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Mit Geld die Welt verändern

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Rund drei Dutzend Vermögende waren am 11. Juni 2016 in Berlin zusammengekommen, um sich über soziale Ungleichheit und den Einfluss von Eliten auf Politik, aber auch über den eigenen Umgang mit Vermögen auszutauschen. Einhelliges Urteil nach einem Tag Diskussion: Es besteht Handlungsbedarf – im Politischen wie im Privaten.
Donnerstag, 16. Juni 2016
Foto: weerapat1003 / Fotolia.com

Mehr als 150 Stifterinnen und Stifter haben sich seit 2002 an der Bewegungsstiftung beteiligt, sodass wichtige Impulse für den gesellschaftlichen Wandel gesät und unterstützt werden können. Foto: weerapat1003 / Fotolia.com

Das Private ist politisch. Mit dieser Parole aus sozialen Bewegungen lässt sich das Seminar „Geld.Macht.Politik“ der Bewegungsstiftung gut zusammenfassen. „Für mich war das Geld, das ich geerbt habe, immer auch mit Scham verbunden. Und das Thema soziale Gerechtigkeit, das mich immer schon interessiert hat, mit der Frage: Habe ich als Privilegierte überhaupt ein Recht, mich dazu zu äußern?“, berichtete eine Teilnehmerin. Jahrelang habe sie das Geld nicht angerührt. Jetzt sei ihr klar: „Ich muss mich damit auseinandersetzen und meinen Weg finden.“

Einfluss von vermögenden Eliten gefährdet unsere Demokratie

Doch zuerst zum Politischen. Zu Beginn des Seminars skizzierte Christina Deckwirth, Kampagnenleiterin des langjährigen Förderprojekts LobbyControl, wie finanzstarke Eliten auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen. Studien belegen, dass die relativ kleine Schicht der Vermögenden in Sachen Steuerpolitik und soziale Gerechtigkeit andere Interessen als die Bevölkerungsmehrheit vertritt. Letztere empfindet die derzeitigen sozialen Unterschiede als ungerecht und wünscht sich mehr Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen. Die Eliten lehnen diese Maßnahmen überwiegend ab und setzen dieses Interesse auch durch – mit Hilfe professioneller Lobbystrukturen und privilegierter Zugänge zur Politik.  Diese Entwicklung bedrohe unsere Demokratie, so Deckwirth. Wenn politische Entscheidungen tendenziell nach den Wünschen der Vermögenden getroffen werden, gerate das Gleichheitsgebot „ein Mensch – eine Stimme“ als grundlegendes demokratisches Prinzip ins Wanken.

Als Beispiel, wie Eliten Einfluss nehmen, nannte Deckwirth die Stiftung Familienunternehmen, die erfolgreich gegen Mindestlohn, Vermögenssteuer und eine Anhebung der Erbschaftssteuer opponiert. Ein Grundproblem bei dem Thema: Es ist zurzeit völlig unklar, wer in welchem Interesse Einfluss auf Politik nimmt. LobbyControl fordert daher umgehend ein Lobbyregister, um Licht ins Dunkel zu bringen.

„Occupy“ als politisches Schlüsselerlebnis

Doch welche Handlungsmöglichkeiten gibt es für progressive Vermögende, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen wollen? Hierzu berichtete Leah Hunt-Hendrix, Erbin und Aktivistin aus den USA, von ihrem eigenen Weg. Ihr Großvater hatte ein Vermögen im Ölgeschäft gemacht, ihre Familie ist seit Jahren philanthropisch aktiv. „Mich hat das eigentlich nie interessiert. Aber dann kam Occupy und ich war mittendrin. Soziale Bewegungen verändern Menschen eben“, berichtete Leah. Ergänzend zum Slogan „We are the 99 percent“, outete sie sich dort als eine der obersten ein Prozent und arbeitete an der finanziellen Unterstützungsstruktur von „Occupy“ mit.

Foto: mediafreedominternational.org

„Veränderungen sind ohne soziale Bewegungen nicht möglich und diese brauchen finanzielle Ressourcen“, betonte Leah-Hunt Hendrix. Foto: mediafreedominternational.org

Für Leah Hunt-Hendrix ist die „Occupy“-Bewegung nicht gescheitert, sondern die Keimzelle für viele neue Bewegungen und politische Erfolge – von der Einführung eines Mindestlohns in mittlerweile 19 US-Bundesstaaten bis hin zur Wahlkampagne von Bernie Sanders, der das Thema soziale Gerechtigkeit in den US-Wahlkampf gebracht hat.

Im Anschluss an ihre „Occupy“-Erfahrung gründete Leah das Vermögenden-Netzwerk Solidaire, das soziale Bewegungen unterstützt, zum Beispiel einen Zusammenschluss von Walmart-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die für ihre Rechte kämpfen, oder Anti-Rassismus-Kampagnen in den USA. Leah Hunt-Hendrix ist überzeugt: „Veränderungen sind ohne soziale Bewegungen nicht möglich und diese brauchen finanzielle Ressourcen.“

„Wir rennen gegen die Zeit an - die Welt steckt in Problemen“

Besonders interessant: Leah berichtete nicht nur über die Erfolge von Solidaire, sondern auch von Problemen, vor denen die Organisation steht und die auch bei der Bewegungsstiftung immer wieder Thema sind. Mit 70 Unterstützerinnen und Unterstützern sei Solidaire einfach nicht groß genug, um all das zu fördern, was wichtig wäre. Förderentscheidungen brauchten manchmal zu lang und, so Leah: „Wir rennen gegen die Zeit an – die Welt steckt in großen Problemen.“

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Vermögende sollten sich vernetzen und gemeinsam handeln, um wirklich große Projekte anschieben zu können, plädiert Christoph Bautz. Foto: © dpa

Was können Vermögende also konkret tun? Hierzu machte Christoph Bautz, Gründungsstifter der Bewegungsstiftung und Geschäftsführer des Kampagnennetzwerks Campact, einige Vorschläge: Zum Beispiel könne man sein Geld ethisch-nachhaltig anlegen und zwar dort, wo es wirklich einen Unterschied macht und Veränderung bewirkt. Vermögende könnten Darlehen an soziale Bewegungen vergeben, wie es einige Stifterinnen und Stifter der Bewegungsstiftung zur Vorfinanzierung der großen Anti-Atom-Demos 2011 getan haben. Ein wichtiger Weg, um Veränderung anzustoßen, sei auch, als progressiver Vermögender an die Öffentlichkeit zu gehen und so zum Beispiel für andere zu werden. „Wenn das nicht immer wieder Stifterinnen und Stifter der Bewegungsstiftung getan hätten, säßen wir heute nicht hier“, so Christoph Bautz. Und als einen der wichtigsten Punkte nannte er: sich mit anderen Vermögenden vernetzen und gemeinsam handeln, um wirklich große Projekte anschieben zu können.

Die im März 2002 gegründete Bewegungsstiftung ist eine bundesweite Gemeinschaftsstiftung, an der sich derzeit mehr als 150 Stifterinnen und Stifter beteiligt haben. Zu den in diesem Jahr geförderten Projekten gehört u.a. das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, das vor drei Jahren vom Humanistischen Verband Deutschlands initiiert worden war. Im Unterschied zu vielen Stiftungen fördert die Bewegungsstiftung nicht in erster Linie „Charity“, sondern „Change“, also Anstöße zum sozialen Wandeln. www.bewegungsstiftung.de

Zur Vernetzung hat auch das Seminar in Berlin beigetragen. „Ich danke allen, die hier so offen ihre Geschichten geteilt haben und Einblick in ihr Handeln gegeben haben“, sagte ein Teilnehmer am Ende der Veranstaltung. „Da sind viele Anregungen dabei, die ich mit nach Hause nehme.“

Progressive Stimmen müssen an Einfluss gewinnen

Seitens der Stiftung wollte man zwei Aufträge aus dem Seminar mit nach Hause nehmen: Auch in Zukunft müssen Räume geschaffen werden, in denen sich Stifterinnen und Stifter mit ihrer eigenen Situation als Vermögende auseinandersetzen können. Hier sollte darüber nachgedacht werden, welche Formen – ob regional oder webbasiert – des Austausches und der Vernetzung sinnvoll sind. Zweitens müsse man sich weiterhin damit auseinandersetzen, wie sich die Stiftung zum Thema Einfluss, Reichtum, Macht und soziale Ungleichheit positionieren und aktiv dazu beitragen kann, dass bei diesem Thema auch andere, progressive Stimmen im öffentlichen Diskurs gehört werden und an Einfluss gewinnen können.

Was ebenfalls deutlich wurde: Die Bewegungsstiftung ist ein Netzwerk von Menschen, die einen verantwortungsvollen und reflektierten Umgang mit ihrem Geld pflegen. Sie darin zu unterstützen, ist bei dem Seminar als Auftrag noch einmal deutlich geworden.

Matthias Fiedler und Wiebke Johanning