20 Jahre liebenswert unbequem

Seit 20 Jahren für Gerechtigkeit im Einsatz. Der LSVD Berlin-Brandenburg feierte das im Festsaal des Roten Rathauses in Berlin | © Thomas Hummitzsch
Bunt war es im Festsaal des Roten Rathauses, was sonst. Wer 20 Jahre Gerechtigkeit feiert, der muss auch berücksichtigen, dass diejenigen, die diese für sich beanspruchen, keine homogene Masse sind. Und wenn der Veranstalter der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) ist, dann darf es erst recht bunt sein, schließlich ist die Regenbogenfahne das internationale Symbol der LBGT-Bewegung. LGBT steht dabei für Lesbien, Gay, Bisexual und Trans, also für die Bewegung, die die Interessen von homo-, bi-, trans- und intersexuell lebenden Menschen vertreten.
Es darf aber auch deshalb bunt sein, weil die Community manchmal durchaus wie ein Haufen bunter Vögel wirkt. Aber, um Berlins regierenden Bürgermeister zu zitieren, das ist auch gut so. Denn wer weiß, ob aus dem einstigen Verein, in dem das bürgerschaftliche Engagement im Vordergrund stand, sonst eine solch gewichtige Interessensvertretung hätte erwachsen können. Dafür braucht es die Kreativität und Frechheit der Vielen, der Bunten, der Einfallsreichen, einfach derjenigen, die auch jenseits des wie auch immer gearteten Mainstreams tanzen. Diese Menschen sind notwendig, um jeden Tag die harte Nuss der Gewohnheit und des Usus zu knacken, um an die grundsätzliche Bedeutung mancher Realitäten zu erinnern und um Diskriminierung dort deutlich zu machen, wo der Mainstream lange Zeit weder hingehört noch hingeschaut hat.
Wenn dies nicht wäre, wer weiß, ob wir heute sonst über die eingetragene Lebenspartnerschaft als juristische Wirklichkeit reden würden. Und wer weiß, ob überhaupt eine Sensibilität dafür bestünde, dass auf diesem Gebiet immer noch eine Ungleichheit gegenüber verheirateten Paaren besteht. Oder ob wir wahrnehmen würden, dass es immer noch Ungerechtigkeiten gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren, etwa in Sachen Anerkennung der Elternschaft oder beim Adoptionsrecht, gibt. Oder dass die organisierten Schwulen immer noch auf die finanzielle und gesellschaftliche Rehabilitierung ihrer Verfolgung in der Bundesrepublik durch den § 175 des Strafgesetzbuches bis in 1960er Jahre warten. Die politischen Entscheidungsträger in Bund und Ländern kennen das Problem seit Jahren, nur zu einer Lösung will man nicht kommen.
Diesen ungelösten Fragen stehen aber viele Lösungen gegenüber. Allein bei der Frage der Eheschließung hat sich Enormes getan. Vor 20 Jahren wurden die gleichgeschlechtlichen Paare im Spandauer Standesamt mit einer harschen Rechtsbelehrungen über den „Unsinn" ihres Antrages nach Hause geschickt. In Schöneberg gab es zwar einen freundlichen Empfang, aber der Standesamtsleiter betonte, dass er, sobald sich Rechtslage ändert [!], die Paare gerne wieder begrüße. Es dauerte neun Jahre, dann war diese Frage geklärt und ein Anfang vom Ende der Rechtlosigkeit gleichgeschlechtlicher Lebensweisen herbeigeführt.

Die neue Senatorin für Integration Dilek Kolat lobte nicht nur die Arbeit des LSVD, sondern sagte auch die sichere Finanzierung einiger LSVD-Projekte zu | © Thomas Hummitzsch
Es folgten Protestaktionen, Demonstrationen, Eingaben, Podiumsdiskussionen, Überzeugungsarbeit auf Bundesebene, auf Landesebene, eine Berg- und Talfahrt von Gerichtsentscheidungen, wie das der Sprecher der LSVD-Bundesverbands, Günter Dworek, in seiner Rede deutlich machte, die nicht immer zugunsten des LSVD ausfielen. Aber sie haben die gesellschaftliche Meinung beeinflusst. Vor zwanzig Jahren hätte man wohl noch voller Respekt den Hut gezogen, wenn Politiker im Amt Sätze wie
Wenn Menschen Diskriminierung erleiden müssen aufgrund ihrer Sexualität, dann ist es unsere Pflicht, Verantwortung für diese Menschen zu übernehmen.
gesagt hätten. Heute freut man sich immer noch über solche Aussagen, wie in diesem Fall von Berlins Senatorin für Integration, Dilek Kolat, am Festabend geäußert. Aber man erwartet sie auch; und auch das ist gut so.
Dies ist vor allem auch dem LSVD Berlin-Brandenburg zu verdanken, der zu Recht zufrieden (aber nicht selbstzufrieden) auf die letzten 20 Jahre zurückblicken kann. Dies meinte auch Günter Dworek:
In den letzten 20 Jahren seid Ihr vielen, vielen in Stadt und Land tierisch auf die Nerven gegangen. Das habt Ihr gut gemacht! Man kann nie genug baggern für Gerechtigkeit, für Akzeptanz von Vielfalt, für echten Respekt.
Bundesweit ist der LSVD-Berlin eine wichtige Instanz, schon allein aufgrund seiner Beratungsstelle für Regenbogenfamilien, wo sich Constanze Körner kaum mehr vor Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet retten kann. Dabei geht es um Kinderwünsche und Krabbelgruppen; ein Zeichen dafür, dass immer mehr gleichgeschlechtliche Paare nicht nur als Paar leben wollen, sondern eine Zukunft mit Kindern planen. Es geht aber auch um Adoption und die Anerkennung der Elternschaft, was wiederum ein Zeichen dafür ist, dass es leider immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Lesben und Schwule Familien gründen und Kinder mit ihren lesbischen und schwulen Eltern frei von Benachteiligungen und Anfeindungen aufwachsen können.

Gespannt verfolgten die Gäste die Redebeiträge und entspannt feierten Sie anschließend 20 Jahre Gerechtigkeit | © Thomas Hummitzsch
In Sachen Ehe gibt es trotz aller Erfolge noch einiges zu tun. LSVD-Bundesverbandssprecher Günter Dworek erinnerte daher an die Agenden des neuen französischen Präsidenten Francois Hollande und seines amerikanischen Kollegen Barack Obama, die sich für die Öffnung der Ehe für Homosexuelle ausgesprochen haben, und forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, ihren „eisernen Sparkurs" gegenüber Schwulen und Lesben aufzugeben. „Die Zeit ist reif für die Öffnung der Ehe."
Der LSVD Berlin-Brandenburg ist aber vor allem in der Hauptstadt eine Stimme mit Gewicht. Mit ihren Respekt- und Community-Gaymes, die von den höchsten politischen Entscheidungsträgern der Stadt unterstützt werden, macht der LSVD seit Jahren für Diskriminierung jeder Art sensibel. In dem vom LSVD und der Senatsverwaltung initiierten Bündnis gegen Homophobie sind über 40 Vereine, Organisationen und Unternehmen organisiert, u.a. auch der Humanistische Verband. Und ohne den LSVD Berlin-Brandenburg wäre die Demonstration gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Vatikans im vergangenen Jahr in Berlin in der Größenordnung nicht denkbar gewesen. Der LSVD Berlin-Brandenburg war gemeinsam mit dem CSD e.V. Zugpferd und alle Zügel haltender Reiter desselbigen beim Bündnis Der Papst kommt. Aktuell versucht der LSVD einen ständigen Sitz im Berliner Beirat für Familienfragen zu bekommen, einem Gremium, das den Berliner Senat in familienrelevanten Fragen berät. Und ein Ziel in der Zukunft: Ein „DenkMal" für den jüdischen Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld. Dafür wirbelt man momentan fleißig die Werbetrommel und sammelt Gelder.
Wer sich fragt, warum der LSVD in Berlin und Brandenburg zu einem solch relevanten gesellschaftspolitischem Akteur werden konnte, der bekam die Antwort von Jörg Steinert, dem Geschäftsführer des Landesverbandes (Die komplette Rede finden Sie hier). Es ist die Dialogfähigkeit, die sich der Verband bewahrt, ohne sich dabei aber zu verbiegen.
Der LSVD Berlin-Brandenburg bleibt in alle Richtungen dialogfähig, aber auch kritikfähig. Wir sind immer dialogbereit. Zur gleichen Zeit werden wir keine Tabus zulassen: Als der Papst Berlin besuchte, war unser Verband maßgeblicher Akteur im Bündnis „Der Papst kommt", um gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Vatikans zu protestieren. Gleichzeitig wird das Gespräch mit dem Berliner Erzbischof gesucht. Auch mit Moscheegemeinden ist der LSVD Berlin-Brandenburg im Dialog. Wenn allerdings Salafisten Hetzparolen gegen Homosexuelle verbreiten, demonstrieren wir dagegen.
Diese klare Kante ist es, die den LSVD ebenso liebenswert wie unbequem macht. Und wieder ist das gut so. Eben dies galt es zu feiern. Und eben dies wurde gefeiert. Mit allem, was dazugehört. Der Rahmen war bunt, wie sich das gehört für einen Verband, der auf eine bunte und tolerante Gesellschaft setzt. Zugunsten jedes Einzelnen, in Respekt vor jedem Einzelnen. Zutiefst humanistisch.







