Direkt zum Inhalt
Unser neuer News- & Community-Service – Entdecke die Vielfalt!
view counter

Nicht ganz rational, aber evolutionär erfolgreich

DruckversionEinem Freund senden
Warum haben die meisten Menschen auf der Erde immer noch einen religiösen Glauben? Ein Jahrzehnt lang forschte der Religionswissenschaftler Michael Blume zu dieser Frage. In dem vor einem Monat veröffentlichten Buch „Religion und Demografie“ hat er Bilanz gezogen.
Mittwoch, 7. Mai 2014
Foto: © alekuwka83 - Fotolia.com

Für eine große Mehrheit der Weltbevölkerung sind Familie und Glaube eng miteinander verbunden. Foto: © alekuwka83 - Fotolia.com

„Kinder haben eine schwache Lobby und bis zu einer wirklich lebensförderlichen Familien- und Bildungspolitik ist es in Deutschland noch ein weiter Weg“, stellt Blume im Gespräch über seine Erkenntnisse fest. Zu den Erkenntnissen gehört zudem der Befund, dass Menschen ohne religiöse Praxis sogar in den hochentwickelten Ländern insgesamt deutlich zu wenige Nachkommen hervorbringen, um eine Überalterung der Gesellschaften zu vermeiden. Religiöse Glaubensrichtungen sind hingegen beständig, weil sie die Familienbildung erheblich fördern können.

„Wir müssten den Mut haben, uns und unseren Lebensstil in Frage zu stellen“, sagt Michael Blume zu den nun vor uns liegenden Herausforderungen auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft. Und er hält es für wahrscheinlich, dass die Anthropodizee ab dem 21. Jahrhundert zu einer Leitfrage für die Aufklärung werden wird.

„Religionen – und nur Religionen – vermögen Menschen in ausreichender Zahl zu dem Verzicht zu bewegen, den Familien mit mehr als zwei Kindern bedeuten.“ – Herr Dr. Blume, diesen Befund stellen Sie in großer Deutlichkeit als Fazit einer mehr als zehnjährigen Arbeit im Bereich Religion und Demografie vor. Nicht die religiöse Mission, sondern vor allem familiäre Sozialisation ist der Grund, weshalb Konfessionen Bestand haben. Warum betonen Sie das?

Michael Blume: Weil es auch meine eigenen, anfänglichen Thesen über Bord geworfen hat. Als ich vor zehn Jahren durch eine Bemerkung des damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) auf das Thema aufmerksam wurde, nahm ich zunächst an, dass Religiosität „nach Abzug aller anderen Faktoren“ wie Bildung, Wohlstand usw. vielleicht noch einen kleinen Reproduktionsvorteil erbringen würde. Das hätte ja auch für die Evolutionsforschung völlig ausgereicht.

Ich habe selbst Jahre gebraucht, um wirklich zu verstehen, dass die Prozentunterschiede banal sind gegenüber dem Basisbefund – dass sich auf Basis religiöser Überzeugungen ein sehr viel breiteres, kooperatives und reproduktives Potential auftut. Die Demografie religiöser Gemeinschaften reicht von den kinderlosen Shakern bis rauf zu den extrem kinderreichen Amish, Hutterern oder Haredim. Nichtreligiöse Populationen bewegen sich dagegen bislang ausnahmslos unter der demografischen Bestandserhaltungsgrenze. Ich verübele niemanden, wenn er oder sie sich erst einmal gegen diesen empirischen Befund wehrt – mir selbst ging es ja nicht anders. Religionsdemografie gefährdet unsere Alltagstheorien, die wir alle so mit uns herum tragen.

Foto

Michael Blume studierte nach einer Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Er promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion und forscht über den Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum im Rahmen der Evolutionsbiologie des Menschen, der Geschlechter- und Glücksforschung. Er lehrte in Tübingen, Leipzig, Heidelberg, Marburg, Jena und aktuell seit 2013 in Köln.

Bei einem Blick in die europäische Geschichte wirkt der Befund trotzdem zunächst als konstruierte These. Gotteszweifler, Religionskritiker und Atheisten sind hier von den herrschenden Mächten während der letzten anderthalb Jahrtausende auf teils drastische Weise bekämpft worden. Noch heute sind Menschen ohne Konfession sogar auf dem deutschen Arbeitsmarkt massiv benachteiligt, denn die christlichen Kirchen und andere religiöse Weltanschauungsgemeinschaften dürfen als einzige Träger der freien Wohlfahrtspflege Mitarbeiter nach Konfession auswählen. Warum beurteilen Sie die Menschen mit und ohne religiöse Überzeugungen am gleichen Maßstab, obwohl noch bisher so gut wie nie gleiche gesellschaftliche Rahmenbedingungen für religiöse und nichtreligiöse Menschen vorhanden gewesen sind?

Nun, wir haben atheistische und nichtreligiöse Philosophien doch schon in der griechischen Antike, ebenso zum Beispiel in Indien. Und gerade auch das historisch jüngere Christentum setzte sich über Jahrhunderte hinweg auch „gegen“ staatliche Unterdrückung durch. Erst nach seinem auch demografischen Erfolg wurde es zeitweise zur Staatsreligion.

Volle Religionsfreiheit und eine Vielzahl säkularer Gründungen haben wir dann wieder ab dem 18. Jahrhundert in den USA, dann auch zunehmend in europäischen Ländern, dem anfangs säkularen Israel usw. In Deutschland haben wir schon im Kaiserreich das erste Aufblühen nichtreligiöser Weltanschauungsgemeinschaften wie den Freidenkern und Monisten, die es sogar noch in die Weimarer Reichsverfassung und auf diesem Weg bis in unser Grundgesetz schafften. Für die Zukunft schließe ich selbstverständlich nichts aus, doch sollte kein wissenschaftlich interessierter Mensch an der empirischen Beobachtung vorbei gehen, dass bis heute keine nichtreligiöse und zugleich kinderreiche Gemeinschaft aufgezeigt werden konnte. Auch sehr viel jüngere und kinderreiche Glaubensgemeinschaften wie die erst 1830 gegründeten Mormonen oder die erst vor wenigen Jahrzehnten gestarteten Quiverfulls hat es in der gleichen Zeit reichlich gegeben.

Als unbestreitbar kann jedenfalls gelten, dass bestimmte religiöse Überzeugungen einen signifikanten Effekt auf die Neigung zur Fortpflanzung und Familienbildung haben. Ihre Ausführungen im Band liefern hier einen faszinierenden Einblick in die Entwicklung von verschiedenen Gruppen in den letzten 200 Jahren. Was hat Sie bei Ihren Untersuchungen, von dem herausgestellten Befund abgesehen, überrascht?

Die Vielfalt der religiösen Traditionen, die sich in der kulturellen Evolution entwickeln. So lehnen beispielsweise die kinderreichen Satmar-Haredim Leistungen des Staates Israel ab, da dieser nicht vom Messias gegründet worden sei, akzeptieren aber US-Sozialhilfe. Old Order Amish legen dagegen größten Wert auf ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit und haben sich sogar verklagen und einsperren lassen, um nicht Teil des entstehenden US-Sozialstaates werden zu müssen. Die Mormonen wurden von einem verarmten Farmerssohn und Schatzsucher gegründet und haben in nicht einmal zwei Jahrhunderten einen Staat mit Hauptstadt und riesiger Universität sowie eine wiederum kinderreichen Anhängerschaft von rund 15 Millionen Menschen aus dem Boden gestampft. Die russischen Skopzen haben sich dagegen Brüste und Genitalien verstümmelt, um von aller sündigen Fortpflanzung wegzukommen. Erst wenn man Statistiken und Fallstudien kombiniert wird deutlich, welche Potentiale Religionen in jeder Richtung entfalten.

Kann man denn sagen, dass Menschen mit bestimmten religiösen Überzeugungen so etwas wie „bessere Menschen“ sind? Eine Schlussfolgerung könnte ja lauten, dass Menschen ohne Religion per se ein gesellschaftliches Problem darstellen: sie wären demnach ein Grund, weshalb kulturelle Gemeinschaften, wie der Philosoph Karim Akerma es nennt, „verebben“.

Dazu eine ganz klare Antwort: Nein! Nichtreligiöse Menschen können individuell genauso moralisch und aufrichtig leben wie ihre religiösen Zeitgenossen. Der gemeinsame Glauben an beobachtende, höhere Wesenheiten führt zunächst einmal nur, wie schon Charles Darwin vermutete, zu stärkeren Gemeinschaften. Diese können aber von edel bis grausam, von den Quäkern bis zu Al Qaida reichen und sind also auch nicht alle „gut“. Es ist freilich gerade aus evolutionärer Sicht zu erwarten und dann auch beobachtbar, dass sich lebensförderliche und kinderreiche Varianten auf Dauer besser durchsetzen, weswegen es die familienfreundlichen Mennoniten noch gibt, die Sonnentempler aber nicht mehr. Aus dem gleichen Grund unterscheiden wir auch umgangssprachlich neue, noch nicht ausgereifte und also potentiell instabile „Sekten“ von gewachsenen, zunehmend pluralen und also bewährten „Religionsgemeinschaften“. Wenn unser Grundgesetz von Religionen die „Gewähr der Dauer“ einfordert, so ist das eigentlich ein evolutionäres Argument, ein Erfahrungswert.

Image of Religion und Demografie: Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt

Michael Blume: Religion und Demografie: Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt. CreateSpace Independent Publishing Platform 2014, Taschenbuch, 238 Seiten