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Altenpflege ? Humanistisch !

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Ist die weltanschauliche Prägung in der Pflege nur ein Dekor, das mit Symbolen, konfessionell geprägten Andachtsräumen, spezifischen Feiertagsgewohnheiten und gegebenenfalls mit Essensvorschriften sowie durch die gelegentliche Präsenz von entsprechenden Seelsorgern einen allgemein anerkannten „humanistischen Kern" ummantelt?
Donnerstag, 24. November 2011
Soziale Träger

Die Evangelische Hochschule Darmstadt hat in einem laufenden Forschungsprojekt Führungskräfte aus Altenpflegeeinrichtungen interviewt und auch die Leitbilder der entsprechenden Organisationen untersucht. Frau Prof. Dr. Ulrike Höhmann, die das Projekt leitet, interessierte dabei die Frage, welches spezifische  - „diakonische" - Profil evangelische Institutionen formulieren und in der Praxis leben. Erste Ergebnisse wurden in einer Veranstaltung am 22. November 2011 in Darmstadt vorgestellt und anschließend mit einem Vertreter des Diakonischen Werkes und einem Vertreter des HVD Hessen diskutiert.

Frau Prof. Dr. Höhmann erläuterte ihren konzeptionellen Bezugsrahmen wie folgt:

  • „Diakonia" bedeute im Kern „Hinwendung zum Nächsten", das Diakonische Werk mit seinen ganzen Untergliederungen gelte auch als „Sozialgestalt von Kirche". Der Anspruch des Diakonischen Werkes sei, dass der christliche Gehalt in der Strategie, Organisation, Unternehmens- und Führungskultur, in der Auswahl und Qualität der angebotenen Leistungen und insbesondere in der Beziehungsgestaltung gegenüber Klienten und Beschäftigten erkennbar hervortrete.
  • Unabhängig davon solle das christliche „Zeugnis" auch in „zeichenhaften Projekten" sowie in übergreifenden sozialpolitischen Aktivitäten (insbesondere auf Dachverbandsebene) deutlich werden.
  • Die Präsenz der organisierten Kirche im engeren Sinne, also die „Verkündigung" in Symbolik, Architektur, Predigt und Seelsorge in den diakonischen Einrichtungen wurde dabei als selbstverständlich unterstellt und war bei der Veranstaltung kein Thema.
  • Die personellen Verflechtungen mit der organisierten Kirche und die institutionelle Zusammenarbeit wurden erwähnt, waren aber auch nicht Gegenstand der Veranstaltung.

Die ersten Auswerteergebnisse ergaben ein sehr heterogenes Bild und wiesen auf einen oft nicht zureichenden Grad an Selbstreflexion und Konzeptklarheit hin. Die Übereinstimmung von Anspruch und Wirklichkeit soll in einer weiteren Projektphase untersucht werden.

Altenpflege

Alte Menschen nicht allein lassen - doch welches ist der ideale Weg? Die Evangelische Hochschule Darmstadt hat zu dieser Frage ein Forschungsprojekt initiiert.

Der Leiter der Mission Leben, Herr Pfarrer Dr. Klaus Bartl, unterstrich den Anspruch des diakonisches Werkes, den christlichen Begründungszusammenhang im Alltag der Einrichtungen und im Organisationsleben als etwas Besonderes deutlich machen zu wollen (diakonischer Auftrag, Nächstenliebe). Letztlich müssten die Klienten und auch die Beschäftigten die christliche Nächstenliebe -  das besondere Kümmern um den andern Menschen - spüren können, die Nächstenliebe müsste zudem auch in den organisatorischen Strukturen zum Tragen kommen. Herr Dr. Bartl räumte aber ein, dass eine ähnliche Qualität der Leistungen auch von nichtkonfessionellen Einrichtungen erbracht werden könnte, die ihr Engagement aus anderen Begründungszusammenhängen herleiteten. Er forderte darüber hinaus vom Diakonischen Werk eine besondere Sensibilität und Innovationsfreudigkeit, soziale Probleme aufzudecken und adäquaten – christlich inspirierten – Lösungen zuzuführen, also nicht nur nach dem zu gehen, was eine Kostendeckung durch Staat und Versicherungsträger verspreche.

Der Autor dieses Beitrags, der als Vertreter des HVD Hessen zu der Veranstaltung eingeladen war, trug vor, dass er bei einem Vergleich christlicher und nicht christlicher Leitbilder eine mindestens 95 prozentige Übereinstimmung in den Kernaussagen festgestellt habe. Herangezogen hatte er insbesondere Leitbilder des Diakonischen Werkes, der katholischen Vinzenzgruppe, der Arbeiterwohlfahrt, des Roten Kreuzes, des Humanistischen Verbandes Deutschland sowie kommerzieller Träger.

Alle (!) Institutionen stellen die Menschenwürde, die Selbstbestimmung, die Barmherzigkeit, die soziale Teilhabe, die individuelle Lebensqualität, die seelische Begleitung in Krisensituationen und die weltanschauliche Offenheit für Klienten aller Glaubensrichtungen in den Mittelpunkt ihrer Leitbilder.

Mit anderen Worten: es gibt einen erfreulich breiten Konsens über humanistische Grundprinzipien, wie sie sich als Erbe von Humanismus, Aufklärung und Christentum in der abendländischen Kultur historisch herausgebildet haben – begleitet auch durch die Professionalisierung der Altenpflege.

Alle Institutionen erkennen selbstredend die allgemeinen bundesrechtlichen Grundlagen an (lesenswert: Pflegecharta des Bundesfamilienministeriums über die Rechte hilfs- und pflegebedürftiger Menschen), bekennen sich zur Professionalität, zum State of the Art der Altenpflege mit den entsprechenden Qualitätsnormen für Berufe und Leistungen, treten für eine moderne und dynamische Unternehmenskultur mit guter Führung und Zusammenarbeit, Personalentwicklung, Qualitätsmanagement sowie Kunden- und Mitarbeiterorientierung ein, und betonen nicht zuletzt das Erfordernis der Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit.

Es bleibt also wenig Raum für das jeweilig besondere einer Glaubensrichtung oder einer Weltanschauung, sei sie nun christlich, jüdisch, muslimisch, buddhistisch oder explizit humanistisch (im Sinne des organisierten Humanismus). Ist damit die weltanschauliche Prägung nur ein bloß äußerlicher, gar aufgesetzter Rahmen? Ist sie nur ein Dekor, das mit Symbolen (Kreuz, Davidstern, Logos), konfessionell geprägten Andachtsräumen, spezifischen Feiertagsgewohnheiten und ggf. Essensvorschriften sowie durch die gelegentliche Präsenz von entsprechenden Seelsorgern einen allgemein anerkannten „humanistischen Kern" ummantelt? Interessant ist natürlich auch die Frage, ob Einrichtungen des HVD in diesem Sinne ein „extra-humanistisches Spezifikum" aufweisen, das sie von anderen äußerlich und ggf. auch „in der Tiefe" unterscheidet?

Ergebnis der Veranstaltung am 22. November in Darmstadt war keine einfache und abschließende Antwort auf die Frage nach dem diakonischen Profil, also nach der besonderen evangelisch-christlichen Prägung der sozialen Aufgaben des Diakonischen Werkes. Dies war sicher auch das Verdienst von Herrn Dr. Bartl, der die diakonischen Einrichtungen sehr selbstkritisch durchleuchtete, ohne den Anspruch auf das christlich Besondere aufzugeben. Es wurde allerdings in anderen Diskussionsbeiträgen deutlich, dass im evangelischen Spektrum auch Auffassungen sehr präsent – wenn nicht sogar dominant - sind, die genauer zu wissen vorgeben, was nun exakt der christliche Glaube in konkreten Entscheidungssituationen verlange. Dies betrifft beispielsweise den Umganges mit Leid und Tod im Allgemeinen und ausgewählte medizin-ethische Fragen (Umgang mit Nahrungsverweigerung bzw. Sterbefasten, passive Sterbehilfe, finale Sedierung u.a.) sowie die Sterbe- und Abschiedskultur.

Der Autor unterstrich seinen Eindruck, dass es in diesen Fragen nach seiner Wahrnehmung im christlichen Bereich eine große Bandbreite vertretener – insbesonderer aber gelebter - Auffassungen gebe, bei der es auch Überlappungen mit humanistischer Praxis gebe. Es sei zu vermuten, dass im humanistischen Meinungsspektrum der Selbstbestimmung – insbesondere auch über den Zeitpunkt des eigenen Todes – eine größere Bedeutung beigemessen werde als in christlich geprägten Altenpflegeeinrichtungen. Auch habe das Leid – anders als im Christentum – im Humanismus keinen eigenen Wert oder Sinn, was allerdings nicht ausschließe, dass man aus Leid nicht auch klüger werden könne.

Diakonie und Caritas sollten von ihren Beschäftigten nicht mehr verlangen sollten, dass sie einer christlichen Kirche angehören. Abgesehen davon, dass schon aus Arbeitsmarktgründen ein immer größerer Prozentsatz der Beschäftigten auch ohne ein christliches Bekenntnis eingestellt würden, sei auch dem Spektrum der Glaubensauffassungen der Klienten Rechnung zu tragen. Es sei völlig ausreichend, die Beschäftigten zur Beachtung der humanitären (um nicht zu sagen humanistischen) Ziele zu verpflichten. Auch die praktisch einhundertprozentige Finanzierung der Altenpflegeeinrichtungen und Krankenhäuser durch die Versicherungsträger,  den Staat oder mittels Spendenaufkommen spricht gegen die Beibehaltung des Bekenntniszwanges.