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Der Humanismus und die Werte

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Gehört der Humanismus zu Deutschland? Mit dieser Leitfrage beschäftigte sich eine Tagung der Humanistischen Akademie Deutschland am vergangenen Wochenende in Stuttgart.
Mittwoch, 22. Juni 2016
Foto: © Coloures-pic / Fotolia.com

Woher kommen unsere Werte? Wie können sie aus säkularen und aus religiösen Haltungen heraus auf zeitgemäße und aufgeklärte Weise begründet werden? Foto: © Coloures-pic / Fotolia.com

Die Wertebildung im Kontext einer humanistisch orientierten Pädagogik eröffnete den Reigen der Referate. Ulrike von Chossy, Leiterin der bisher einzigen Grundschule Europas, die als Weltanschauungsschule auf einer profiliert humanistischen Basis arbeitet, erläuterte die theoretischen Grundlagen und die praktische Umsetzung des dortigen pädagogischen Konzepts.

Aus humanistischer Sicht sind Werte nicht gesetzt oder absolut, sondern sie entstehen in einem diskursiven Prozess, wie von Chossy sagte. Diesen Prozess zu ermöglichen und zu trainieren, steht im Mittelpunkt einer humanistischen Moralentwicklung. Schließlich ist diese Methode der Wertebegründung fragil und muss immer wieder neu verfestigt werden. Außerdem geht sie von Voraussetzungen aus, die nicht selbstverständlich sind: die Möglichkeit zum freien Nachdenken, die Begegnung auf Augenhöhe und das angst- und herrschaftsfreie Philosophieren in der Gruppe. Ulrike von Chossy hob hervor, wie wichtig es dabei ist, dass niemand seine individuelle „Wahrheit“ anderen überstülpen möchte, sondern alle tolerant und respektvoll mit der Meinung das anderen umgehen.

Enno Rudolph, emeritierter Philosoph der Universität Luzern, wies eindringlich darauf hin, dass Humanistinnen und Humanisten bei ihrer neugierigen und weltoffenen Haltung auf ein Erbe zurückgreifen könnten, das bereits in der Antike angelegt wurde und mit der Renaissance wieder Eingang in das europäische Denken nach den „finsteren“ Jahrhunderten des christlichen Mittelalters fand. Insofern ist eine Traditionslinie erkennbar, die von humanistischer Bildung, wie sie die Renaissance verstand, bis hin zu den modernen pädagogischen Konzepten des weltanschaulichen Humanismus reicht.

Foto: © A. Platzek

Auch religiöserseits muss Ziel der Wertebildung die Begründung von Menschenrechten, Humanität und Toleranz sein, unterstrich der islamische Theologe Mouhanad Khorchide. Foto: © A. Platzek

Der bekannte islamische Theologe Mouhanad Khorchide (Universität Münster) hatte den Vortrag von Chossy am vorhergehenden Abend zwar nicht gehört, doch sein Beitrag am Samstagmorgen schien geradezu die religiöse Antwort auf die humanistische Sicht der Wertebildung zu sein. Und dabei tat sich eine bemerkenswerte Tür auf: Für Khorchide spielt zwar die Exegese heiliger Schriften und die Suche nach der absoluten Wahrheit Gottes eine zentrale Rolle in der islamischen Werteerziehung. In dieser Hinsicht sind säkular denkende Humanisten und religiöse Menschen wohl geradezu von anderen Planeten.

Khorchides Ziel ist es jedoch, diese weite Distanz trotz aller konzeptionellen Gegensätze und Schwierigkeiten zu überbrücken. Denn im Ziel sei man sich doch weitgehend einig: Eine Wertebildung zu erreichen, die Menschenrechte, Humanität und Toleranz ermöglicht. Es wäre für unsere Gesellschaft überaus lohnend, diesen Ball aufzunehmen und die Herausforderung anzunehmen, zumindest in dieser Zielstellung eine Zusammenarbeit von Humanismus und Islam auszuloten – vielleicht auf künftigen Tagungen der Humanistischen Akademien. Solche „Stuttgarter Gespräche“ zwischen Islam und Humanismus wären ein wirklich bemerkenswerter Beitrag zum ideenpolitischen Diskurs in der Zuwanderungsgesellschaft.

Hilfreich dabei könnte auch der Hinweis Horst Groschopps sein, Humanismus dürfe nicht in einer weltanschaulichen Engführung gesehen werden, sondern müsse darüber hinaus auch für andere Zusammenhänge geöffnet bleiben. Der ehemalige Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands widmet sich in seinem Ruhestand in Sachsen verstärkt der theoretischen und kulturwissenschaftlichen Arbeit am Humanismus und mahnt diese auch gegenüber dem Verband an. Dieser müsse seinen eigenen Begriff von Humanismus noch stärker profilieren und klarer begründen. Zweifellos wird eine solche Vertiefung des weltanschaulichen Humanismus-Begriffs eine lohnende Aufgabe bei der weiteren Theoriebildung sein. Diese Arbeit ist zudem für die Diskursqualität, gerade auch beim Nachdenken über Wertebegründungen, im Humanistischen Verband selbst wie auch an den Schnittstellen zu anderen säkularen wie religiösen Gruppierungen förderlich, wenn nicht sogar erforderlich.

Weitere wichtige Impulse für die Tagung kamen von dem Berliner Rechtsanwalt und Philosophen Thomas Heinrichs, der die Schwierigkeiten erläuterte, die der kirchlich geprägte Rechtsrahmen für die Entfaltung des weltanschaulichen, praktischen Humanismus in Deutschland mit sich bringt. Historische Beiträge über die Chancen freiheitlicher Bestrebungen im Württemberg der Aufklärung (Axel Kuhn) und über freigeistige Persönlichkeiten Schwabens (Heiner Jestrabek) rundeten die Tagung ab. Das reichlich erschienene Publikum beteiligte sich lebhaft und dankte den Organisatoren mit großem Applaus.