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Höher, schneller, weiter – Humanistische Betrachtung zur Überforderung von Menschen

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Der deutliche Anstieg psychischer Erkrankungen, verbunden mit Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentungen führen zu der Frage, was der Einzelne oder die Gesellschaft als eine Art Präventionsmaßnahme unternehmen kann, um sich oder andere vor einer Erkrankung zu schützen. Das humanistische Plädoyer für die Übernahme von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung im Leben trägt dazu bei, Resilienz auf- und auszubauen und mit einem gesunden Selbstbewusstsein und einer realistischen Einschätzung von sich und seiner Welt psychisch belastenden Situationen krisenfester gegenüberzustehen.
Mittwoch, 28. März 2012

Allein rund 70.000 Frühverrentungen in Deutschland durch psychische Erkrankungen im Jahr 2010, ist einer Pressemitteilung auf der Internetseite der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover zu entnehmen. Und auch aus den Statistiken des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) über die Arbeitsunfähigkeit von Arbeitnehmern in Deutschland ist im Jahr 2011 ein deutlicher Anstieg an Krankheitstagen durch psychische Erkrankungen erkennbar.¹ Nun wird unter dem Begriff „psychische Erkrankungen" eine Vielzahl von Krankheitsbildern zusammengefasst, dazu gehören z. B. Depressionen oder Schizophrenie. Doch dominiert unter den psychischen Erkrankungen besonders häufig ein Krankheitsbild, das nach dem ICD-10, der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, unter dem Abschnitt Z73 „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung" eingeordnet wird – der Burnout oder auf Deutsch: das Ausge­brannt­sein, ein Zustand der totalen Erschöpfung.

Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit

Grafik: Priv.-Doz. Dr. Markus Bassler, Ursachen und Früherkennung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. (Grafik angepasst; Original PDF siehe unten)

Was aber genau ist ein Burnout? Während auf Expertenseite versucht wird, eine eindeutige Zuordnung des Krankheitsbildes Burnouts zu treffen und Konsequenzen für das medizinische Versorgungssystem aufzuzeigen, hat sich in der Gesellschaft mittlerweile eine eigene, kritisch zu beurteilende Definition und Diagnostik für das Burnout-Syndrom etabliert. Nicht nur, dass sich bei einer kurzfristigen Überlastung in Form einer Selbstdiagnose ein Burnout attestiert wird und damit zur Verharmlosung der Krankheit beiträgt. Auch wird es heutzutage als selbstverständlich hingenommen, dass Stress und Überlastung den Normalzustand im Arbeitsalltag bedeuten. Der Burnout wird oft als ein Ergebnis überdurchschnittlichen Engagements einer Person angesehen und dementsprechend toleriert und teilweise sogar honoriert. Der Burnout als Prädikatsmerkmal für Leistungswille und Erfolg?

Die Realität sieht anders aus. Allein in Deutschland entsteht durch psychische Erkrankungen ein volks­wirtschaftlicher Schaden in Höhe von rund 29 Milliarden Euro pro Jahr.² Nicht umsonst hat die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen, für das Jahr 2012 dem Burnout den Kampf angesagt und vor allem klein-und mittelständische Unternehmen dazu aufgefordert, dass im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements entsprechende Maßnahmen zu treffen seien, wie vielfach in den Medien zu lesen war. Und auch für die von einem Burnout betroffenen Menschen bedeutet die Krankheit alles andere als eine Bagatellerkrankung. Die Rede ist hier von einer absoluten psychischen Erschöpfung, die es teilweise unmöglich macht, schon allein den privaten Alltag zu meistern, geschweige denn überhaupt eine berufliche Tätigkeit auszuüben. Oft dauert es mehrere Wochen, bis über das betriebliche Eingliederungsmanagement der Arbeitsprozess wieder aufgenommen werden kann.

Wer oder was ist jetzt aber Schuld an einem Burnout? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, da meist mehre Faktoren zusammenkommen und die Ursache für einen Burnout so zu einem komplexen Konstrukt werden lassen, an dem nur schwer mit einfachen Mitteln Abhilfe geschaffen werden kann. Hier spielen arbeitsbezogene, gesellschaftliche, soziale und persönliche Faktoren eine Rolle, die zudem nicht allein für sich stehen, sondern sich meist gegenseitig beein­flussen. Dementsprechend schwer gestaltet sich auch eine konkrete Behandlungsempfehlung, denn allein der Einsatz von Medikamenten mag die Symptome der Krankheit lindern, ändert aber meist nichts an den Ursachen der Erkrankung. Einfach nur kürzer zu treten ist eben nicht einfach zu realisieren. Hierzu bedarf es einer Umgestaltung der bisherigen äußeren Rahmenbedingungen wie auch einer Änderung der persönlichen Einstellung und des Verhaltens der betroffenen Person.

Mögliche Ursachen für eine totale Erschöpfung können z. B. durch die berufliche Situation begründet sein. Umstrukturierungen innerhalb eines Unternehmens werden von vielen Betroffenen als belastend empfunden. Damit einher geht meist die Übernahme neuer Aufgaben, die bisher noch nicht zum Tätigkeitsbereich gehörten und für den Betroffenen einen Stressfaktor darstellen, da er sich in dem neuen Betätigungsfeld behaupten muss. Hinzu kommt eine Verdichtung an Arbeitsaufgaben durch Rationalisierung der Arbeitsprozesse. Auch sind Arbeitgeberwechsel heutzutage keine Seltenheit mehr, bedingt durch befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit oder durch die Tätigkeit als Freelancer für projektbezogene Arbeitsaufträge. Die Zeiten einer dauerhaften Beschäftigung innerhalb eines bestimmten Tätigkeitsfeldes in einem Unternehmen werden immer seltener, Mobilität ist heutzutage von den Arbeitnehmern gefordert. Dies hat auch Konsequenzen im sozialen Bereich, z. B. durch ständig neue Positionierungen innerhalb eines Arbeitsteams oder auch Verlust von privaten Kontakten durch einen arbeitsplatzbedingten Wohnortwechsel. Negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit werden auch verursacht durch eine mangelnde Unterstützung von Vorgesetzten und Kollegen oder Mobbing am Arbeitsplatz, wie in verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen nachzulesen ist.

Im gesellschaftlichen Bereich bestehen derzeit hoch gesteckte Ansprüche an das Arbeits- und Leistungsverhalten. Allgemein gültige Ziele wie höher, schneller, weiter – schöner, schlauer, reicher tragen mit dazu bei, die eigenen Ressourcen über das gesunde Maß hinaus zu beanspruchen. Seminare zum Zeitmanagement sind derzeit an Weiterbildungsinstituten stark nachgefragt. Es ist jedoch ein Irrglaube, dass es durch Zeitmanagement möglich ist, immer mehr Aufgaben in den normalen Alltag einzubinden und diese auch noch schneller und zudem perfekter erledigen zu können. Denn die persönlichen Ressourcen eines Menschen sind nicht unendlich, sondern begrenzt. Daran ändern auch Seminare zum Thema Zeitmanagement oder Arbeitseffektivität nichts. So ganz kritiklos wird die zunehmende Anforderung an Geschwindigkeit in Arbeits- und Lebensprozessen von den Menschen allerdings nicht hingenommen; erste Stimmen nach einer Entschleunigung werden laut.

Weitere negative Einflüsse auf das Krankheitsentstehen sind auch im sozialen Bereich zu finden, wie z. B. fehlende zwischenmenschliche Kontakte. Der Verlust von familiären oder freundschaftlichen Beziehungen löst Stress aus und hat einen negativen Einfluss auf das persönliche Befinden eines Menschen. Forciert wird eine soziale Isolation durch die Tendenz zur Individualisierung. Diskontinuierliche Arbeitszeiten und die Erfordernis allgemein hoher Flexibilität ermöglichen oft nicht die Teilnahme am sozialen Leben, wie sie z. B. in gesellschaftliche Gruppierungen gegeben ist. Nicht erst seit heute beklagen sich Vereine über rasch zunehmenden Mitgliederschwund. Auch die neuen Medien haben einen zunehmenden Einfluss auf unsere Lebensgestaltung. Lernen in virtuellen Klassenzimmern statt Besuch einer Volkshochschule, selbst der Einkaufsbummel mit einer Freundin wird ersetzt durch ein paar schnelle Klicks im Online-Shop. Dabei sind soziale Kontakte wichtig und das eben nicht nur über soziale Online-Netzwerke. Der direkte soziale Kontakt mit Freunden und Bekannten ist für den Menschen lebensnotwendig. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, das auf eine Gemeinschaft angewiesen ist.

Neben den eben genannten Faktoren spielen insbesondere die persönlichen Dispositionen eines Menschen, wie z. B. die Belastbarkeit der Person, eine Rolle. Viele Menschen überschätzen ihre persönlichen Ressourcen, die ihnen für die lebenswichtigen Bereiche Arbeit, Familie und Freunde sowie Sport und Kultur zur Verfügung stehen. Es steht außer Frage, dass der Anspruch auf Befriedigung in allen Bereichen gegeben ist, der Zeitaufwand dafür kann jedoch individuell sehr verschieden sein. Nicht nur, dass jeder Mensch für sich unterschiedliche Prioritäten hat, es gibt Zeiten, in denen Beruf und Finanzen Vorrang haben oder auch Phasen mit intensiveren familiären und sozialen Kontakten. Wichtig ist jedoch, dass in der Bilanz, die jeder Mensch von Zeit zu Zeit für sich selbst ziehen sollte, ein Ausgleich innerhalb der Bereiche geschaffen wird.

Zu den möglichen persönlichen Faktoren einer Burnout-Erkrankung gehören unter anderem auch Probleme mit dem Selbstwertgefühl einer Person. So sind übersteigerter Ehrgeiz, Perfektionsstreben, die Unfähigkeit, nein zu sagen oder das sogenannte Helfersyndrom häufig Ursache für die Erkrankung. Dahinter steht meist das Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung der eigenen Person. Viele Menschen meinen, dass sich die Wertigkeit ihrer Person sowohl durch eine Selbstbeurteilung als auch durch eine Fremdbeurteilung von anderen Menschen ausschließlich über Leistungsverhalten und -ergebnisse definiert. Aus Angst vor Ablehnung und einer sozialen Ausgrenzung übernehmen sie deshalb weitere Aufgaben oder versuchen, das Ergebnis ihrer Leistung noch weiter zu perfektionieren; weit über ihre persönlichen Grenzen hinaus. Besonders auffällig im Zusammenhang mit Burnout-Erkrankungen waren auch mangelnde Stressbewältigungsstrategien der erkrankten Personen oder fehlende Kompetenzen zur Aufgabenbewältigung.³

Die zuvor genannten Aspekte erheben durchaus keinen Anspruch auf Vollständigkeit zur Erklärung einer Burnout-Erkrankung. Sie sind vielmehr als Ansatz zu sehen, um die Komplexität für eine Burnout-Erkrankung aufzuzeigen und Anreiz zu geben, um über gewisse Dinge im Leben einmal nachzudenken. Die Frage an dieser Stelle soll hier eher sein, was der Einzelne oder die Gesellschaft als eine Art Präventionsmaßnahme unternehmen kann, um sich oder andere vor einer Erkrankung zu schützen.

Neben einer Änderung der äußeren Bedingungen, wie z. B. einem Arbeitsplatz- oder sogar Berufswechsel, den Aufbau sozialer Beziehungen und einer Überprüfung der persönlichen Einstellungen und Verhaltensweisen ist es für den Menschen notwendig, Stressbewältigungsstrategien zu entwickeln, um die Widerstandsfähigkeit gegen Lebenskrisen zu erhöhen. Die Rede ist hier von Resilienz, der Fähigkeit persönliche Krisen durch Rückgriff auf eigene Ressourcen zu meistern, um die psychische Gesundheit zu erhalten. Resiliente Menschen sind Personen, die aufgrund ihrer Sozialisation ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt haben. Statt über das Schicksal zu hadern, nehmen sie ihr Leben in die Hand und steuern selbstbewusst durch das Leben.

Im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte hat sich dabei herausgestellt, dass Menschen, die eine hohe Widerstandskraft gegen Lebenskrisen aufweisen, sehr starke Werte und Normen haben, an denen sie sich orientieren und die sie mit anderen teilen. (Siehe Wikipedia: Resilienz) Diese geteilten Werte führen zu einem starken Zusammenhalt innerhalb einer Gruppierung, zu einem sozialen Netzwerk, in dem sowohl Anerkennung als auch Unterstützung zu finden ist. Wenn wir nun an die möglichen Faktoren im sozialen Bereich zurückdenken, die eine Burnout-Erkrankung begünstigen, ist es plausibel, dass die zunehmende Individualisierung und die Reduzierung persönlicher Kontakte zu Menschen für den Aufbau von Resilienz nicht gerade förderlich sind.

Aus diesen Erkenntnissen heraus ist es auch nicht erstaunlich, dass amerikanische Forscher herausgefunden haben, dass die Einbindung in eine religiöse Gemeinschaft nachweislich die Resilienz dieser Menschen erhöht. Ein Plädoyer für die Rückkehr in die Religiosität? Wohl eher nicht, denn es geht nicht darum, religiöse Werte und Normen zu übernehmen, die man prinzipiell nicht teilen kann und will. Denn mit der Aufgabe persönlich gelebter Werte und Normen gibt der Mensch auch einen Teil seiner Selbstbestimmung auf, was hinsichtlich der Vermeidung eines Burnout-Syndroms wiederum eher als kontraproduktiv anzusehen wäre. So ist es letztendlich auch nicht die Religiosität, die die Resilienz bei den Menschen erhöht, sondern die Einbindung in eine starke soziale Gemeinschaft.

Mithin geht es vielmehr darum, mit den eigenen gelebten Werten und Normen andere Menschen zu finden, mit denen man die Weltanschauung teilt und sich mit ihnen zu einer starken sozialen Gemeinschaft zusammenschließt. Zu einer Gemeinschaft, die für Werte und Normen in der Gesellschaft eintritt, wie eben gerade die Selbstbestimmung über das eigene Leben und die Anerkennung der Einzigartigkeit des Lebens. Gerade zum Aufbau von Resilienz ist es wichtig, dass sich die gelebten Werte und Normen eben nicht auf Mythen aufbauen, die sich auf metaphysische Instanzen berufen, um sich und die Welt zu erklären und das Schicksal als gegeben hinnehmen. Denn damit würde die Verantwortung für das eigene Leben und damit auch die Möglichkeiten, die das Leben bietet, wieder einer Fremdbestimmung unterliegen.

Das humanistische Plädoyer für die Übernahme von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung im Leben trägt dazu bei, Resilienz auf- und auszubauen und mit einem gesunden Selbstbewusstsein und einer realistischen Einschätzung von sich und seiner Welt psychisch belastenden Situationen krisenfester gegenüberzustehen. Humanisten begrüßen den Fortschritt und auch die daraus erwachsenden Anforderungen. Sie weisen aber auch ausdrücklich darauf hin, dass in der Gesellschaft oft vergessen wird, dass Selbstbestimmung auch mündiger Menschen bedarf und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes Leben gegeben sein müssen.

Quellennachweis:

¹ BKK Gesundheitsreport 2011 – Zukunft der Arbeit, ISSN 1434-1603
² Bödeker, Wolfgang / Friedrichs, Michael: Kosten der psychischen Erkrankungen und Belastungen in Deutschland. In: Kamp, Lothar / Pickshaus, Klaus: Regelungslücke psychische Belastungen schließen, Böckler-Impuls 16/2011
³ Burnout – eine neue Art der Erschöpfung? Menschen zwischen Selbstbestimmung und Überforderung", Vortrag von Dipl.-Psych. Bärbel Bode am 08. Februar 2012 im Kulturzentrum PFL in Oldenburg.
Grafik aus: Vortrag von Dr. Markus Bassler (Rehazentrum Oberharz) und Dr. Axel Kobelt (Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-Hannover) vom 09.02.12 zur Pressekonferenz bei der Salzgitter AG "Ursachen und Früherkennung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen"

Dieser Beitrag wurde im Rahmen der NDR Info Sendereihe „Freiheit und Verantwortung" am 04. März 2012, 07:15 Uhr ausgestrahlt.

Autorin: Inke Winter, Öffentlichkeitsreferentin HVD Niedersachsen
Sprecher: Jürgen Steinecke, Landesgeschäftsführer des HVD Niedersachsen