspringt keinem Denken, das als rational und aufgeklärt bezeichnet werden kann". Wolf vermutet die Ursachen für die sinkende Teilnehmerzahl an kirchlichen Zeremonien vielmehr in den dort verkündeten Perspektiven, die sich „mit dem heute vorhandenen Wissen und den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen in einer komplexen und fordernden Gegenwart nicht in Einklang bringen lassen."

Statt die Basis für den notwendigen Dialog zwischen den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu stärken, vertiefen Äußerungen wie die von Kauder die Gräben. Wolf sagte daher auch, dass ein „evangelikales Christentum, wie es Volker Kauder vertritt und befürwortet, von Humanistinnen und Humanisten als unvernünftig sowie unzeitgemäß beurteilt und deshalb entschieden abgelehnt" werde.

Mythenbildung und Kauderwelsch

Wie stark Volker Kauder den Ansichten der christlich-evangelikalen Bewegung  anhängt, hat er schon in der Vergangenheit deutlich gemacht, etwa als  im vergangenen Jahr er Zweifel anmeldete, dass Kinder in einer homosexuellen Gemeinschaft aufwachsen wollen. Ganz so deutlich ist er gegenüber Christ & Welt nicht geworden, verschiedene Interviewäußerungen machen aber seine rückwärtsgewandte, christlich-konservative Haltung deutlich. So passe es nicht zum christlichen Menschenbild, wenn „Mütter vor allem als potenzielle Arbeitskräfte betrachtet werden" und es sei bedauerlich,  dass in den Unionsparteien kein Konsens in den „existenziellen Fragen des Lebensschutzes" bestehe. Außerdem geht Kauder in dem Interview auch auf sein Engagement für verfolgte Christen ein:

Die Christen sind die am meisten verfolgte Religionsgruppe, daran besteht kein Zweifel. Nirgendwo auf der Welt verfolgen Christen andere, immer stehen Christen unter Druck.

Prominente Kabinettsmitglieder unterstützen ihn in dieser Sache, erklärt Kauder. So scheinen sich demnach zumindest Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Guido Westerwelle und Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (beide FDP) im Ausland für verfolgte Christen stark zu machen. Sie würden immer wieder die Situation der Christen in den jeweiligen Ländern, die sie besuchen, thematisieren, führt Kauder aus.

Ob es sich bei den Christen tatsächlich, wie von Kauder behauptet, um die am meisten verfolgte Religionsgruppe aus der Welt handelt, wird von Experten angezweifelt. Der Pressesprecher der deutschen Sektion von amnesty international (ai), Ferdinand Muggenthaler, erklärte gegenüber diesseits, dass ihm ein Ranking zur religiösen Verfolgung nicht bekannt sei. Zwar würde sich auch amnesty immer wieder mit Verfolgungen von Menschen aufgrund ihres Glaubensbekenntnisses auseinandersetzen und Einzelfälle dokumentieren, aber daraus sei nicht ersichtlich, dass die Christen auffallend stärker betroffen sind als Anhänger anderer Religionen und Weltanschauungen oder Nichtgläubige. Grundsätzlich sei dies auch schwer eindeutig festzustellen, erläutert Muggenthaler, da die Verfolgung von Menschen aufgrund ihres Glaubens oder Nichtglaubens oft einhergehe mit einer politischen Verfolgung, weil sich diese Menschen oft auch politisch engagieren.

Die Glaubensfreiheit fällt unter die Menschenrechte, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gilt ausnahmslos für jeden Menschen. Die Betonung, dass die Kabinettsmitglieder bei ihren Dienstreisen Kauders privates Engagement für verfolgte Christen unterstützen, ist daher mehr als befremdlich. Schließlich sollten sie sich nicht vorrangig für die menschenrechtliche Situation ihrer Glaubensbrüder und -schwestern einsetzen, sondern in gleichem Maße für die Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte.