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Humanismus im Jubiläumsjahr der Reformation – alles gut?

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Während die Kirchen des 500. Jahrestages der Reformation feierlich gedenken, geschieht dort wenig, um die Reformation als Prozess weiterzuführen. Wird es dem organisierten Humanismus in diesem Jahr besser gelingen, die notwendigen Debatten zu führen und strategische Klärungen herbeizuführen?
Mittwoch, 15. Februar 2017
Bild: Lucas Cranach der Ältere

Die evangelische Kirche hat 500 Jahre nach der Veröffentlichung der Wittenberger Thesen durch Luther alle Hände voll zu tun. In zahllosen Gottesdiensten, Gesprächsreihen und kulturellen Veranstaltung wird der großen historischen Umwälzungen gedacht, die von Martin Luther und anderen Reformatoren angestoßen wurden. Bemerkenswert ist, dass das Gedenkjahr nicht als rein protestantische Manifestation inszeniert wird. Vielmehr werden der Dialog und die Gemeinsamkeit mit der katholischen Kirche gesucht, um so den gemeinsamen Kern des christlichen Glaubens zu betonen. Neben der zu beobachtenden Heroisierung Luthers sind durchaus auch historisch-kritische Töne über die Schattenseiten dieses bedeutsamen Mannes zu hören, insbesondere zu seinem Antisemitismus, zur Missachtung der Anliegen der kämpfenden Bauern und bezüglich seiner Nähe zu den Herrschern seiner Zeit. Letzten Endes kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass trotz gegenteiliger Behauptungen der Blick im Wesentlichen zurückgeht. Was ganz offensichtlich fehlt, ist ein reformatorischer Impuls für die Gegenwart. Kirchenaustritte, die Entfremdung vieler Menschen von der kirchlichen Kultur und den christlichen Inhalten, die geringe aktive Beteiligung an Gottesdiensten und diakonischen Aktivitäten – das hätte doch genügend Gründe geliefert, um eine neue Reformation anzustoßen.

Das „säkulare Spektrum“ in Deutschland hingegen stellt sich ständig den aktuellen Fragen und befindet sich in einem permanenten dynamischen Entwicklungsprozess?!

Der Humanistentag in Nürnberg wird im Juni 2017 die Humanistinnen und Humanisten aller Art zusammen führen zum fruchtbaren Streit über die maßgeblichen Strömungen und zum Genuss von Gemeinsamkeit und kulturellen Events.

Das Präsidium des Humanistischen Verbandes Deutschlands hat im September 2015 ein beachtenswertes generalüberholtes Humanistisches Selbstverständnis 2015 bekannt gegeben, das zurzeit in den Landesverbänden diskutiert wird. Es soll in der nächsten Bundesdelegiertenversammlung im September erörtert und ggf. mit Änderungen beschlossen werden. Es soll die Kerninhalte und die strategischen Perspektiven des HVD klären und präsentieren.

Hubert Cancik, Horst Groschopp und Frieder Otto Wolf haben im Mai 2016 ein schwergewichtiges Werk unter dem Titel Humanismus: Grundbegriffe bei de Gruyter herausgegeben. In einem systematischen Teil werden die Themen Humanismus, Humanität, Humanismus als Kultur, Humanitarismus, Humanistik bearbeitet. Im alphabetischen Teil werden so wichtige Begriffe wie Anthropologie, Antihumanismus, Humanisierung, Humanitäre Praxis und Persönlichkeit knapp aber fundiert besprochen. Das Werk möchte zeigen, „dass ein moderner praktischer Humanismus auch in philosophischer Hinsicht auf eine reiche und substanzielle Geschichte zurückgreifen kann, deren weitere Aufarbeitung lohnend zu werden verspricht.“

Die im Dezember 2016 erschienene diesseits Nr. 117 spricht beim Titelthema von einem „Jahrhundertwerk praktischer Humanismus“ und thematisiert die Förderung des ehrenamtlichen Engagements der Mitglieder als Ergänzung zu den professionalisierten Dienstleistungen im Sozial- und Bildungsbereich. Wo also soll der organisierte und praktische Humanismus im Jahr 2090 stehen, wird gefragt. Dazu heißt es: „Doch auf zweierlei lässt sich jetzt schon aufmerksam machen. Zum einen haben sich viele Ansätze und Konzepte des Humanistischen Verbandes als dauerhaft tragfähiges Modell offenkundig bewährt. Damit ist nicht gesagt, dass es keinen Verbesserungs- und Ausbaubedarf an vielen Stellen gäbe, doch das Resümee legt versierteren Beobachtern an die Hand, an den grundsätzlichen Ausrichtungen – praktisch, organisatorisch, politisch – festzuhalten. Zum anderen lässt sich schon heute feststellen, dass einer hochentwickelten Kultur der Anerkennung (des Engagements Ehrenamtlicher) verbandlich in Zukunft ein hoher Stellenwert eingeräumt werden muss.“

Also alles gut im Humanismus in Deutschland?

Im Dezember 2016 hat sich 165 Kilometer südlich der Lutherstadt Wittenberg in Zwickau ein Mann an den berühmten – aber vielleicht erfundenen – Luther-Satz erinnert: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Es ist verbürgt, dass dieser Mann den Nachsatz „Gott helfe mir. Amen!“ auf keinen Fall angefügt hat. Dem historischen Vorbild folgend hat dieser Mann – zumindest in Gedanken – Thesen an diverse einschlägige Türen angeschlagen, und zwar an die Tür des HVD-Bundesverbandes in der Wallstraße 61-65 in Berlin sowie die entsprechenden Türen der HVD-Landesverbände. Sicher hatte er auch die Tür des Hauses „Weitblick“, Auf Fasel 16 in Oberwesel, im Blick. Was will dieser Mann von uns? Darf er das, soll er das? Brauchen wir das?

Damit sich der geneigte Leser selbst ein Urteil bilden kann, sollen die wichtigsten Thesen hier – redaktionell verschlankt – dokumentiert werden:

A. Humanismus

1. Humanismus ist eine geschichtlich gewordene und qualifizierbare Auffassung und Praxis von „Barmherzigkeit“, „Bildung“ und „Menschlichkeit“.

2. Sie bündelt weltanschauliche Richtungen, die mit einem stark rationalen und historisierenden Herangehen Würde definieren und damit verbundene Fragen anthropozentrisch beantworten, nicht anthropozentristisch.

3. Die Maxime des Humanismus, dass der Mensch im Mittelpunkt steht, ist sein Kern.

4. Barmherzigkeit ist der Leitbegriff jeder praktischen Humanität.

5. Humanismus ist keine – etwa aus der Evolutionstheorie ableitbare – wissenschaftliche Lehre und keine nur philosophische Idee.

6. Die Aufgabe, Bedeutung, Funktion von Humanismus - wie auch von Religion - ist verschieden nach Kulturen, Epochen, Gesellschaftsschichten. Er hat zwar keine Mystik, aber durchaus Spiritualität; keinen Mythos, ist aber durchaus eine legendäre große Menschheitserzählung; er hat zwar Rituale, aber keine Riten; er ist eine Kultur, aber kein Kult.

7. Humanismus ist per se „weltlich“, die Verwendung dieses Attributes ist daher entweder trivial, redundant oder missverständlich (weil die Existenz religiöser oder sonstiger Humanismen implizierend).

B. Sechs humanistische Wahrheiten (Bekenntniselemente)

1. Barmherzigkeit ist das erste und oberste humanistische Gebot. Sie bedeutet Anteilnahme, Gnade, Milde, Mitgefühl, Nachsicht und Wohltätigkeit. Erst humanitäres Handeln übersetzt Sorge in konkrete Leistungen, in denen sich Solidarität beweist und Humanitarismus ausdrückt. Ohne praktizierte Humanität ist Humanismus nicht möglich, reduzieren sich seine Ziele hinsichtlich der Menschenrechte, der Menschenwürde, der Menschengleichheit, von Gerechtigkeit, Liebe, Freundschaft und Glück auf bloße Behauptungen.

2. Im Humanismus steht zweitens das Leben jedes einzelnen Individuums (mit dem Recht auf Selbstbestimmung) über den Interessen und Zwecken der Gemeinschaft, in der es lebt.

3. Drittens ist Humanismus keine Erlösungslehre. Die Aussage meint, dass Menschen in ihrem Hier und Heute bestehen müssen. Dabei hat der Humanismus durchaus Utopien und Grundsätze von der Würde und Gleichheit der Menschen. Sie sind in erster Linie durch die Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit jeden Lebens begründet, das einen Anfang und ein Ende hat.

4. Viertens ist die Solidarität das humanistische Pendant zur „Nächstenliebe“. Sie wird stark funktional aufgefasst, als politische oder soziale Unterstützung von Menschen durch Menschen in Mangel- und Konfliktsituationen, durch Humanitarismus, nicht weil sie sich lieben oder gleichen Glaubens sind, sondern weil sie Menschen sind.

Dass „Solidarität“ im humanistischen Selbstverständnis ein Kernbegriff ist, der sich grundsätzlich (etwa) von dem der Nächstenliebe unterscheidet und den die Freidenkerbewegung bewusst aus der politischen Arbeiterbewegung zum Zwecke der Schaffung einer „Solidargemeinschaft“ (Sozialgesetzgebung) übernahm und der in die „Grundsätze humanistischer Sozialarbeit“ „eingebrannt“ wurde, ging im HSV 2015 verloren und damit ein „Essential“ der humanistischen Weltanschauung. Anteilnahme ist aber nicht Solidarität. Verbundenheit ist in tribalistischen Strukturen am Tiefsten ausgebildet. Solidarität bedeutet gerade, für andere freiwillig und respektvoll einzutreten, obwohl weder Verwandtschaft, noch gläubiger, regionaler, nationaler oder sonstig unmittelbarer Zusammenhang besteht. Es gilt allein die Gleichheit als Menschen. Die Bedürftigkeit nach gegenseitiger Hilfe wird anerkannt. Man kann im Gegenzug in ähnlicher Lage ebenfalls Barmherzigkeit (Mitgefühl, Anteilnahme) und Hilfe erwarten. Der Helfende muss den Hilfebedürftigen weder nahe stehen, noch braucht er persönlich helfend einzugreifen. Es ist die auf Vernunft und Empathie beruhende Sachlichkeit, die humanistische Solidarität auszeichnet und von „Nächstenliebe“ unterscheidet.

5. Nur der Selbstzwang zur Kritik verhindert, dass „humanistische Bewegungen“ zu „Kirchen des Humanismus“ werden. Selbstkritik wiederum ist Ausweis eigener Offenheit und Toleranz.

6. Sechstens sind Gott, Götter, höhere Wesen oder absolute Prinzipien dem Humanismus insofern gleichgültig (geworden), dass er in der Bekämpfung von Religionen keine Hauptaufgabe sieht. Der Humanismus akzeptiert, dass andere Menschen anders glauben.

C. Abgrenzung

Die vorstehend charakterisierte Auffassung von Humanismus setzt sich ab von einem sich selbst so bezeichnenden „säkularen“ oder „evolutionären“ oder „neuen“ Humanismus mit folgenden programmatischen Charakteristika:

Wissenschaftsgläubigkeit, naturalistische und/oder evolutionsbiologische Ableitungen der Humanismus; politische Forderungen wie vollständige Staat-Kirchen-Trennung, Verstaatlichung von kirchlich getragenen Kindergärten/Schulen/Wohlfahrtsverbänden; Kampf gegen Kirchen und Religionen über eine notwendige Religions- und Institutionskritik hinaus. Dem „säkularen Humanismus“ fehlen Historizität, Körperlichkeit, die Sprache und das Gefühl der Barmherzigkeit, Liebe und Menschenfreundlichkeit. Menschenwürde und Glück sind bei ihm weitgehend rationale, jedenfalls kühle Kategorien, so dass, wer nach Sinnlichkeit sucht, dann doch lieber auf religiöse („musikalische“) Angebote zurückgreift.

Der Autor dieser Thesen ist – wer hat’s gemerkt? – der wohlbekannte Horst Groschopp. Er war Mitbegründer des HVD, war zeitweilig dessen Präsident und viele Jahre aktiv in den Humanistischen Akademien tätig. Die Thesen sind seinem im Alibri-Verlag erschienen Buch Pro Humanismus entnommen, das den Untertitel trägt „Eine zeitgeschichtliche Kulturstudie“. Das Buch erzählt detailreich die Geschichte der „säkularen“ und „humanistischen“ Bewegung, insbesondere die Vorgeschichte des HVD und der GBS. Detailliert werden die programmatischen und konzeptionellen Strömungen aufgezeigt und analysiert. Horst Groschopp wäre nicht er selbst, wenn er nicht dezidiert zu allen Entwicklungen Stellung nehmen würde. Das geschieht manchmal ruppig, aber mit großem Engagement für die Sache des Humanismus. Die vorgenannten Thesen machen unverkennbar deutlich, für welche Ausprägung des Humanismus er sich persönlich stark macht und für welche grundsätzliche Strategie des organisierten Humanismus er sich einsetzt. Die Klarheit der Position geht einher mit einer Bereitschaft zur streitbaren Auseinandersetzung im Rahmen eines respektvollen Dialogs. Gleichzeitig kann man nicht allgemeine Zustimmung erwarten, weil andere Protagonisten der „säkularen Szene“ dezidierte Gegenpositionen vertreten und „den“ bzw. „ihren“ Humanismus mit anderen Grundsätzen und Strategien ausstatten.

Wer jetzt denkt, dass Horst Groschopp doch eigentlich nur Eulen nach Athen trägt, weil der HVD bereits genau diesen Humanismus als Organisation und durch seine Mitglieder lebt, sei die eingehende Lektüre dieses Buches empfohlen. Das könnte auf jeden Fall die Diskussionen auf dem Humanistentag und die Beratungen des HSV 2015 befruchten.

Auch wenn die Thesen von Horst Groschopp nicht wirklich an irgendwelche Türen angeschlagen wurden, sind sie doch ein Anschlag auf die Selbstgewissheit in allen „säkularen“ und „humanistischen“ Lagern und ein Plädoyer für anstehende Klärungen und notwendige reformatorische Prozesse.

Machen wir also das Beste aus Martin Luther für den Humanismus von heute! Befassen wir uns mit der Lage des „realen“ Humanismus in Deutschland und stellen uns den Fragen, deren Nichtbeantwortung wir den Kirchen für ihren Bereich vorwerfen:

  • Wer sind die Subjekte und Adressaten einer humanistischen Bewegung?
  • Welcher Humanismus kann Resonanz finden in welchen Teilen der Gesellschaft, weil er in mancher Hinsicht schon da ist, ohne als solcher benannt zu sein?
  • Welche organisatorischen Konzepte und strategischen Inhalte sind erforderlich, um dem Humanismus zur praktischen Wirksamkeit zu verhelfen – durch Haltung in jedem Lebensbereich, ehrenamtliches Engagement in den aktuellen Problemfeldern, durch professionelle Dienstleistungen und unzweideutige politische Positionierungen und Aktionen?
  • Wo finden die Diskussionen statt, die Antworten auf die gestellten Fragen erarbeiten sollen? Welche Foren und Medien der „säkularen Szene“ müssen dafür (wieder) geöffnet werden?
  • Wie kann eine humanistische Ökumene gepflegt werden, die ethische und politische Gemeinsamkeiten anerkennt und einen Stil des gegenseitigen Respekts praktiziert, ohne die Differenzen zu verwischen?

Kommentare

Luhther war kein Antisemit

Sehr geehrter Herr Grebe,
Ihr Artikel zum Reformationsjubiläum beinhaltet leider auch wieder den Vorwuf des Antisemitismus in Luthers Schriften. Der Antisemitismus ist allerdings erst im 19. Jahrhundert, also 300 Jahre nach Luther entstanden und bezieht sich nicht vorrangig auf die Religion, sondern auf "Blut und Rasse".
Luther, als Kind seiner Zeit, war antjudaistisch. Er bezog sich also ausschliesslich auf die Religion, nämlich auf die Nichtannahme der Gottessohnschaft Jesu Christi.
Luthers antijudaistischen Aussagen, ebenso die scharfen antijudaistischen Passagen im Neuen Testament, vor allem im Johannesevangelium sind selbstverständlich in ihrem geschichtlichen Kontext kritisch zu lesen.
Von einem öffentlich publizierenden Humanisten darf eine qualifizierte Differenzierung in der Sache ebenso erwartet werden.