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Gedanken zur geistig-humanistischen Orientierung

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Von Gunter Sachs bis zur ärztlichen Suizidbegleitung
Dienstag, 17. Mai 2011
Sachs

Gunter Sachs Autobiographie "Mein Leben" ist 2005 erschienen. Seinem Leben hat der Lebemann jetzt selbst ein Ende gesetzt.

In einem Beitrag des „Domradio" vom 12. Mai hat Joachim Kardinal Meisner die gottgegebene Menschenwürde vom Säugling bis zum Sterbenden angemahnt und den Suizid des 78jährigen Gunter Sachs als „typisch atheistische Reaktion" bezeichnet. Der Fotograf, Kunstsammler und legendäre „Lebemann" galt als Inbegriff des schönen, gebildeten, freien und genussreichen Lebens. In seinem Abschiedsbrief, den er zur Veröffentlichung bestimmte, spricht Sachs seiner Frau Mirja, seiner Familie und guten Freunden tiefen Dank aus und erklärt seine Beweggründe. Er war offenbar der Überzeugung, an Alzheimer erkrankt zu sein.

Ein Auszug:

... Ich stelle dies heute noch in keiner Weise durch ein Fehlen oder einen Rückgang meines logischen Denkens fest - jedoch an einer wachsenden Vergesslichkeit wie auch an der rapiden Verschlechterung meines Gedächtnisses und dem meiner Bildung entsprechenden Sprachschatzes. Dies führt schon jetzt zu gelegentlichen Verzögerungen in Konversationen... Ich habe mich großen Herausforderungen stets gestellt. Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten... Gunter Sachs.

Nun wird kaum jemand den Schritt dieser „einmaligen Persönlichkeit, die stets gradlinig und mit Herz für seine Familie und Freunde da gewesen ist", wie sein Umfeld verlauten ließ, verurteilen wollen. Kritikwürdig scheint vielmehr die Kälte und Anmaßung des Kardinals. Henryk Goldenberg beschreibt sie in der Thüringer Allgemeine vom 13. Mai so:

Es ist diese Kälte. Es ist diese selbstgewisse Erbarmungslosigkeit der Besitzer letzter Wahrheiten. Es ist diese emotionale Brutalität der Ideologen. Es ist dieser unerschütterliche Wille der Menschenbeglücker - koste es was es wolle. Zum Beispiel Menschenglück. Kardinal Joachim Meisner erklärte jetzt sein Unverständnis über den Selbstmord von Gunter Sachs, der in Würde sterben wollte. Das sei „eine typisch atheistische Reaktion". Auch ein Säugling, der nicht denken kann, habe doch seine Würde. Welche Ignoranz! Der Säugling weiß nicht, dass er ein Säugling ist. Der Mann, der Alzheimer dämmern spürt, weiß, dass er zum Säugling wird. Und die Entscheidung, ob das in Würde hinzunehmen sei, kommt nur einem zu: dem, der zum Säugling wird. „Abtreibung und Euthanasie heißen die Folgen dieses anmaßenden Aufbegehrens gegenüber Gott", sagte Meisner 2005 über den Schwangerschaftsabbruch, und das war eine menschenverachtende Anmaßung - gegenüber den Müttern wie den Opfern. Wenn dieser Mann könnte, er ließe Gunter Sachs gewiss vor den Toren der Stadt verscharren. Es ist ein Segen und ein Trost, dass dieser Mann zwar seiner Kirche schaden, aber im Staate nichts entscheiden darf. Es wäre ein Grund, sich nach einem anderen Land umzusehen.

Nicht wenige meinen, Gunter Sachs hätte die konsequente Antwort auf alle Fragen zur Selbstbestimmung gegeben, ziehen den Hut vor seinem Mut. Ist dem also nichts mehr hinzuzufügen? Doch! Abgesehen von der gewählten Todesart des Sich-Erschießens wird jeder empfindsame Mensch die Lebensunwert-Kriterium, die Sachs nennt, mit Nachdenklichkeit, wenn nicht mit Befremden zur Kenntnis.

Bedürfnis nach geistig-humanistischer Orientierung 

Jedenfalls dürfen es sich Humanisten nicht so einfach machen und die Autonomie zum Leben oder selbst gewählten Tod über alles stellen. Vielmehr hat auch uns eine mögliche Tendenz der säkularisierten Gesellschaft nachdenklich zu stimmen, nämlich Krankheit und Alter als bloßen Abbauprozess wahrzunehmen und deshalb den schnellen Tod vorzuziehen. Nicht nur die christliche, sondern ebenso die humanistische Ethik sensibilisiert für den Umgang mit Behinderung, Depression, Gebrechlichkeit und eben auch Verlust der geistigen Fähigkeiten. Sie plädiert dafür, Menschen, die davon betroffen sind, in unsere Mitte zu nehmen. Der Verlust der „Konversationsfähigkeit" sollte jedenfalls kein Hindernis sein, dass jemand von Herzen willkommen ist und sich auch so fühlen kann.

Doch wächst bei Anzeichen von Gedächtnis-, Wortfindungs- und Orientierungsschwierigkeiten selbstverständlich die eigene Angst, abhängig zu werden und sich zu isolieren. Dabei gibt es aber auch die Erfahrung, dass Menschen angesichts von starken Einschränkungen am Lebensende Ressourcen zuwachsen können - sei es Gelassenheit, Abkehr von Ich-Bezogenheit oder Humor. Lebenssinn und Zufriedenheit ist keine Frage der Autonomie. Jedenfalls besteht eine wichtige Herausforderung darin, sich der grundlegenden Erfahrung von Abhängigkeit auseinanderzusetzen.

Respekt vor dem Tod auch in dem Sinn, dass der Mensch über diesen nicht einfach frei verfügen kann und sollte, scheint dazu eine bedenkenswerte „spirituelle" Grundhaltung. Sie bewahrt zumindest vor dem Extrem der totalen Regelbarkeit, Entscheidbarkeit, Rationalität, Kontrolle und Planung.

Für ethische (Selbst-)Verantwortung und Gewissensfreiheit

HVD-Screenshot

Der HVD ,meldete sich politisch zu Wort, als BÄK und Bischofskonferenz die Liberalisierungen zum ärztlich assistierten Suizid zurücknahmen

Unverfügbarkeit heißt jedoch nicht, sich allen Schicksalsschlägen ausliefern zu müssen. Die Entkriminalisierung und Enttabuisierung der Sterbe- und Suizidhilfe, wie sie der Humanistische Verband fordert, ist die Grundvoraussetzung für Selbstbestimmungsmöglichkeit und Gewissensfreiheit. Hier liegt ein unüberwindbarer Gegensatz zu kirchlichen Positionen, deren Dominanz deshalb auch offensiv zu kritisieren ist.

Auf politischer Ebene mussten wir in den letzten Wochen erleben, dass die Bundesärztekammer (BÄK) sich mit der Deutschen Bischofskonferenz zusammengetan hat, um ihre eigenen zaghaften Liberalisierungsversuche zur ärztlichen Assistenz beim Suizid wieder zurückzunehmen - diese soll laut BÄK nun plötzlich sogar mit einem eindeutigen standesrechtlichen Verbot belegt werden. Der HVD hat aktuell im Vorfeld des Deutschen Ärztetages (31.5.- 3.6. in Kiel) dagegen protestiert. In einer Pressemitteilungen werden die ärztlichen Delegierten aufgerufen, diesem Antrag der BÄK eine Absage zu erteilen, da das ärztliche Ethos durch eine Re-dogmatisierung nachhaltig geschädigt würde. Die Ausschaltung der ärztlichen Gewissensfreiheit muss zudem in einer pluralistischen Gesellschaft als verfassungswidrig gelten.

Die Frage nach den gesellschaftlichen Spielregeln zur Suizid- und Sterbehilfe ist heute für die allerwenigsten Menschen eine religiöse. Aber auch Juristen, Psychiater, Ethikkommissionen oder sonstige Instanzen sollten möglichst nicht „objektiv" darüber befinden, was ein lebenswertes Leben ist und wie jemand richtig oder falsch stirbt. Die Frage ist also, wie eng oder weit sollen Sorgfaltskriterien zur ethisch zulässigen Suizidhilfe gefasst sein. Am besten sind wohl so wenig Regeln wie möglich! Stattdessen hätten wir geistig-seelische Hilfestellung zu entwickeln und Charakterhaltungen von (Selbst-)Verantwortung zu fördern. Diese haben uns auch vor Zumutungen zu bewahren, dass das Recht auf den eigenen Tod zur Anspruchshaltung verkommen könnte, dass mir andere beim Suizid doch gefälligst zu helfen haben, wenn ich Schluss machen will.

In der kommenden Ausgabe von Humanismus aktuell. Hefte für Kultur und Weltanschauung wird es dazu einen ca. 70 Seiten umfassenden Beitrag zu „Lebens- und Sterbehilfe. Bedürfnis nach geistiger Orientierung" geben. Das Heft mit dem Titel „Barmherzigkeit und Menschenwürde - Selbstbestimmung, Sterbekultur, Spiritualität" wird im Juni in der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin (Bd. 4) erscheinen, hrsg. von Horst Groschopp.