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Je suis...Mohammed

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Es geht nicht um den heiligen Propheten der Muslime, sondern einen Flüchtling aus Syrien, der nach ihm benannt wurde. Er hat einen langen gefährlichen Weg auf sich genommen, um dem Terror des Bürgerkrieges zu entkommen. Er hofft auf ein freies und selbständiges Leben in einer offenen Gesellschaft. Wie können wir ihn unterstützen?
Donnerstag, 29. Januar 2015
Bild: gemeinfrei

Mohammed wurde von Assad-Leuten gefoltert und mit 48 Männern auf engstem Raum nackt im Dunkeln eingesperrt, weil er die von ihm geforderten Spitzeldienste nicht leistete. Die Vertreter des Islamischen Staates hielten ihn für einen Spitzel und zerstörten ihm sein Haus und sein Geschäft. Mohammed floh in die Türkei und machte sich mit der Hilfe von Schleppern auf den Weg. Über Griechenland, Italien und die Schweiz gelangte er illegal nach Deutschland. Da zurzeit keine Flüchtlinge nach Griechenland zurückgeschickt werden, wurde das Asylverfahren in Deutschland abgewickelt. Er wurde als Flüchtling gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt. Er hat zunächst ein Aufenthaltsrecht für drei Jahre, er kann Frau und Kinder nachholen und er hat eine Arbeitserlaubnis. Ein privater Verein  erteilt ihm kostenlos den ersten Deutschunterricht. Jetzt wartet er auf einen Integrationskurs um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Mit seiner technischen Ausbildung hat er vermutlich gute Aussichten auf einen Arbeitsplatz. 

Wir wissen um die Lage im Nahen Osten und in Afrika, woher zurzeit die meisten Flüchtlinge kommen. Wir wissen auch, was die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen der Industriestaaten – auch Deutschlands - zu den Problemen in den Herkunftsländern beitragen. Wir engagieren uns politisch für ein verbessertes europäisches und deutsches Flüchtlingsrecht  und für Maßnahmen, die die Ursachen der Flüchtlingsströme an den Wurzeln packen sollen. Wir treten ein für eine offene, freie und solidarische Gesellschaft auf der Grundlage der allgemeinen Menschenrechte. Wir verfassen Resolutionen, wir demonstrieren, wir verfolgen unsere Ziele parlamentarisch und außerparlamentarisch.

Wir haben mit sehr vielen Menschen unsere Solidarität mit den Opfern der islamistischen Terroranschläge in Paris gezeigt. Je suis Charlie wurde zum Erkennungsmerkmal humanistisch orientierter Menschen der unterschiedlichsten Glaubensrichtungen – leider auch zum Deckmantel für fortbestehende inhumane und undemokratische Orientierungen in vielen Regierungen und Staaten.

Es ist zu recht eingewendet worden, dass Je suis Charlie die Aufmerksamkeit auf das Attentat in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo fokussiert hat und damit auf die Bedeutung der Presse- und Meinungsfreiheit für eine offene Gesellschaft.

Mit Blick auf den antisemitisch motivierten Terroranschlag im koscheren Supermarkt und den Tod jüdischer Geiseln haben andere die Parole ergänzt Je suis juif. Das zielt auf die Kritik des Antisemitismus und jedes anderen Rassismus. An den erschossenen muslimischen Polizisten gemahnte die Parole Je suis flic oder Je suis musulman.

Andere haben die Aufmerksamkeit ergänzend auf die hunderttausende Opfer der kriegerischen Auseinandersetzungen an den vielen akuten Kriegsschauplätzen der Welt gelenkt. Das Leben, die Gesundheit und die Freiheit dieser Menschen zählen genauso viel wie das Leben, die Gesundheit und die Freiheit der Terroropfer von Paris!

 Je suis Mohammed soll unsere Aufmerksamkeit auf unsere neuen Nachbarn und Nächsten „mit Migrationshintergrund“ lenken, insbesondere die Flüchtlinge, die auch und ganz konkret unserer Solidarität bedürfen. Natürlich können sie statt Mohammed auch Sara, Maria oder Daniel heißen. Sie können Muslime, Juden, Christen, Jesiden, Aleviten, Buddhisten, Hinduisten, Atheisten oder Träger anderer Merkmale sein.

Wenn wir sie bei ihrem Neuanfang in unserer offenen Gesellschaft unterstützen, leisten wir gleichzeitig einen relevanten Beitrag gegen die sich verstärkt artikulierende Fremdenfeindlichkeit und Entsolidarisierung unserer Gesellschaft. Während auf der einen Seite Pegida und ihre politischen und literarischen Propagandisten ein Klima des Hasses und der Ausgrenzung schüren, können wir in unserem eigenen Umfeld Zeichen setzen für eine humane Weiterentwicklung  unserer Gesellschaft. Im Unterschied zu vielen strukturellen und globalen Problemen, auf die wir keinen direkten Einfluss haben, können wir bei Flüchtlingen in unserem eigenen Wirkungsbereich einen relevanten Beitrag leisten.

Diese Solidaritätswelle, deren Teil wir sein können, wird unsere Gesellschaft verändern:

  • Sie hilft uns bei der Bildung einer neuen kulturellen Identität, die der entstandenen Vielfalt in unserem Land gerecht wird. Nicht nur die Zugereisten müssen sich verändern, auch wir Althergebrachten müssen uns weiter entwickeln.
  • Dem Dialog mit den Muslimen kommt meines Erachtens dabei eine besondere Bedeutung zu – deshalb die symbolische Verwendung des Namens Mohammeds in der Parole Je suis Mohammed. Nicht nur der Islam, auch das Christentum und andere Religionen und Weltanschauungen haben Begründungen für Ausgrenzung, Verfolgung und Krieg bereitgestellt. Man darf sich also ruhig auf Augenhöhe begegnen im gegenseitigen Respekt – ohne die Ausklammerung  von Kritik am Gegenüber. Aus eigener Erfahrung verkenne ich nicht die Schwierigkeiten eines solchen Dialogs. Gemeinsame humanitäre Projekte halte ich für einen geeigneteren Katalysator eines guten Zusammenlebens als theoretische Auseinandersetzungen. Selbstkritische Reflexionen sind allerdings innerhalb der jeweiligen Religionen und Weltanschauugen dringend notwendig, um die gewaltfreundlichen Texte, Auslegungen und Praktiken zugunsten von praktischer Vernunft und Menschlichkeit zurückzudrängen.

Ich bin seit einigen Wochen mit Mohammed* und Sarah*  unterwegs bei ihrem Hindernislauf durch Behörden und Einrichtungen. Die einzuschlagenden Wege sind nicht unlogisch aber nicht immer von vorneherein zu überschauen. Da geht es um die Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und danach durch ein Jobcenter. Mit Hilfe einer Rechtsanwaltskanzlei ist das Visa-Verfahren für den Familiennachzug anzustoßen und im Falle des Erfolgs sind der Flug einschließlich Finanzierung zu organisieren. Eine neue Wohnung wird notwendig sein. Die berufliche Qualifikation aus dem Herkunftsland soll anerkannt und ggf. weiter entwickelt werden, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Die notwendigen Deutschkenntnisse müssen in anerkannten Kursen erworben und trainiert werden.

Die Behörden, die wir dabei besucht haben, bemühen sich wirklich im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Wir treffen zum Teil auf ausgesprochen hilfsbereite Personen, die aber alle die Sprachbarrieren zu überwinden haben – und das bei Bergen von Formularen. Da tut beiden Seiten eine Begleitung durch ehrenamtliche Helfer gut. Offene Fragen können besser geklärt, Missverständnisse können ausgeräumt und Abläufe effizienter abgewickelt werden. Bei den gemeinsamen Ausflügen in die Behördenlandschaft hat man viel Zeit zum Gespräch, man lernt sich kennen. Gegenseitige private Einladungen folgen. Als ehrenamtlicher Helfer bekommt man viel zurück: Dankbarkeit, menschliche Wärme, Horizonterweiterungen aller Art. Die Flüchtlinge fühlen sich gut begleitet, in ihren Anliegen ernst genommen und als Menschen willkommen. Das tut gut nach den schrecklichen Erfahrungen, die ihre Flucht verursacht haben.

Die Entscheidung für ein solches humanitäres Engagement kann man ganz alleine treffen. Man wird sich nicht alleine fühlen, weil immer mehr Menschen die Notwendigkeit für ein aktives Eintreten für Flüchtlinge erkennen. Den Erfahrungsaustausch der Helfer organisieren Städte, Träger der freien Wohlfahrtspflege sowie private Vereine und Organisationen. Das können auch die Gliederungen des Humanistischen Verbandes Deutschlands sein.

*die Namen wurden aus Datenschutzgründen geändert