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HVD mischt sich in Atomdebatte ein

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Als erste Interessensorganisation der Konfessionsfreien mischt sich der HVD in die Debatte um Kernenergie ein. "Atomkraft, Nein Danke" hält Verbandspräsident Frieder Otto Wolf für die humanistisch denkenden Personen naheliegende Haltung.
Dienstag, 15. März 2011

Alle diejenigen, die davon abweichen und für die Fortsetzung des AKW-Betriebs über den für den Umstieg technisch erforderlichen Zeitraum hinaus eintreten wollen, müssten sehr starke Gründe dafür finden, wie ich sie gegenwärtig nicht zu sehen oder mir auch nur vorzustellen vermag.

Dieser Ansicht ist der Präsident des Humanistischen Verbandes Frieder O. Wolf in seiner Stellungnahme zur aktuellen Situation in Japan. Darin erklärt er, warum es Humanisten aus seiner Sicht nicht schwer haben sollten, "Nein Danke" zu sagen, wenn sie gefragt werden, wie sie es denn mit der Atomtechnik halten.

Fakten zur Kernenergie

Internationale Plakatkampagne Fakten zur Atomenergie - International Nuclear Power Fact File Poster Campaign

Aus drei Prinzipien des praktischen Humanismus stünde Humanisten mindestens eine skeptische Haltung gegenüber der Atomenergie gut zu Gesicht, meint Frieder O. Wolf. Zum einen sei dies das Prinzip der grundsätzlichen Ungeteiltheit der Natur, wonach es den Menschen in Deutschland nicht egal sein kann, dass sich die katastrophalen Ereignisse im weit entfernten Japan vollziehen. Die verschärfte Debatte um die Sicherheit von AKWs hierzulande sei daher nur folgerichtig. Zum zweiten führt der HVD-Präsident das Prinzip an, wonach der Mensch nicht die Augen vor der Wahrheit verschließen darf und nun einräumen muss, dass GAU-Szenarien keine bloßen Gedankenspiele mehr sind, sondern Ereignisse im Hier und Jetzt. Dieses Prinzip habe zur Folge, dass ein Festhalten an der Atomtechnik nur dann zu rechtfertigen ist, "wenn es entweder ganz unvermeidlich ist oder aber durch sehr hohe Ziele und Werte gerechtfertigt werden könnte, die schwerer wiegen als das durch derartige Katastrophen ausgelöste Leiden." Das Prinzip des pfleglichen Umgangs mit den natürlichen Lebensgrundlagen führe schließlich dazu, dass man bei Zweifeln an der Sicherheit der Atomtechnik einen Kurs einschlagen müsse, der auf solche Risikoechnologien zugunsten des Erhalts der Biosphäre verzichtet.

Die Ereignisse in Japan haben den Blick auf die Kernenergie verändert

Frieder O. Wolf trifft mit dieser Haltung den gesellschaftlichen Konsens. Angesichts der Nachrichten aus Japan steigt die ablehnende Haltung gegenüber der Atomtechnik. Laut einer Deutschlandtrend-Umfrage der ARD waren 53 % der Umfrageteilnehmer für einen sofortigen und kompletten Ausstieg aus der Atomenergie, 80 % fordern die Rücknahme der im vergangenen Herbst beschlossenen Laufzeitverlängerung. Zehntausende Menschen demonstrierten am vergangenen Wochenende für einen Aussteg aus der Atompolitik.

Die skeptische Haltung gegenüber der Atomenergie teilt auch die Evangelische Kirche. EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider erklärte, dass eine Technik, wie die Atomtechnik, die hundertprozentige Sicherheit brauche, "nicht menschengerecht" sei. Weiter sagte Schneider:

Uns führen die Bilder aus Fukojima vor Augen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Die Katastrophe in Japan zeigt uns die Zerbrechlichkeit des Lebens, und wie unsicher der Boden ist, auf dem wir stehen und den wir doch – weil wir darauf leben müssen – gern für so sicher halten möchten.

Internationale Plakatkampagne Fakten zur Atomenergie - International Nuclear Power Fact File Poster Campaign

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Die Bundesregierung, die noch vor wenigen Monaten die Kernenergie als Klimaschützer Nr. 1 ins Feld führte, verhängte zunächst ein Moratorium der Laufzeitverlängerung, die Oppositionsparteien forderten den Ausstieg vom Ausstieg. Die alten Atommeiler sollten sofort vom Netz, hieß es bei Grünen, SPD und Linke einhellig. Soweit entspricht das alles den Regeln des Polittheaters. Schaut man sich aber die Begründung des Moratoriums an, erhält man einen Blick hinter die Kulissen des Atomstreits. Es gehe in den nächsten drei Monaten darum, alle deutschen Atomkraftwerke unter dem Sicherheitsaspekt auf den Prüfstand zu stellen, erklärte Umweltminister Norbert Röttgen den versammelten Journalisten. Unter welchen Aspekten die Prüfungen der deutschen Kernkraftwerke bisher stattgefunden haben, wollten die Verantwortlichen nicht so Recht sagen. Wer sich aber den Einfluss der mächtigen Atomlobby und die dreisten Werbekampagnen des Deutschen Atomforum ansieht, mache sich selbst ein Bild davon, ob die deutschen Meiler bisher allein unter Sicherheitsaspekten geprüft wurden. Dieser Einfluss scheint nun aber wirkungslos, denn die grünen Landschaften auf den Werbeplakaten des Deutschen Atomforum sind nicht mit den Bildern kompatibel, die derzeit aus Japan in die Welt gehen.

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW forderte inzwischen die weltweite Abschaltung aller Atomkraftwerke. Die Risiken seien auch bei den angeblich sicheren Atomkraftwerken der westlichen Welt nicht beherrschbar, heißt es in der Erklärung der Organisation. Die neuerliche Sicherheitsüberprüfung aller Kernkraftwerke kritisierte die Organisation, denn für alle Reaktortypen lägen bereits umfangreiche Gutachten zum Sicherheitsstandard der Anlagen und den spezifischen Schwachstellen vor. In ihrer Stellungnahme dazu heißt es:

"Alle deutschen Reaktortypen weisen zahlreiche gravierende Sicherheitsdefizite auf. […] Die deutschen Atomkraftwerke entsprechen nicht dem atom- und verfassungsrechtlich vorgeschriebenen Stand von Wissenschaft und Technik. Das ist der Bundesregierung bekannt …"

IPPNW wirft der Regierungskoalition außerdem vor, dass sie eine "an Wahlterminen orientierte Sicherheitsphilosophie" betreibe. Anders sei es nicht zu erklären, dass Kraftwerke derselben Baureihe in Bundesländern, in denen Wahlen anstehen, abgeschaltet werden sollen, während sie in anderen Bundesländern, in denen in diesem Jahr nicht gewählt wird, am Netz bleiben dürfen. Mit dieser Kritik steht das IPPNW nicht allein. Der Sprecher der Umweltschutzorganisation Greenpeace Tobias Münchmeyer bezeichnete das Moratorium als "reines Wahlkampfmanöver", mit dem sich die Union über die anstehenden Landtagswahlen retten wolle.

Ob es sich diese Regierung leisten kann, angesichts der Ereignisse in Japan zu tricksen, ist anzuweifeln. Den scheinbar einsichtigen Satz, nach den Ereignissen in Japan könne man nicht zur Tagesordnung zurückkehren, hört man so oder ähnlich im politischen Beriin immer öfter. Können bzw. sollten wir überhaupt zurückkehren? Oder wäre es jetzt nicht an der Zeit, hier und jetzt über die Zukunft zu diskutieren - wenn schon nicht über unsere eigene, dann über die unserer Kinder und Kindeskinder? Natürlich ist es an der Zeit, nicht nur national, sondern international. Angesichts des westlich-modernen Lebensstils zwingen die Herausforderung des Klimawandels und die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen diese Diskussion förmlich auf die Tagesordnung. Eines sollte aber von Beginn an klar sein: Diese Debatte muss tabubefreit und ohne Vorurteile erfolgen - wie es sich bei der Diskussion um Atomkraft "Ja oder Nein" schon lange gehörte.