Direkt zum Inhalt

Moderne Elternschaft

Druckversion
Noch nie zuvor konnten die Menschen so frei entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht. Doch was bedeutet es, sich auf ein Kind einzulassen? Und welche Veränderungen bringt es mit sich?
Sonntag, 1. März 2015
Foto: privat

Die Freiheit zur Elternschaft

Freiheit ist ein ausschließlich positiv belegter Begriff und niemand von uns möchte nachvollziehbarerweise auch nur ein Fünkchen seiner Freiheit aufgeben. Dennoch bringt sie auch schwierige und ambivalente Empfindungen mit sich, denn wir sind für unsere Entscheidungen selbst verantwortlich und wissen nie, ob der andere Weg nicht doch der bessere gewesen wäre. Glücklich diejenigen, die frühzeitig eine eindeutige Antwort für sich auf die Frage nach Kindern finden. Für die meisten geht der Entscheidung ein langes Abwägen und Suchen voraus. Suchen nach dem richtigen Partner, den passenden Umständen. Und abwägen, was die Veränderung „Kind“ für das eigene Leben bedeuten würde, und ob man wirklich bereit dafür ist beziehungsweise wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Vielleicht hilft es, sich zumindest bewusst zu machen, dass es völlig in Ordnung ist, sich mit dieser Entscheidung länger auseinanderzusetzen, auch wenn unsere Eltern das damals alles vermeintlich locker und beiläufig hingekriegt haben. Wir leben in einer anderen Zeit und unter anderen Lebensumständen.

Soll man Kinder in diese Welt setzen?

Nun, aus Mangel an Alternativen: Ja. Die Menschen bekamen und bekommen unter den schwierigsten Umständen Kinder, in Kriegen, in Hungersnöten und auf der Flucht. Früher natürlich auch, weil die nicht die Möglichkeit hatten zu verhüten. Aber Kinder sind nicht das Sahnehäubchen des Lebens, das man sich unter perfekten Umständen – die es nie gibt – gönnt, sondern das Leben selbst, und seine Fortsetzung. Gäbe es die Möglichkeit, eine Glücksgarantieversicherung für sein Kind abzuschließen, würden die meisten Eltern davon Gebrauch machen. Aber es gibt dafür keine Garantien und keine Versicherungen. Man kann nur sein Bestes geben, um sein Kind zu beschützen und ihm eine solide innere und äußere Basis mitzugeben, mit denen es dann hinaus in eben diese – einzige – Welt geht.

Wie bereit muss man vorher sein?

Es herrscht der weit verbreitete Irrglaube, man müsse sich „bereit“ fühlen, oder noch besser, sich schon als Mutter oder Vater fühlen, wenn man sich entschließt, das Wagnis Elternschaft einzugehen. Die Aufgabe ist aber so groß und lebensverändernd, dass man sie nur in winzigen Schritten gehen kann: Der Entschluss, ein Kind zu wollen. Der positive Schwangerschaftstest (meist erst Monate, manchmal sogar erst Jahre später). Eine ganze Jahreszeit vergeht, bis überhaupt ein Bäuchlein bei der Frau sichtbar wird. Regelmäßige Untersuchungen. Welches Geschlecht hat es? Wie soll es heißen? Wo soll es auf die Welt kommen? Geburtsvorbereitungskurse. Die letzten Schwangerschaftswochen mit einem Bauch, der ein eigenes Kissen im Bett braucht. Und irgendwann dann endlich die Geburt. Es sind unzählige kleine Schritte, bis man das winzige Bündel Leben in den Armen hält. Und dann geht’s überhaupt erst los. Und auch zu diesem Zeitpunkt muss sich noch niemand Elternschaft „können“. Eine Hebamme betreut die frischgebackenen Eltern, gibt Tipps bei den ersten Handgriffen und kommt noch wochen- oder monatelang zur Unterstützung und Betreuung vorbei. Eltern zu werden ist also ein sehr langer Prozess, in dem man Stück für Stück in diese neue Rolle hineinwächst.

Ein Meteorit namens Kind schlägt ein

Nun, ganz so schlimm ist es nicht. Aber ein Kind verändert das eigene Leben schon gewaltig. Nicht nur die äußeren Umstände, sondern es löst auch viele inneren Prozesse und Veränderungen aus. Das Leben dreht sich plötzlich nicht mehr nur um sich selbst, dieses winzige Bündel Leben nimmt einen emotional völlig in Beschlag. Das klingt aber dramatischer, als es ist, denn man ist ja weiterhin Herr oder Frau seines Lebens, nur dass man sich durch ein Kind eben noch tiefer auf dieses Leben einlässt. Viele Mütter und Väter erzählen von den Härten des Alltags mit einem Kleinkind, aber man wächst auch damit und lernt Dinge, die einem anfangs schwierig erscheinen, leichter und mit größerem inneren Abstand handzuhaben. Außerdem kommt ein Art Metaebene hinzu, die aus der tiefen Liebe zum eigenen Kind und auch dem Gefühl der Demut vor diesem Wunder des Lebens erwächst, die einen über viele Alltagshärten trägt.

Partnerschaft

Viele Partnerschaften können in eine Krise geraten, wenn aus Mann und Frau nun auch Vater und Mutter werden. Während Beziehungen und Ehen früher aus wirtschaftlichen Gründen und gesellschaftlichem Erwartungsdruck geschlossen wurden, baut das Fundament einer Partnerschaft heutzutage vor allem auf einer freiwilligen und inneren Begegnung. Liebe, Romantik und Leidenschaft heißen die Stützpfeiler einer Beziehung und die werden von einem Baby oder Kleinkind gewaltig zum Wackeln gebracht. Es ist paradox, aber obwohl ein Neugeborenes fast rund um die Uhr schläft, hält es die Eltern rund um die Uhr auf Trab. Es bleibt keine Zeit mehr für Gemeinsamkeit. Ein weiterer Punkt ist der Stressfaktor. Die schlaflosen Nächte, das Schreien und Quengeln, etwas später die nervenaufreibende Trotzphase bringen die gelassensten Menschen an ihre Grenzen. Hinzu kommt, dass die Betreuung eines Kindes unzählige Handgriffe bedeutet, die man versuchen sollte, möglichst gerecht zu verteilen, um da Konflikte von vornherein zu vermeiden. Es ist ratsam, sich bereits in der Schwangerschaft Gedanken zu machen, wie man weiterhin Inseln der Zweisamkeit schafft, damit die innere Verbindung als Paar auch in dem neuen Alltag erhalten bleibt.

Hinzu kommt, dass Männer und Frauen sich neu in ihren Geschlechtsrollen definieren müssen, weil die klassische Rollenverteilung ausgedient hat. Das bringt natürlich viele Vorteile, vor allem für die Frauen, da sie ihre eigene Verwirklichung nicht mehr hinter dem Familienleben zurückstellen müssen. Und moderne Männer wollen sie ja auch, die selbstbewusste Frau, die ihr eigenes Geld verdient. Das ist eine große Chance zu einer neuen und gerechteren Partnerschaft. Wobei Gerechtigkeit nicht zwangsläufig Gleichheit ist, da Menschen verschieden sind. Jedes Paar, das Eltern wird, sollte sich die Freiheit nehmen, für sich ganz individuell zu definieren, welche Aufteilung für sie fair und stimmig und gerecht ist.

Arbeit und Kind

Ein Kind ist in den ersten Lebensjahren ein Vollzeitjob. Mit Überstunden und Nachtschichten. Wer also neben der Betreuung eines Kindes noch voll arbeitet, hat zwei Jobs, wer Teilzeit arbeitet, eineinhalb Jobs. Viele – vor allem Mütter – stecken jahrelang in dieser Doppelbelastung fest, da Elternpaare beide Gehälter zum Leben brauchen. Andere wiederum können nicht lange aussetzen, weil sie ansonsten um ihren Job bangen müssten. Und viele empfinden „nur“ die Arbeit als Mutter oder Vater als wenig ausfüllend, zumal die gesellschaftliche Anerkennung dafür auch sehr gering ist. Und so kommt es, dass viele Eltern in der sogenannten Rushhour des Lebens, in jenen Lebensjahren, in denen sich alles ballt – Kinder, Karriere, und die eigenen Eltern brauchen vielleicht auch schon Unterstützung – ans Ende ihrer Kräfte kommen und nichts mehr genießen können, sondern nur noch funktionieren und ihre Aufgaben erfüllen. Da ist tatsächlich unser Staat gefragt, bessere Rahmenbedingungen für Eltern zu schaffen, damit nicht jeder einzelne seinen individuellen Kampf kämpfen muss. Es gab ja bereits Vorstöße und Vorschläge, die Arbeitszeit von Eltern auf 30 Stunden die Woche zu reduzieren, um die sogenannte Rushhour des Lebens zu  entzerren. Nun müsste auch der Mut zur Umsetzung folgen. Im besten Falle können Arbeit und Kind sich ergänzen. Weil die Arbeit einem hilft, sich selbst und seine eigenen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Und weil das Familienleben wiederum ein Kontrast dazu ist, der einem den Rücken stärkt.

Vernetzung und Gemeinschaft

„Man braucht ein Dorf um ein Kind aufzuziehen“, so lautet ein afrikanisches Sprichwort. Früher war dieses „Dorf“ von Beginn an gegeben: Die Eltern und Großeltern lebten in der Nähe oder sogar im selben Haus und man war oft zwangsläufig in eine religiöse Wertegemeinschaft eingebunden. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre es ein Affront gewesen, sein Kind nicht taufen zu lassen. Diese „Zwangs“-Gemeinschaften haben sich gelöst und verstreut. Viele junge Menschen ziehen aus ihren Heimatorten weg und Religion spielt für die meisten keine Rolle in ihrem Leben. Es ist eine große Befreiung, sich frei von vorgegebenen Werten und Lebensmodellen zu machen. Gleichzeitig steht man vor der Aufgabe, sich selbst neue Gemeinschaften zu suchen und zu schaffen. Gerade wenn man Kinder hat und nicht ständig einen Babysitter bezahlen kann und will, ist man froh über jede Unterstützung, und ein gutes Netzwerk kann vieles auffangen, gerade wenn man berufstätig ist. Und auch wenn man nicht berufstätig ist und sich eine längere Auszeit für die Kinderbetreuung nimmt, ist es ein Segen, sich mit anderen Erwachsenen auszutauschen.

Der unmögliche Perfektionsanspruch

Eltern müssen sich heutzutage viel Kritik anhören: Wenn eine Mutter frühzeitig wieder arbeiten geht, ist sie eine Rabenmutter, bleibt sie zuhause, eine Glucke. Es reicht nicht, mit dem Kind zum Spielplatz zu gehen, man soll es auch selbst erfüllend finden, im Sandkasten zu buddeln. Väter sollen modern sein und sich engagieren, gleichzeitig liegt nach wie vor die Hauptversorgungslast bei ihnen. Helikoptereltern. Latte-Machiato-Mütter. Usw. usw… Da hilft nur eins: All das Gerede auszublenden und zurück in seine eigene – subjektive – Mitte finden. Die zahlreichen Elternratgeber glauben alle zu wissen, was „richtig“ und „falsch“ ist. Kinder haben aber ein unheimlich feines Gespür dafür, wie aufrichtig man mit ihnen umgeht, deswegen ist es wenig sinnvoll, sich in einer Art und Weise verhalten zu wollen, die vermeintlich richtig ist, aber doch nur vorgetäuscht. Auch Eltern haben ein Recht auf ihre Ecken und Kanten. Die allermeisten Eltern lieben ihre Kinder und bemühen sich sehr, gute Eltern zu sein. Und sie haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ihr eigenes Leben weiterhin zu leben, denn Eltern wirken weit mehr als Vorbilder denn als Erzieher auf ihre Kinder ein. Und was kann es Besseres geben, als seinen Kinder Glücklichsein vorzuleben?

Geben Kinder dem Leben Sinn?

Da es keinen übergeordneten Lebenssinn gibt, kann jeder nur in seinem eigenen Leben Sinnhaftigkeit finden und schaffen. Viele Eltern empfinden ihre Kinder als ihren Lebenssinn, und das liegt nicht daran, dass sie mit sich selbst nichts anfangen könnten, wenn die Kinder nicht da wären. Auch wenn wir hochzivilisiert sind, sind wir weiterhin ein Teil der Natur und diese – menschliche – Natur ist auf Fortpflanzung und Erhalt der eigenen Art ausgelegt. Deswegen ist es nachvollziehbar und plausibel, dass der eigene Nachwuchs als Lebenssinn empfunden wird. Der Religionswissenschaftler Michael Blume weist in seinem Buch Religion und Demografie darauf hin, dass Menschen, die ihr Leben unter dem „Dach“ einer Religion leben, durchschnittlich mehr Kinder auf die Welt bringen, als Menschen, die weniger religiös sind. Dies begründet er unter anderem damit, dass der Glaube die Menschen eher dazu bewegt, den Verzicht auf vieles, den Kinder bedeuten, zu tragen.

Höhere Werte

Wenn dieses „Dach“ für nichtreligiöse Menschen wegfällt, was könnte sie dann dazu bewegen, Verzicht und hohe Kosten auf sich zu nehmen, um in ihren besten Jahren Kinder großzuziehen? Der Alltag mit kleinen Kindern bringt viele Härten mit sich: Ausschlafen wird zu einer wehmütigen Erinnerung aus einem alten Leben, das Leben ist sehr viel fremdbestimmter und Gespräche ohne Unterbrechungen werden zu einem seltenen Glücksmoment. Und trotzdem sind Eltern nicht unglücklich in diesen schwierigen ersten Lebensjahren der Kinder, denn die Natur hat ihnen etwas sehr Wichtiges mitgegeben, der sie dadurch trägt: Die Liebe zu ihrem Kind. Der Schauspieler und sechsfache Vater Bill Murray hat mal gesagt, dass nach den ersten anstrengenden Lebensjahren, Kinder immer mehr zu den Menschen werden, mit denen man am liebsten zusammen ist.

Außerdem lernt man sich selbst und das Leben von vielen neuen Seiten kennen. Es macht selbstbewusst Verantwortung für ein neues Leben zu übernehmen und es hat auch eine tiefe Würde, sich um einen kleinen Menschen zu kümmern und für ihn zu sorgen. Das Leben bekommt dadurch eine ganz andere Verbindlichkeit.

Die Welt wieder mit neuen Augen sehen

Auch wenn es abgedroschen klingt, aber durch ein Kind lernt man die Welt tatsächlich noch einmal neu kennen. Für sie ist die Welt ein Ort des Zaubers, den es zu entdecken gilt. Und schauen minutenlang gebannt zu, wie der Müll in den Müllwagen gekippt wird oder eine Schnecke sich ein paar Zentimeter bewegt. Sie lieben Tiere und die Natur. Sind neugierig auf alles. Sie wurden noch nicht zum Herumsitzen „zivilisiert“ und ihr Bewegungsdrang ist unbändig. Außerdem bekommt das Leben durch Kinder eine ganz neue humoristische Komponente. Sie fragen die irrwitzigsten Dinge, weil für sie noch kein Stein auf dem anderen steht und machen Bemerkungen, die alles untergraben, was wir für gegeben halten, mit unschuldiger, treuherziger Miene. Die Zahnbürste liegt plötzlich im Kühlschrank und die Schuhe werden an einem Sommertag mit Spucke geputzt und vor die Tür gestellt, in der Hoffnung, dass der „(Niko)Laus“ zwischendurch auch mal was vorbeibringt. Irrationalität zieht ins Leben ein und es gibt viel zu lachen. Außerdem zeigen uns Kinder das pure echte Menschsein: Sie weinen, wenn sie sich wehgetan haben und lachen kurz darauf wieder fröhlich. Sie hauen das Nachbarskind auf den Kopf, wenn es ihnen etwas wegnimmt und schlafen an Ort und Stelle ein, wo die Müdigkeit sie übermannt. Sie sind so gegenwärtig, wie wir es mit der besten Meditation nie hinkriegen. Sie zeigen uns so viel, bewusst und unbewusst.

Ab wann ist man eine Familie?

Vor einigen Jahrzehnten gab es darauf eine einzige und klare Antwort: Vater, Mutter und die Kinder. Die Zeiten haben sich – glücklicherweise – geändert und es gibt heute viele gleichwertige Arten Familie zu sein. Leibliche Eltern mit Kindern, Patchwork-Familien, Alleinerziehende. Homosexuelle Partnerschaften sind – so scheint es – zumindest auf dem Weg ein gleichberechtigtes Adoptionsrecht zu erhalten. Wie so oft braucht die Politik etwas länger, um etwas, das in der Gesellschaft angekommen ist, auch gesetzlich zu verankern. Erwachsene, Kinder, Liebe, Verantwortung. Das könnten die festen unverrückbaren Zutaten für eine moderne Familie sein. Weil man Familie nicht mehr über das Äußere definiert, sondern über das, was es im Kern ausmacht und zusammenhält.