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Nicht ganz rational, aber evolutionär erfolgreich

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Warum haben die meisten Menschen auf der Erde immer noch einen religiösen Glauben? Ein Jahrzehnt lang forschte der Religionswissenschaftler Michael Blume zu dieser Frage. In dem vor einem Monat veröffentlichten Buch „Religion und Demografie“ hat er Bilanz gezogen.
Mittwoch, 7. Mai 2014
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Auch undogmatische, nicht-theistische Glaubensrichtungen setzen beim Thema Familie Schwerpunkte.

Sie behaupten außerdem, dass alle nichtreligiösen Gemeinschaften bzw. Populationen schnell wieder eingegangen seien. Die American Humanist Association wurde 1941 gegründet und existiert immer noch. Die British Humanist Association entstand im Jahr 1896. Der Humanistische Verband Deutschlands blickt in seiner wechselhaften Geschichte, und trotz der Beschädigungen im 20. Jahrhundert, sogar auf eine 150-jährige Geschichte zurück.

Ich schrieb, dass nichtreligiöse Gemeinschaften bislang „nie demografisch stabil“ waren – und das stimmt ja leider auch. Nichtreligiöse Gemeinschaften sind bislang ständig von Überalterung bedroht und immer auf neue „Missionserfolge“ angewiesen, um sich zu erhalten. Noch schlechter sieht es trotz des Internets bei den Organisationsgraden aus: Während stabil mehr als achtzig Prozent der Juden und Christen in Deutschland einer Religionsgemeinschaft angehören und sogar die „neuen“ muslimischen Verbände bereits zwanzig bis vierzig Prozent erreichen, kommen auch die traditionsreichen humanistischen Verbände in Deutschland auf kaum ein Tausendstel der Konfessionslosen. Immerhin setzen einige von ihnen zunehmend auf Jugend- und Familienarbeit, Kindergärten, Schulen und den erfolgreichen Lebenskunde-Unterricht in Berlin. Vielleicht entwickelt sich ja so noch etwas mit auch demografischer Zukunft.

Kann man Religionsgemeinschaften und derartige Organisationen nichtreligiöser Menschen überhaupt vergleichen? Letztere benutzen beispielsweise keine Kindertaufe, um Nachwuchs zu gewinnen und lehren auch keine Mythen als Wahrheiten, wie die meisten Religionen.

Wenn man alles andere runterdampft kommt man tatsächlich auf den Faktor, dass sich durch den Glauben an höhere Wesenheiten Verhaltensgebote und deren Beobachtung herleiten lassen, aus nichtreligiösen Prinzipien bislang nicht. „Genetische Veranlagungen werden durch Fortpflanzung weiter gegeben“ ist biologisch richtig, aber kaum jemand fühlt sich davon zu einem bestimmten Lebenswandel verpflichtet. Bei „Gott spricht: Seid fruchtbar und mehret euch!“ kann das schon ganz anders aussehen. Religionen bieten also nicht nur gewachsene Gebote, sondern auch den Glauben an höhere Wesen, die deren Einhaltung überwachen. Das war und ist vielleicht nicht ganz rational, aber evolutionär sehr erfolgreich.

Würden Sie also sagen, dass es ein Fehler ist, wenn Atheisten oder Vereinigungen nichtreligiöser Menschen ein grundlegendes und facettenreiches Thema wie Familie ausblenden?

Wenn das Universum nur aus Zufall entstanden, sinn- und ziellos sei und das Leben ohnehin früher oder später wieder spurlos verschwinden wird, scheint mir eine Konzentration auf die Bedürfnisse der bereits Lebenden kein logischer Fehler zu sein. Es musste erst ein säkularer, antinatalistischer Philosoph wie Karim Akerma kommen, um mir die Augen für die Bedeutung der Anthropodizee zu öffnen. Dabei geht es um die Frage, wie sich menschliches Leben und das Zeugen von Nachkommen eigentlich angesichts von unvermeidlichen Folgen wie Leid und Tod rechtfertigen lassen. Akerma zeigt, wie viele Kollegen und Kolleginnen auch, dass es seit Beginn der Philosophie darauf nie eine überzeugende, nichtreligiöse Antwort gegeben hat. Auch zum Beispiel der Evolutionsbiologe Richard Dawkins empfiehlt im Schlusskapitel des „egoistischen Gens“ entsprechend, lieber Meme als Gene in die Welt zu setzen. Persönlich würde ich mich sehr freuen, wenn auch meine atheistischen und humanistischen Freunde mehr Kinder in die Welt setzen würden – schon weil viele von ihnen großartige Eltern wären. Aber ob das für sie, die Kinder und den Planeten überhaupt erstrebenswert sei, müssen sie schon selbst beantworten.

Webtipp
Kennen Sie schon? humanistisch.net – Unser neuer News- und Community-Service.

Deutschland befindet sich seit langem in einem tiefgreifenden demografischen Wandel, ebenso wie das katholische Italien und andere europäische Länder. Wie sollten Ihre Beobachtungen von der Politik hierzulande aufgenommen werden?

Zum einen zeigen die demografischen Befunde, dass starrer Traditionalismus keine Lösung ist. Wo die Familienrollen weitgehend eingefroren werden wie in Italien, Griechenland, Japan oder auch in der Türkei und leider auch bei uns, erleben sich die jungen Leute als überfordert und brechen die Geburtenraten besonders schnell und massiv ein. Erfolgreicher sind Staaten wie Frankreich oder Schweden, die es durch gute Bildungs- und Betreuungsangebote sowie ein faires Steuerrecht beiden Eltern ermöglichen, auch mit Kindern am öffentlichen und beruflichen Leben teilzuhaben. Für besonders kinderreiche – und häufiger traditionell-religiöse - Familien müsste es schließlich auch die Option geben, dass einer oder beide zeitweise beruflich zurückstecken, ohne zu verarmen. Dann ist mittelfristig eine freiheitliche Mischung aus Kinderlosen, kinderarmen und kinderreichen Familien möglich, die alle nach ihrer jeweiligen Façon selig werden lässt und zugleich insgesamt demografisch nachhaltig leben. Wirtschaftlich gesehen ist es aber natürlich noch lange billiger, statt auf „teuer“ im Inland aufzuziehende Kinder lieber auf aufstiegsorientierte Zuwanderer zu setzen. Kinder haben eine schwache Lobby und bis zu einer wirklich lebensförderlichen Familien- und Bildungspolitik ist es in Deutschland noch ein weiter Weg.

Und was halten Sie von der in manchen Kreisen der christlichen Kirchen teilweise beliebten Forderung nach einem allgemeinen Verbot des Rechts von Frauen, eine ungewollte Schwangerschaft rechtzeitig abzubrechen?

Davon halte ich ebenso wenig wie zum Beispiel von Kampagnen gegen Homosexuelle oder gegen sogenannte „Religioten“. In einer wirklich freiheitlichen Gesellschaft sollten Menschen verschiedene Lebenswege wählen können, seien diese religiös oder nichtreligiös, kinderlos, in Kleinfamilien oder kinderreich. Ich will zum Beispiel, dass mein eher wertkonservativer Lebensstil auch von meinen nichtreligiösen Freunden respektiert wird und spreche mich ebenso dafür aus, auch andere Lebensstile zu respektieren. Warum sollte es mich als Christen und Vater von drei Kindern denn zum Beispiel stören, wenn auch homosexuelle Freundinnen und Freunde füreinander Verantwortung übernehmen? Partnerschaft ist doch besser als Einsamkeit und der Wunsch nach Schutz und Segen auch ein Kompliment an die klassische Ehe. Ich finde: Wer von der Überlegenheit des je eigenen Modells überzeugt ist, der oder die möge es doch bitte einfach vorleben. Die Evolution des Lebens entfaltet sich immer über Varianz, also über Vielfalt. Intoleranz und Verbieteritis halte ich dagegen für freiheits- und damit lebensfeindlich, egal ob im religiösen oder nichtreligiösen Gewand.

Sie haben in dem Band auch gezeigt, dass staatliche Familienförderungspolitik nicht genügt, um weniger und nichtreligiöse Menschen hinreichend zur Familienbildung zu motivieren. Den Befund stützen Sie unter anderem darauf, dass sogar unter sehr guten Umständen wie etwa in Schweden die für eine stabile Bevölkerungszahl notwendige Menge an Nachwuchs nicht erreicht wird. Kann man eine Kulturgemeinschaft als fortschrittlich und modern bezeichnen, wenn es ihr nicht gelingt, sich dauerhaft zu reproduzieren?

Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit war und ist ja, dass nachwachsen sollte, was abgebaut wird. Und unsere derzeitige Gesellschaft verbraucht Ressourcen, zerstört Umwelt, häuft Schulden an und verebbt auch demografisch seit Jahrzehnten. Ich sehe also nicht, dass wir derzeit beanspruchen könnten, die Spitze von Fortschritt und Modernität zu bilden. Wir müssten wohl den Mut haben, uns und unseren Lebensstil auch selbst in Frage zu stellen und weiter zu entwickeln. So habe ich auch von meiner Frau, deren Eltern aus der Türkei kamen, viel gelernt. Ich meine, dass wir Alt- und Neudeutschen das schaffen können und dass sich schon jetzt mehr und mehr Menschen auf die Suche nach neuen Antworten machen. Wenn auch meine wissenschaftlichen Arbeiten dazu ein klein wenig beitragen könnten wäre ich mehr als glücklich.

Immer weniger Familien Im Mai 2013 berichtete das Statistische Bundesamt, dass mit 49 Prozent mittlerweile weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung in Familien lebt. Grundlage des Berichts bildeten die Daten des Mikrozensus, der größten jährlichen Haushaltsbefragung in Deutschland und Europa. Besonders niedrig war der Anteil der Menschen, die in einer Familie leben, in Berlin (40 Prozent) sowie in Bremen und Sachsen (jeweils 41 Prozent).

Woher rühren Ihrer Einschätzung nach die Motive der Stimmen in der Gesellschaft, die die Leistungen, die gerade Eltern mit mehr als ein oder zwei Kindern erbringen, ob nun religiös oder nichtreligiös, nicht anerkennen?

Sowohl Kinderlose wie Kinderreiche berichten überall auf der Welt von abfälligen Bemerkungen. In Gesellschaften prägen sich immer auch Normerwartungen heraus, nach denen beispielsweise „ideale Familiengrößen“ bei ein bis zwei Kindern (Deutschland, Türkei) oder eher drei Kindern (USA, Israel) angesetzt und mit weiteren Erwartungen an die Eltern, wie Einkommen, Karriere etc., verknüpft werden. Wer diesen oft sehr engen Normen nicht entspricht, erlebt Anfeindungen und wird wiederum dazu tendieren, sich unter Gleichgesinnte zurück zu ziehen, wo die eigenen Normen bestätigt werden. Und schon spotten die einen über „Herdprämien“ und die anderen über „Gender-IdeologInnen“. Dass jede freiheitliche Gesellschaft aus der Vielfalt der Lebensstile lebt, die sich idealerweise gegenseitig ergänzen, wird bislang leider nur von wenigen verstanden. Aber genau da müssen wir hin!

Sie sagen, wer den Himmel leerräumt, schafft die Menschheit ab. Welchen Aufgaben oder Herausforderungen müssten sich aus Ihrer Sicht nun die Atheisten stellen, die nicht die Abschaffung der Menschheit zum Ziel haben?

Naja, das ist nun mal der Befund aus den Anthropodizee-Debatten, die ich empirisch bestätigt gefunden habe: Für kostspielige Entscheidungen brauchen die Menschen Gründe und der Aufbau einer kinderreichen Familie gehört zu den teuersten Entscheidungen, die Menschen zudem auch noch paarweise treffen müssen. Bislang haben gerade unter gebildeten und wohlhabenden Bedingungen nur einige – nicht alle! – Religionsgemeinschaften kinderreiche Familien in ausreichender Zahl hervor gebracht. Anstatt also verdruckst über „biodeutsche“ versus „zugewanderte“, „religiöse“ versus „humanistische“ Kinder zu stammeln sollten wir die ehrliche, voneinander lernende Debatte führen, ob und wie wir Leben und Kultur weitergeben und einander dabei staatlich und gemeinschaftlich unterstützen wollen. Auch die Kirchen könnten da weit mehr tun – das Demografie-Kapitel in der letzten Ökumenischen Sozialinitiative war eine ökonomistische und herzlose Enttäuschung. So wie die Theodizee-Frage die Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert geprägt hat, so dürfte die Frage der Anthropodizee und des demografischen Verebbens zu einer Leitfrage ab dem 21. Jahrhundert werden. Und wenn wir sie nicht beantworten, werden wir halt verebben und sich andere finden. Die Evolution geht so oder so weiter.

Herr Dr. Blume, vielen Dank für das Gespräch!

Image of Religion und Demografie: Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt

sciebooks Verlag, Michael Blume: Religion und Demografie: Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt. CreateSpace Independent Publishing Platform 2014, Taschenbuch, 238 Seiten