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Transhumanismus – eine erfolgreiche Strategie des Wissenschaftsmarketings?

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Der „Transhumanismus“ erweckt derzeit Aufmerksamkeit mit Schlagworten wie „Chip im Hirn“ und der „technisch verbesserte Mensch“. Die Humanistische Akademie Berlin-Brandenburg hatte am letzten Wochenende zu einer Tagung eingeladen, in der es um eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Transhumanismus“ ging.
Dienstag, 18. November 2014
Foto: Péter Mács / Fotolia.com

Technologischer Traum: Ein in die Iris eingebetteter elektronischer Schaltkreis potenziert die Leistungsfähigkeit des Auges. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es soweit ist – oder?

Dem Einführungsvortrag des Transhumanisten Dr. Stefan Lorenz Sorgner konnte man entnehmen, dass sich unter dem Begriff des Transhumanismus Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zusammengefunden haben, die auf Grundlage eines simplen monistischen Verständnisses des Menschen in den derzeitigen Weiterentwicklungen von Medizin und Technik – Genetik, Informatik, Robotronik – die Basis einer qualitativ neuen Überschreitung der Möglichkeiten des Menschen sehen und die Verwirklichung eines solchen biologischen und moralischen „Übermenschen“ einfordern.

In den anschließenden Beiträgen von Prof. Dr. Joachim Fischer und Prof. Dr. Enno Rudolph kristallisierte sich als Kernpunkt der Kritik die Frage heraus, warum man diese unbestrittenen und aus humanistischer Perspektive kritisch zu begleitenden Entwicklungen als „transhuman“ bezeichnen sollte. Fischer wies zu Recht darauf hin, dass es im Menschen angelegt ist, fortzuschreiten. Dass der Mensch Hilfsmittel entwickelt, die es ihm ermöglichen, seine biologischen Beschränkungen zu überschreiten, ist in seiner Natur angelegt. Der Mensch kann nichts „Über-“Menschliches schaffen. Was soll an einer Kohlenfaserbeinprothese das qualitativ Neue gegenüber einem Holzbein sein? Was wäre das qualitativ Neue an der möglicherweise einmal gegebenen Möglichkeit seine Gedanken per Leitungskabel auf einen Computer übertragen zu können, gegenüber der Übertragung von Gedanken durch die Schrift auf ein Buch? Was wäre das qualitativ Neue an der möglicherweise einmal erreichbaren Verlangsamung der Alterung durch gezielte genetische Veränderungen gegenüber dem ständigen Zuwachs an Lebenserwartung durch bessere Lebensverhältnisse und Gesundheitssorge?

Auch Rudolph stellte die Frage, was der Transhumanismus eigentlich zu transzendieren trachte, was „trans“ hier heißen solle und was der Transhumanismus als wesentlich technologisches Projekt denn mit Humanismus als kulturellem Projekt zu tun habe.

Die dann einsetzende eher politisch orientierte Debatte um einzelne vom Transhumanismus reklamierte Projekte wie Eugenik und ständige technische Verbesserung menschlicher Möglichkeiten durch neue Formen des Dopings brachte hier keine Klarheit. Dass der „Transhumanismus“ insoweit auch ein neoliberales, herrschaftsorientiertes politisches Projekt darstellt, das der Bildung einer neuen Elite dient und hinter dem wirtschaftliche Interessen stehen, wurde klar, beantwortete aber nicht die Frage, warum das Projekt unter dem Namen „Transhumanismus“ auftritt.

Erst auf dem Abschlusspodium wurde Herr Sorgner hier deutlich. Auf die drängenden Fragen hin erklärte er, der Begriff „Transhumanismus“ sei „sexy“ und vermarkte sich eben gut. Und das wird es wohl tatsächlich sein.

Jedem ernsthaften Philosophen und Wissenschaftler sträuben sich die Haare, wenn er hört, dass ein neuer Begriff nicht eingeführt wird, weil er eine neue Unterscheidung markieren soll, weil er dazu dienen soll etwas Neues zu be-greifen, sondern weil es darum geht, etwas zu vermarkten. Ich fürchte, wir werden uns aber daran gewöhnen müssen, dass in der neoliberalen Gesellschaft die inzwischen großteils privat- und drittmittelfinanzierte Wissenschaft auch insoweit der Marktlogik unterworfen ist, dass sie die Produktion wissenschaftlicher Ergebnisse an den Erfordernissen von Vermarktungsstrategien orientiert.

Auch der ähnlich neue und ähnlich schlagzeilenträchtige Begriff der „Neurowissenschaften“ ist ein solcher Marketingbegriff. Ähnlich wie die „Neurowissenschaften“ setzt auch der „Transhumanismus“ auf das Versprechen der Selbstoptimierung. Der Wissenschaftssoziologe Torsten Heinemann hat in seiner Studie zu den Neurowissenschaften („Populäre Wissenschaft“) gezeigt, wie sehr die finanzielle Förderung von Wissenschaftlern durch Staat und Private heute von der Repräsentanz eines wissenschaftlichen Faches in der Öffentlichkeit abhängt. Ein gutes Wissenschaftsmarketing ist daher entscheidend für die eigene Karriere, für die Förderung von Universitäten und Instituten, für die Schaffung von Stellen und Forschungsmöglichkeiten. Die Wissenschaft orientiert sich daher heute häufig an Marketingkriterien. Der Begriff „Transhumanismus“ ist genauso wie der Begriff der „Neurowissenschaften“ ein solcher Marketingbegriff.

Was bedeutet das für uns Humanisten? Wir müssen uns weiterhin kritisch mit den einzelnen Problemen, die durch die technische Weiterentwicklung und die neuen Handlungsmöglichkeiten des Menschen entstehen, auseinandersetzen. Soll es Eugenik geben? Wer kann sich neue technische oder biologische Verbesserungsmöglichkeiten seiner selbst leisten? Wer entscheidet, wem sie zugutekommen? Wofür werden Ressourcen eingesetzt, für die Optimierung einer kleinen Elite oder für die Verbesserung der Lebensbedingungen vieler Menschen?

All diese auf der Veranstaltung gestellten Fragen gilt es weiterhin zu diskutieren und die wissenschaftlichen und sozialen Prozesse aus humanistischer Perspektive kritisch zu begleiten und soweit möglich zu gestalten. Die Vokabel „Transhumanismus“ brauchen wir hierfür jedoch nicht.